Zum Schutz heimischer Tierarten Die Rattentöter von Galápagos

Tonnenweise Gift, zum Schutz der Tiere: Weil auf den Galápagos-Inseln inzwischen mehr als 180 Millionen Ratten leben, sind endemische Arten bedroht. Die ecuadorianische Regierung greift deshalb jetzt zu drastischen Mitteln. Kein einziger Nager darf überleben, sonst wäre das ganze Töten umsonst.

Von Bettina Dobe

Mitarbeiter des Galapagos-Nationalparks testen auf der Insel Baltra eine Vorrichtung für giftige Rattenköder.

(Foto: AP)

Tonnenweise Rattengift im Naturschutzgebiet, das mag zunächst wie ein eklatanter Widerspruch klingen. Tatsächlich scheint die Maßnahme auf den berühmten Galapagos-Inseln die letzte Möglichkeit zu sein, einer massiven Rattenplage auf dem Archipel Herr zu werden. 22 Tonnen Gift ließ der Galapagos National Park Service (GNPS) dazu am Donnerstag über den unbewohnten Inseln Pinzón und Plaza Sur von Helikoptern abwerfen. Denn nur die Ausrottung dieser einen Spezies auf der Insel, so die Logik der Tierschützer, ermöglicht das Weiterleben vieler anderer Arten. So groß scheint deren Not bereits, dass nun der Zweck die brachialen Mittel heiligen muss.

Invasive Arten gehören zu den größten Problemen der ecuadorianischen Inseln, im speziellen Fall sind es die Ratten, und zwar 180 Millionen davon, heißt es beim Galapagos Conservation Trust (GCT). Andere Experten wie Tim Packeiser, WWF-Referent für marine Ökoregionen in Lateinamerika, zweifelt diese hohe Zahl zwar an. Er halte die Ratten auf Galapagos "aber definitiv für ein riesiges Problem", sagt er.

Die Tiere bedrohen das einzigartige Ökosystem der Inseln, indem sie Eier von Vögeln und Reptilien, etwa von Darwin-Finken und Leguanen, fressen. Einer Art, der Santa Cruz Maus, haben sie schon 1907 den Garaus gemacht. Und eine Riesenschildkrötenart hat sich hier seit etwa hundert Jahren nicht natürlich fortgepflanzt: Ratten fraßen sämtliche Eier. Die Nager dagegen sind sehr reproduktionsfreudig, alle drei Monate vermehren sie sich. Auf der 1812 Hektar großen Pinzón kann man laut GCT keinen Meter gehen, ohne auf eine Ratte zu treten: Zehn Ratten pro Quadratmeter sollen es sein.

Der Mensch muss eingreifen

Gäbe es denn Alternativen zur Tötung der vielen Tiere? "Es ist keine Frage, dass die Ratten leider weichen müssen", sagt Packeiser. Kein Wissenschaftler streue leichtfertig Gift, aber es fehle auf den Inseln an natürlich Rattenfeinden. "Gäbe es genügend einheimische Räuber, wären die Ratten kein Problem." Schildkröten, Leguane und Darwin-Finken können den Ratten kaum gefährlich werden. So müsse der Mensch eingreifen, sagt der WWF-Referent, denn "das ist ja auch ein menschengemachtes Problem." Die Ratten auf den Galapagos-Inseln wurden im 17. Jahrhundert von Piraten und Walfängern eingeschleppt.

Damit nicht aus Versehen andere Tiere bei der Aktion verenden, wurden vor dem Abwurf des Gifts besonders gefährdete Spezies vorsichtshalber eingefangen. 30 Galapagosbussarde von Pinzón, die vergiftete Kadaver fressen könnten, leben nun bis Januar in Käfigen, und auf Plaza Sur wurden etwa 40 Leguane eingefangen. Andere Tiere würden die giftigen blauen Pillen kaum fressen, heißt es vom Hersteller. "Das ist zwar prinzipiell erprobt, aber eine Garantie ist das nicht", sagt Packeiser.

Die einen Zentimeter großen Pellets sollen die Ratten innerhalb von acht Tagen umbringen. Übrig gebliebene Kapseln lösen sich nach wenigen Tagen von allein auf, so der Hersteller. "Das Gift kann aber auch in das Grundwasser einsickern", sagt Packeiser. Und die vielen stinkenden Kadaver? Nicht nur Gift sei in den Pellets, so der Hersteller, sondern auch ein Stoff, der die Verwesung beschleunigt - die Rattenkadaver sollen regelrecht zerfließen.

Keine einzige Ratte darf überleben

Im Januar 2011 testeten die Wissenschaftler diese Methode bereits mit Erfolg auf kleineren Inseln. Mit der 1,8 Millionen Dollar teuren Maßnahme des GNPS, die auch von der ecuadorianischen Regierung unterstützt wird, hat nun die zweite Phase des Kampfes begonnen. Nach Angaben des GCT ist die Aktion die größte Rattenvernichtungsmaßnahme in Südamerika. Bis 2020 sollen alle Inseln rattenfrei sein, als letztes kommen die beiden von Menschen bewohnten Isabela and Santa Cruz dran.

Die Galapagos-Inseln sind indes nicht die einzigen Landschaften mit Rattenproblemen. Wie zerstörerisch die Tiere sein können, zeigt das Beispiel einer Inselgruppe vor Alaska. Auf den "Rat Islands" schafften es die Ratten fast, die Vögel der Insel auszurotten. Gerade noch rechtzeitig ließ die US-Regierung 2009 Rattengift streuen, die Vogelpopulation erholt sich nun allmählich.

Kommende Woche fliegen die Helikopter erneut los und verteilen wieder blaue Pellets auf den beiden Inseln. Keine einzige Ratte darf überleben. Man wolle sicherstellen, dass 100 Prozent ausgerottet werden, heißt es auf der Website des GCT. Denn wenn auch nur eine einzige trächtige Ratte überlebt, war das viele Töten womöglich umsonst.