Süddeutsche Zeitung

Analphabetismus:"Das Thema ist so tabu wie früher Aids"

  • In Bayern leben etwa eine Million Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können.
  • Oft weiß nicht mal das nahe Umfeld der Betroffenen von der Lese- und Schreibschwäche, da funktionale Analphabeten meist einen Schulabschluss und einen Job haben.
  • Der Freistaat investierte 2015 und 2016 etwa 1,2 Millionen Euro in Alphabetisierungskurse - doch nur wenige Menschen nehmen die Hilfe in Anspruch.

Von Anna Günther

Fast 25 Jahre war Marianne Huber verheiratet. Dann starb ihr Mann. Ihr größtes Geheimnis hat er nie erfahren, auch die Kinder wissen nichts davon. Marianne Huber ist Analphabetin. Sie kann nicht richtig lesen und schreiben. Einzelne Sätze sind kein Problem, aber zusammenhängende Texte zu verstehen, fällt ihr sehr schwer.

Wie kann es sein, dass ihre Familie nichts merkte? Huber zuckt mit den Schultern und sagt, sie habe sich zu helfen gewusst. "Formulare hat immer mein Mann ausgefüllt, auch den Kredit für das Haus hat er beantragt", sagt Huber. Nach seinem Tod war sie auf sich allein gestellt.

Siebeneinhalb Millionen Analphabeten gibt es in Deutschland, etwa eine Million lebt und arbeitet in Bayern. Darunter fallen keine Flüchtlinge. Diese Deutschen haben nie richtig lesen und schreiben gelernt. Ein Drittel von ihnen kann nur den eigenen Namen und einzelne Sätze schreiben. Die meisten gelten wie Huber als funktionale Analphabeten.

Sie haben große Probleme, zusammenhängende Sätze zu verstehen und geben schon bei kürzeren Texten auf. Rechtschreibprobleme hat etwa ein Viertel aller Erwerbstätigen. Exakte Zahlen gibt es nicht, erst seit Forscher der Uni Hamburg 2011 für die Leo-Studie zur Literalität von Erwachsenen 8500 Menschen befragten, weiß man: Die meisten Analphabeten sind zwischen 40 und 64 Jahre alt, haben einen Schulabschluss und einen Job. Hilfe suchen sie nicht.

Dabei rufen Politiker seit Jahren eine Kampagne nach der anderen aus, gerade erst verkündete Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) die neue Dekade der Alphabetisierung. 180 Millionen Euro sollen bis 2026 in Projekte fließen. Prominente werben in Kinospots und Musik-Streamingdiensten für Alphabetisierungskurse.

Es gibt zahlreiche Hilfsangebote

Trotzdem sinkt die Zahl der Analphabeten nicht, Bayern bildet da keine Ausnahme. Die Scham der Betroffenen ist größer. Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken, wer das nicht kann, ist von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Das fängt bei Arbeitsanweisungen oder Speisekarten an und endet nicht bei den Hausaufgaben der eigenen Kinder oder Überweisungsträgern.

Dabei gibt es Angebote. Der Freistaat investierte allein in den vergangenen beiden Jahren 1,2 Millionen Euro in Alphabetisierungskurse. Die meisten Volkshochschulen (VHS) in Bayern bieten solche Kurse an - auch wenn diese selten so heißen. Bloß niemanden verschrecken. Denn in den wenigsten Gruppen sitzen Deutsche. "Es ist wohl zu frustrierend, wenn ein Iraker sie nach drei Monaten überholt", sagt eine Dozentin in Nürnberg. Ihre Schüler kommen aus Nigeria, Syrien und Afghanistan. Die meisten sind seit kurzem in Bayern und plaudern problemlos mit dem Besuch. Die VHS München versucht mit Lernwerkstätten auch ein unverbindliches Angebot zu schaffen. Jeder kann vorbeischauen.

Analphabeten entwickeln Strategien, um ihre Schwäche nicht zu zeigen

Die Scham ist das größte Problem: Eher wursteln sich Betroffene durch, als ihr Manko zuzugeben. Auch Marianne Huber heißt nicht so, aber sie holte sich Hilfe und spricht über ihr Problem - zumindest mit der Reporterin. Sich nicht zu kennen, macht es leichter. Schon in der Grundschule fiel Huber Lesen schwer, Hilfe bekam sie weder zu Hause noch in der Sonderschule. Mit 16 begann sie eine Ausbildung, arbeitet seitdem als Reinigungskraft. Ihren Kindern halfen Mittagsbetreuung und Nachhilfelehrer bei den Hausaufgaben.

Diese Bildungsbiografie sei typisch, sagt Renate Schiefer vom Bildungswerk des Gewerkschaftsbundes in Bayern. Lesen und Schreiben sind komplexe Leistungen. Wenn diese sich nie gefestigt haben und in einfachen Jobs nicht ständig gebraucht werden, können sie rasch verlernt werden. Aber das Problem haben nicht nur Geringqualifizierte, sagt Ursula Klimiont, die sich seit zehn Jahren im Bildungszentrum der Stadt Nürnberg um Grundbildung kümmert. "Ich habe sogar Maschinenbauer erlebt, die hochkomplizierte Dinge schaffen, aber wer nicht täglich lesen und schreiben muss, kann in zwei Jahren zum funktionalen Analphabeten werden."

Die Familien wissen selten von dieser Schwäche, eher vertrauten sich Betroffene den Kollegen an, bestätigt Schiefer. Dort setzt Mento an. In diesem Mentorenprogramm schult der Deutsche Gewerkschaftsbund Betriebsräte, Gewerkschafter und Vertrauenspersonen, damit diese betroffene Kollegen erkennen und Hilfe anbieten.

In Bayern steht das Projekt mit zwölf Mentoren noch am Anfang. "Das Thema ist so tabu wie früher Aids", sagt Schiefer. Der Fehler liege im System: "Die Schule fängt keine Ungleichheit auf, es ist keine Zeit für langsam lernende Kinder." Und in Betrieben würden vor allem Führungskräfte in Fortbildungen geschickt. Gering Qualifizierte kämen zu kurz.

Die Firmen sehen den Staat in der Pflicht: "Die Wirtschaft greift nach Möglichkeit korrigierend ein, falls es Versäumnisse gibt", sagt Bertram Brossardt, Geschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft. Aber der Freistaat könne mit einem Euro pro Jahr und Analphabeten gar keine Verbesserung erreichen, kritisiert Kathi Petersen (SPD).

Die Hilfe muss viel früher ansetzen

Das Problem beginne viel früher, denn auch in Bayern gebe es 20 Prozent Risikoschüler, die als Erwachsene Probleme haben dürften. "Es ist ein Skandal, dass es unser Schulsystem nicht schafft, diese Menschen abzuholen." Das Kultusministerium verweist auf differenzierten Unterricht und spezielle Unterstützung in den Grundschulen. Außerdem trainierten Förderlehrer an den Mittelschulen gezielt sprachliche Kompetenzen.

Marianne Huber musste sich selbst helfen. Als ihr Mann starb, konnte sie mit dem Handy nur telefonieren, jetzt schreibt sie Kurznachrichten. "Die Übung hilft", sagt sie. Mittlerweile besitzt sie sogar ein dünnes Bändchen mit Gedichten. Wovon diese handeln, kann Huber nicht sagen. "Ich vergesse das sofort, aber die Gedichte sind kurz, ich lese sie einfach immer wieder."

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Quelle:
SZ vom 23.01.2017/vewo/bica
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