Stand der Ladeinfrastruktur:17 Elektroautos pro Ladesäule

E-Auto beim Laden (Symbolbild)

Preisschock an der Autobahn: Schnellladen ist oft nicht billiger als Tanken. Illustration: Stefan Dimitrov

Lange Suche, steigende Wartezeiten und große regionale Unterschiede: Was Fahrer beim öffentlichen Stromzapfen erwartet.

Von Steve Przybilla und Felix Reek

Wie kommt der Ausbau der Lade-Infrastruktur voran?

In Deutschland gibt es laut Bundesnetzagentur mehr als 45 000 öffentliche Ladepunkte (Stand: Juli 2021). Im Durchschnitt kommen 17 Elektroautos auf eine Ladesäule - die EU empfiehlt einen Wert von zehn. Gravierender sind jedoch die starken regionalen Unterschiede. Wer vor zwei oder drei Jahren ein Elektroauto oder einen Plug-in-Hybrid fuhr, konnte sich die Ladesäulen in seiner Stadt aussuchen. Seit die Zahl der verkauften Stromer durch die erhöhten Prämien von Bund und Hersteller nach oben schießt, wird vor allem die Lage in Großstädten angespannter, weil die wenigsten die Möglichkeit besitzen, ihr Auto zu Hause zu laden.

Welche Städte haben die meisten Ladesäulen?

Die Zahl der Säulen steigt stetig. Bei den großen Städten liegt aktuell Berlin mit etwa 1800 Ladepunkten vorne. Gerechnet auf 100 000 Einwohner führt allerdings München mit 89 Möglichkeiten, ein Elektroauto zu laden (total etwa 1300). Der Verband der Automobilindustrie (VDA) hat zuletzt im April ein Städte-Ranking veröffentlicht. Am besten schneiden darin Salzgitter, der Landkreis Freyung-Grafenau (Bayern) und die Stadt Emden ab. Dort müssen sich drei bis vier E-Autos einen Ladepunkt teilen. Am schlechtesten ist die Lage in Schwerin, Remscheid und Weimar. Dort kommen über 70 Fahrzeuge auf einen Ladepunkt.

"Wir haben viele Defizite in puncto Ladeinfrastruktur und da ist eindeutig Handlungsbedarf", sagt Volker Blandow vom TÜV Süd. Entschärfen ließe der Kampf um die öffentlichen Ladesäulen, indem möglichst viele E-Auto-Fahrer ihre Fahrzeuge zu Hause laden. Das ist für alle, die ein eigenes Haus besitzen, kein Problem. Kompliziert wird es auch bei Mietwohnungen oder Häusern, in denen mehrere Parteien leben. Laden hier auf einmal zehn statt zwei Elektroautos, kommt der Hausanschluss an seine Grenzen und muss verstärkt werden. Das kann Kosten von 10 000 bis 15 000 Euro verursachen, die die Bewohner oder der Besitzer des Hauses übernehmen müssen. Die Umsetzung ist technisch einfach, nach einer Gesetzesänderung kann sie auch nicht mehr von einzelnen Miteigentümern in einer Hausgemeinschaft blockiert werden.

In Städten geht das Gerangel um die Lade-Parkplätze los - ist eine Lösung in Sicht?

Neben Strom-Tankstellen am Straßenrand bieten immer mehr Supermärkte, Möbelhäuser und Baumärkte eigene Ladesäulen an, zum Beispiel Aldi, Lidl, Kaufland oder Ikea. Oft kann man dort sogar kostenlos und mit schnellem Gleichstrom laden. Abhilfe bei fehlenden Ladeplätzen will auch das Kölner Start-up "On Charge" schaffen: Wer vor der eigenen Haustür eine Ladesäule haben möchte, kann einen Antrag stellen. Die Firma prüft, ob dort gebaut werden darf, ob das Grundstück öffentlich zugänglich ist und ob sich eine Installation lohnt. Gebühren für den Aufbau fallen nicht an; die Firma holt die Investitionskosten durch den Stromverkauf wieder rein - so jedenfalls der Plan.

Einfacher wäre es, wenn Tankstellen nicht nur Benzin, sondern auch Strom verkaufen würden. Aral und Shell bieten diesen Service aber vor allem auf Raststätten und in Autobahn-Nähe an. Aral will bis Ende des Jahres an 120 Tankstellen schnelles Laden ermöglichen. Bei rund 14 000 Tankstellen in Deutschland ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Shell hat Anfang des Jahres Ubitricity übernommen. Das Berliner Start-up baut Straßenlaternen zu Ladesäulen um. In Großbritannien betreibt Ubitricity bereits das größte öffentliche Ladenetzwerk für Elektroautos mit 2700 Ladepunkten in Laternen oder Straßenpollern. Zusammen mit dem Ölmulti soll sich diese Idee jetzt schnell durchsetzen.

Wie sieht es mit Superschnellladern für die Langstrecke aus?

An Autobahnen kommt der Ausbau eines leistungsstarken Netzes für das Superschnellladen nur mühsam voran. Von 430 "Tank&Rast"-Plätzen sind zwar 367 mit Ladepunkten versorgt. Aber nur etwa die Hälfte verfügt über mindestens 150 Kilowatt (kW) Leistung. Aktuell schreibt die Bundesregierung deshalb den Bau von 1000 weiteren Schnellladesäulen aus.

Nachteil des Gleichstrom-Ladens sind die gesalzenen Preise. So verlangt etwa der Großanbieter EnBW in seinem Standard-Tarif 0,45 Euro pro Kilowattstunde für langsames Wechselstrom-Laden. Für schnelles Gleichstrom-Laden werden 0,55 Euro pro Kilowattstunde fällig. Wer also einen 64-kWh-Akku am Straßenrand volllädt, zahlt 35,0 Euro. Damit kommt man - je nach Auto, Fahrweise und Witterung - zwischen 300 und 500 Kilometer weit. Teurer ist auch fossiler Kraftstoff nicht.

Weltweiter Marktführer mit mehr als 25 000 leistungsstarken Schnellladesäulen ist Tesla. Bisher stehen die zuverlässigen Stromtankstellen ausschließlich eigenen Kunden zur Verfügung. Tesla-Chef Elon Musk kündigte jedoch im Juli an, die "Supercharger" für alle E-Autos freizugeben. Allein in Deutschland kämen damit rund 1100 zusätzliche Schnellladepunkte hinzu. Einen genauen Zeitplan nannte Musk aber nicht. In Internet-Foren zeigen sich Tesla-Fahrer wegen des größeren Andrangs wenig begeistert von dieser Idee.

© SZ
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