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Crash-Tests:Dicke Dummies sollen Autos sicherer machen

Crash-Test-Dummy des ADAC

Ein normalgewichtiger Crash-Test-Dummy im ADAC-Testzentrum Landsberg am Lech.

(Foto: Axel Griesch Fotografie; ADAC)

Sie nehmen zu, damit wir sicherer fahren: Eine US-Firma reagiert auf den Trend einer übergewichtigen Bevölkerung und entwickelt einen korpulenten Crash-Test-Dummy. Ihm steht jedoch nur eine kurze Karriere bevor.

Von Thomas Harloff

Das Körpergewicht kann Thema lebhafter Diskussionen sein. Sogar dann, wenn es gar nicht um Menschen, sondern nur um eine Attrappe geht. So debattieren britische Medien gerade darüber, ob die Schaufensterpuppen der Boutiquen-Kette Topshop zu dünn sind. Dabei werden die Menschen immer dicker, wie mehrere Studien zeigen. Weltweit sind fast ein Drittel aller Erwachsenen übergewichtig, in Deutschland betrifft das Problem Studien zufolge zwei Drittel der Männer und die Hälfte aller Frauen. In den USA soll mehr als ein Drittel der Bevölkerung nicht nur übergewichtig, sondern gar fettleibig sein.

Deutlich näher an dieser Realität als besagte Schaufensterpuppen ist zwangsläufig die Unfallforschung. Damit die Sicherheitssysteme Auto-Insassen im Ernstfall bestmöglich schützen, müssen Crash-Test-Dummies dem menschlichen Körper möglichst exakt nachempfunden sein. Wegen des Hangs der Menschheit zum Übergewicht reagiert nun der amerikanische Dummy-Hersteller Humanetics. Der Marktführer will die erste Unfallpuppe auf den Markt bringen, die weit entfernt vom Idealgewicht ist. Ein erster Prototyp mit einem Gewicht von 273 amerikanischen Pfund (fast 124 Kilogramm) und einem Body-Mass-Index (BMI) von 35 existiert bereits. Zur Einordnung: Personen mit einem BMI von 30 und mehr gelten als fettleibig, auch wenn diese Maßeinheit in der Medizin sehr umstritten ist.

Eine neues Mitglied für die "Hybrid-III-Familie"

Glaubt man dem Hersteller, wird es höchste Zeit für dicke Crash-Test-Dummies. Übergewichtige Autoinsassen seien einer um 78 Prozent höheren Gefahr ausgesetzt, bei einem Autounfall ums Leben zu kommen, sagt Chris O' Connor, Geschäftsführer von Humanetics, dem Internetportal des US-Nachrichtensenders CNN. "Der Grund dafür ist, dass wir vor allem in unserer Körpermitte dicker werden und in einem typischen Autositz deshalb aus der optimalen Sitzposition geraten." Auch passive Sicherheitssysteme wie Airbags oder Gurte seien eher für normalgewichtige Menschen ausgelegt.

Bislang kommen bei Crash-Versuchen vor allem die Dummies der "Hybrid-III-Familie" mit relativ durchschnittlicher Statur zum Einsatz. Die hat derzeit bereits zwei "Väter": Wenn die am männlichen Körperbau orientierten Puppen aufrecht stehen könnten, wären sie 1,75 beziehungsweise 1,88 Meter groß und würden 78 respektive 101 Kilogramm wiegen. Die typische Crash-Test-Frau erscheint mit einer Größe von 1,52 Meter eher klein und wiegt 54 Kilogramm. Drei weitere Unfallpuppen mit einem Körpergewicht von 16,2 sowie 23,4 und 35,2 Kilogramm simulieren Kinder im Alter von drei, sechs und zehn Jahren.

Puppe mit Hightech-Innenleben

Moderne Crash-Test-Dummies sind übrigens längst weit mehr als dem Menschen nachempfundene Puppen, denen Farbe auf Kinn und Knie gestrichen wird, um zu sehen, an welchen Stellen sie auf das Auto treffen. Laut O' Connor zeichnen die neuesten Dummies während eines simulierten Aufpralls mittels Sensoren und Instrumenten mehr als 130 Informationen auf, die von den Unfallforschern zur detaillierten Analyse herangezogen werden können. "Die Datenmenge ist damit bis zu fünf Mal so hoch wie noch vor einigen Jahren".

Was in den Dreißigerjahren mit menschlichen Leichen angefangen hat und später mit Freiwilligen und sogar Tieren weitergeführt wurde, ist also längst ein Einsatzgebiet echter Hightech. So kostet ein kompletter Dummy je nach Ausrüstung heute zwischen 150 000 und 400 000 Euro.

Der alternde Dummy wird bereits entwickelt

Doch nicht nur übergewichtige, auch ältere Verkehrsteilnehmer sind bei einem Autounfall einer höheren Verletzungsgefahr ausgesetzt, sagt Chris O' Connor. Die deutsche Unfallstatistik bestätigt das. 2013 waren 999 von 3339 Verkehrstoten älter als 65 Jahre - 40 Prozent von ihnen kamen im Auto ums Leben. Da die Bevölkerung nicht nur immer dicker, sondern auch immer älter wird, will Humanetics auch in dieser Hinsicht reagieren. Die Firma entwickelt einen in die Jahre gekommenen Dummy, dessen Prototyp 2015 vorgestellt werden soll.

Allerdings stellt sich die Frage, wie lange Crash-Test-Dummies überhaupt noch existieren. Noch sind reale Crashtests, in denen die Unfallpuppen die nötigen Daten liefern, für die Zulassung neuer Autos oder Teile vorgeschrieben. Doch so viele Daten sie auch liefern, schon bald werden ihnen Computersimulationen, bei denen deutlich mehr und besser reproduzierbare Informationen ausgewertet werden können, den Rang ablaufen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Rechnerkapazitäten dafür ausreichen. Schon heute nimmt die Bedeutung physischer Crashtests gegenüber am Rechner simulierten Unfällen in der Fahrzeugentwicklung ab und es müssen nicht mehr so viele Autos in Schrotthaufen verwandelt werden, bevor sie überhaupt auf den Markt gekommen sind.

Egal, wie groß oder schwer er dann ist: Dem Crash-Test-Dummy droht in zehn, vielleicht 20 Jahren unweigerlich die Arbeitslosigkeit. Den spindeldürren Schaufensterpuppen wird es da vermutlich besser ergehen.

© SZ.de/harl/ihe/lala
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