Grenzübergang:"Öffnen Sie die Motorhaube"

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Grenzübergang: Alles im Blick: die ehemalige Kontrollbrücke in der Gedenkstätte Marienborn.

Alles im Blick: die ehemalige Kontrollbrücke in der Gedenkstätte Marienborn.

(Foto: Andreas Rentz/Getty Images)

Marienborn war bis 1989 der größte innerdeutsche Grenzübergang. Eine Gedenkstätte erinnert an die Zeit, in der quälend lange Pkw-Kontrollen und ein schroffer Ton der Grenzer den Ort prägten.

Von Joachim Göres

An der innerdeutschen Grenze herrschte bis zum Ende der Achtzigerjahre ein schroffer Ton: "Bitte öffnen Sie die Motorhaube, den Kofferraum und heben Sie die hintere Sitzbank ab" - dieses Zitat eines Zöllners findet sich in großen Buchstaben auf einer Ausstellungstafel in der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. Junge Besucher laufen an ihr achtlos vorbei, ältere bleiben indes oft stehen und versuchen sich zu erinnern. Bis 1989 war Marienborn die größte innerdeutsche Grenzübergangsstelle, jedes Jahr passierten etwa zwölf Millionen Menschen diesen Ort in Sachsen-Anhalt. Wer mit dem Pkw, Lkw, Motorrad oder Bus vom westlichen Norddeutschland aus in den Osten oder nach West-Berlin wollte, der musste hier die Grenze überschreiten. Marienborn liegt an der Autobahn A2 von Hannover nach Berlin. Hier konnte man auch in die DDR ein- oder aus der DDR ausreisen - und wer beim Grenzübertritt dem Ost-Zoll verdächtig vorkam, der wurde in die Kontrollgarage geleitet mit der Aufforderung, die Verkleidung seines Wagens zu demontieren, damit die Zöllner überprüfen konnten, ob Menschen im Inneren versteckt oder verbotenerweise DDR-Mark ausgeführt wurden.

Viele Ältere können sich daran noch erinnern, auch an die langen Staus vor den Kontrollhäuschen, an die prüfenden Blicke der DDR-Grenzer und an die eigenen gemischten Gefühle. Allerdings erinnern sich daran in der Regel nur die ehemaligen Bewohner und Bewohnerinnen der früheren BRD - für die meisten DDR-Bürgerinnen und Bürger war Marienborn dagegen unerreichbar.

Grenzübergang: Als im November 1989 die Mauer fiel, drängelten sich die DDR-Bürger in langen Schlangen am Grenzübergang.

Als im November 1989 die Mauer fiel, drängelten sich die DDR-Bürger in langen Schlangen am Grenzübergang.

(Foto: dpa; zb-Archiv)

Durch das von 1972 an geltende Transitabkommen zwischen den beiden deutschen Staaten wurde die Abfertigung auf dem Weg nach West-Berlin beschleunigt. Langwierige Personenkontrollen sollten nur noch bei konkreten Anlässen vorgenommen werden. Gleichzeitig wurde die technische Überwachung ausgebaut: Unter anderem richteten die DDR-Grenztruppen auch sogenannte Durchleuchtungsanlagen ein - mithilfe des radioaktiven Cäsium 137 wurden von 1978 an Autos kontrolliert, um Flüchtige aufzuspüren.

"Sie waren vom Staat überzeugt"

Während die Anlagen an den meisten anderen Grenzübergangsstellen nach der Wende abgebaut wurden, ist in Marienborn vieles noch erhalten: die Durchleuchtungsanlage, die Kontrollhäuschen, die Zollabfertigung, die Wechselstelle der DDR-Staatsbank, wo Westdeutsche einen festen Tagessatz an D-Mark in DDR-Geld umtauschen mussten. Ebenfalls noch zu sehen sind der Kommandantenturm, die sogenannte Beschaubrücke sowie Rollsperren, die "Republikflüchtlinge" aufhalten sollten. Viele dieser Anlagen können besichtigt werden, im Inneren und auch auf dem Freigelände sind Ausstellungstafeln angebracht. Sie thematisieren unter anderem die Suche nach illegalen Waren, das Aufspüren von Fluchtverstecken und die Arbeit verdeckter Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit als Grenzkontrolleure.

Andere Stationen wie die Baracke der sowjetischen Streitkräfte, die die Militärfahrzeuge der Amerikaner, Briten, Franzosen und der eigenen Soldaten kontrollierten, wurden nach der Wende abgerissen. Wo sich einst der Bereich für die Ausreise der Lastkraftwagen befand, steht heute eine Tank- und Rastanlage. Heute umfasst die Gedenkstätte Marienborn etwa acht Hektar, einst war die Grenzübergangsstelle etwas mehr als 35 Hektar groß.

Grenzübergang: Die Säule im Vordergrund trug einst das Wappen der DDR.

Die Säule im Vordergrund trug einst das Wappen der DDR.

(Foto: Z5328 Jens Wolf/dpa)

Für die 15- und 16-jährigen Schüler und Schülerinnen der Saaleschule aus Halle, die die Gedenkstätte an diesem Tag besuchen, ist das alles weit weg. Lange her, längst vergangene Geschichte. Und dennoch: In Kleingruppen und mit Arbeitsaufträgen erkunden sie den historischen Ort. Carlotta, Max und Konrad schauen sich die Zollbaracken an, registrieren die Türen mit den kleinen Gucklöchern, die Neonleuchten, die vielen Spiegel an den Wänden rund um die Abfertigungsschalter. "Das ist echt spacig hier", rufen sich die Jugendlichen lachend zu.

An Hörstationen verfolgen sie Berichte von ehemaligen Zöllnern. So erzählt Wolfgang Dolle in einem Interview, wie er und seine Kollegen einst Zeitschriften wie Stern und Spiegel als sogenannte Hetzorgane aus dem Verkehr zogen, wenn sie sie bei der Einreise in die DDR entdeckten. Den Fahrzeughaltern stellten sie dann teils bohrende, auf jeden Fall oft unangenehme Fragen, für wen diese Presseerzeugnisse denn gedacht gewesen seien. "Sie waren vom Staat überzeugt", fasst Schülerin Carlotta für den Rest der Klasse zusammen, was sie sich notiert hat. "Außerdem war der Verdienst gut, und sie bekamen eine Wohnung."

Die Hörspiel-Kassetten blieben zu Hause

Ihre Mitschülerinnen Chiara, Fiona und Nina berichten anschließend von der Fließbandanlage, auf der die Pässe der Reisenden in die Kontrollbaracke transportiert wurden. "Es ist schon krass zu sehen, wie es hier vor noch nicht langer Zeit aussah", sagt Nina, deren Mutter nicht gerne über die DDR-Zeit redet. Und sie fügt hinzu: "Ich bin überrascht vom großen Aufwand, der getrieben wurde, damit der Staat alles unter Kontrolle hatte. Die DDR war härter, als ich dachte." Insgesamt wirkt das weiträumige asphaltierte Gelände mit dem hohen Lärmpegel von der angrenzenden sechsspurigen Autobahn auf die Mädchen eher öde.

Vor allem Besucher aus dem Westen Deutschlands besuchen die Gedenkstätte, sagt Historikerin Insa Ahrens, pädagogische Mitarbeiterin in Marienborn. "Die haben oft konkrete Erinnerungen an diesen Ort auf ihren Fahrten nach Berlin oder bei der Einreise in die DDR." Aus dem Osten hätten hingegen nur meist jene etwa 1000 Personen einen engeren Bezug, die im Dreischichtbetrieb bei der Passkontrolle und beim Zoll, bei den Grenztruppen und als Zivilbeschäftigte in Marienborn tätig waren. Im nahe gelegenen Zonengrenzmuseum Helmstedt in Niedersachsen hat eine Besucherin im Gästebuch eingetragen, was ihr nach mehr als 30 Jahren im Gedächtnis geblieben ist: "Als Kind bin ich öfters mit meinen Eltern hier in die DDR gefahren - und fand es immer etwas unheimlich. Ich durfte keine Hörspiel-Kassetten mitnehmen. Meine Eltern befürchteten, dass die eventuell alle durchgehört werden..."

Der Münchner Schriftsteller Hans Pleschinski, der in Wittingen in Niedersachsen in unmittelbarer Nähe zur einstigen Grenze aufgewachsen ist, beschreibt in seinem Buch "Ostsucht - eine Jugend im deutsch-deutschen Grenzland", wie bei vielen Reisenden aus dem Westen das Selbstbewusstsein schwand, je näher sie dem Grenzübergang kamen: "Westdeutsche näherten sich dem Gefahrenmoment, dem Augenblick, in dem Bankkonto, Zivilstand, Toupet oder Glatze, Allgemeine Ortskrankenkasse, CDU- oder FDP-Mitgliedschaft nichts mehr nützten, wenn auf DDR-Gebiet ein DDR-Grenzer sie erstmal aus der Kolonne herauswinkte." Pleschinski ist überzeugt: Angesichts Reisepässe verschluckender Förderbänder und grimmig blickender Grenzer wurde in Marienborn die Liebe zum westdeutschen Staat entscheidend gefördert.

Die Gedenkstätte Marienborn ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Neben der Dauerausstellung ist dort vom 3. Oktober 2022 bis zum 6. Januar 2023 die Wanderausstellung "Deutschland übergestern. Radikale Veränderungen am Arbeitsplatz nach der Wende" zu sehen.

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