UN-Umweltkonferenz in Durban "Die Weltklimapolitik ist bankrott"

Es besteht kaum Hoffnung auf einen Durchbruch bei den Klimaverhandlungen in Durban. Das Kyoto-Protokoll ist am Ende - auch wenn China sich jetzt bewegt, sagt der Klimaökonom Lutz Wicke. Gemeinsam mit anderen Klimaexperten hat er eine alternative Strategie entwickelt, um die Erderwärmung zu stoppen. Im Gespräch mit sueddeutsche.de erklärt er, wie ein gerechteres System zum Schutz des Weltklimas aussehen könnte.

Interview: Markus C. Schulte von Drach

Lutz Wicke ist Direktor des Instituts für Umweltmanagement an der European School of Management (ESCP) in Berlin und ehemaliger Wissenschaftlicher Direktor am Umweltbundesamt. Seit Jahren kritisiert er die globale Klimapolitik. Gemeinsam mit Klimaexperten wie Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgeforschung und dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat er ein alternatives Konzept zum Kyoto-Protokoll entwickelt. Denn das gegenwärtige System ist seiner Meinung nach genauso zum Scheitern verurteilt wie die Klimakonferenz in Durban.

sueddeutsche.de: Vor einigen Jahren hatte man den Eindruck, die Welt wäre zu Klimaschutzmaßnahmen bereit. Seit der Konferenz 2007 in Bali ist davon nicht mehr viel mehr übrig. Auch Angela Merkel hat die Erwartungen an die Konferenz in Durban gedämpft. Wie konnte es so weit kommen?

Lutz Wicke: In der Zeit nach der Einigung auf das Kyoto-Protokoll 1997 und nachdem es 2005 in Kraft getreten war, gab es eine große Euphorie, weil endlich viele Länder sich auf ein verbindliches Klimaschutzabkommen geeinigt hatten. Aber in den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass das System zum Schutz des Weltklimas eine Fehlkonstruktion ist.

sueddeutsche.de: Woran machen Sie das fest?

Wicke: Die Jahre 2000 bis 2010 waren ein Horrorjahrzehnt. Die Treibhausgas-Emissionen wurden nicht nur nicht begrenzt. Es ist vielmehr zu einer deutlichen Verschärfung der Klimasituation gekommen: In dieser Zeit wurden 34 Prozent mehr CO2 ausgestoßen - trotz aller Anstrengungen. Und die weiteren Aussichten, die von der Internationalen Energieagentur (IEA) der OECD zu hören sind, sind niederschmetternd.

sueddeutsche.de: Viele Experten warnen vor einer weiteren Zunahme von Kohlendioxidemissionen, vor mehr Wetterextremen, einem Temperaturanstieg von bis zu fünf oder sogar sechs Grad bis zum Jahr 2100 ...

Wicke: Das Ziel, auf das man sich geeinigt hat, ist: nicht mehr als zwei Grad Temperaturerhöhung. Um das zu erreichen, ist man auf dem Klimabasar der UN-Konferenz 2010 im mexikanischen Cancún gewissermaßen mit dem Klingelbeutel herumgegangen und hat die Staaten aufgefordert zu erklären, um wie viel Prozent sie ihre Emissionen mindern werden, beziehungsweise wie stark sie ihre Steigerungen reduzieren wollen. Wenn man zusammennimmt, was dabei "gespendet" wurde, dann führt das allerdings zu einer 3,5-Grad-Celsius-Erhöhung. Schon das bedeutet: Diese Weltklimapolitik ist bankrott.

sueddeutsche.de: Umweltschützer dringen weiterhin darauf, dass die Staaten sich in Durban auf einen Nachfolger des Kyoto-Protokolls einigen.

Wicke: Das können wir - aller Wahrscheinlichkeit nach - vergessen. Japan, Kanada und Australien zum Beispiel haben das Kyoto-Protokoll ratifiziert, aber schon ihre bisherigen Zusagen nicht eingehalten. Kanada wird mindestens 50 Prozent mehr CO2 emittieren als zugesagt. Wenn man das Protokoll verlängern würde und diese Länder wären wieder dabei, dann müssten sie ihre Überschreitungen bis 2012 auf die nächste Periode anrechnen und darüber hinaus weiter absenken. Sie werden deshalb nicht mehr mitmachen. Die USA, aber auch China, Brasilien und andere, stehen mehr oder weniger weiterhin abseits.

sueddeutsche.de: Immerhin kommt nun aus China das Signal, man wäre möglicherweise bereit, das Kyoto-Protokoll nach dem Jahre 2020 fortzusetzen.

Wicke: Auch wenn jetzt die Chinesen und vielleicht viele andere Unterzeichnerstaaten für die Zeit nach 2020 zu einer "verbindlichen" Fortsetzung des Kyoto-Protkolls bereit wären - das vereinbarte Ziel von zwei Grad wird man so nicht schaffen. Es werden weitere zig Milliarden Tonnen CO2 zusätzlich ausgestoßen, wenn zuvor nicht eine globale Höchstemission von 35 Milliarden Tonnen pro Jahr erreicht wird. Solange der Trend zu jährlich weltweit mindestens zwei bis drei Prozent Emissionen zusätzlich nicht durch verlässliche wirksame Maßnahmen gebrochen werden kann, hilft auch keine Festlegung einer Phantasie-Jahreszahl.

Außerdem ist es fraglich, ob die Zusagen auch eingehalten werden. Und die Strukturprobleme und die weitgehende Wirkungslosigkeit des bestehenden Klimaschutzsystems blieben ja erhalten.

Und das beruht auch auf einem weiteren Problem, den Bodenschätzen. Kanada setzt inzwischen auf seine eigenen Ölvorkommen - etwa die Ölschiefer-Vorräte. Dort wird Öl mit einem extrem CO2-intensiven Verfahren gewonnen. Aber angesichts des Ölpreises lohnt sich das für die Kanadier.

sueddeutsche.de: Aber die Bodenschätze sind doch begrenzt. Der Internationalen Energieagentur zufolge haben wir das globale Ölfördermaximum bereits 2006 erreicht.

Wicke: Im Boden steht aber noch 50-mal mehr Kohlenstoff in Form von Kohle, Öl und Gas zur Verfügung, als die Menschheit bislang verbraucht hat. Es hat sich nur nicht gelohnt, sie zum Beispiel aus tiefer liegenden Gesteinsschichten oder aus Ölschiefer zu gewinnen. Das ändert sich jetzt. Sogar die Umwandlung von Kohle in Diesel und Benzin lohnt sich inzwischen. Und jeder einzelne Staat ist froh über seinen Reichtum an Bodenschätzen und hat Interesse daran, die fossilen Stoffe zu nutzen. Man muss die Menschen davon überzeugen, auf diese Ressourcen zu verzichten. Das ist das Hauptproblem, gegen das sich jedes vernünftige Weltklimaschutzsystem durchsetzen muss.

sueddeutsche.de: Viele Länder, wie etwa Japan, machen ihre Entscheidungen abhängig von dem, was die USA tun wollen. Wie viel Verantwortung tragen die Amerikaner für die Krise?

Wicke: Die USA sind allgemein der Buhmann. Die US-Klimapolitik muss auch heftig kritisiert werden. Aber sie sind nicht die Alleinschuldigen. Wenn man auf ein System setzt, wo jede Nation versucht, so wenig zu geben wie möglich, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass die Verpflichtungen am Ende nicht ausreichen. Jedes einzelne Land hat seine eigenen Ziele und will keine wirtschaftlichen Nachteile in der Gegenwart in Kauf nehmen.