Streit um das Beschneidungsurteil Beschneidung bei Juden und Muslimen

Für Muslime stellen sich die konkreten Probleme mit dem Kölner Urteil übrigens etwas anders dar als für Juden. Es gibt im Koran kein Beschneidungsgebot. In den Islam tritt man mit dem Aussprechen des Bekenntnisses zum Glauben (Kelime-i Sehadet) an den einzigen Gott und seinen Propheten ein. Muslime sollen aber dem Vorbild Abrahams folgen - und dieser hat sich angeblich selbst beschnitten. Dies und verschiedene Aussagen muslimischer Propheten werden so interpretiert, dass ein Muslim beschnitten sein muss. Wann, das ist offenbar nicht festgelegt.

Das religiöse Bestimmungsrecht der Eltern endet in Deutschland mit dem 14. Geburtstag des Kindes. Religiöse Gründe scheinen im Islam nicht dagegen zu sprechen, die Beschneidung aufzuschieben, bis der Jugendliche selbst darüber entscheiden kann. Allerdings stellt der Eingriff gemeinsam mit dem Fest zu diesem Anlass den Eintritt in die muslimische Gemeinschaft dar.

Die Frage ist für die Gläubigen sicher ebenfalls eine Zumutung - aber es ist in unserer Gesellschaft erlaubt und muss erlaubt sein, sie zu stellen: Muss dieser Eintritt im Kindesalter zwingend mit einer Körperverletzung einhergehen? Gibt es keine Alternative? Die Geschichte zeigt, dass sich Religionen verändern, dass Rituale abgewandelt werden. Ist das in Bezug auf die Beschneidung undenkbar? Darum geht es, und nicht um die Aufgabe des Glaubens oder das Verschwinden der Muslime aus Deutschland.

"Des Seele soll ausgerottet werden aus seinem Volk"

Gläubigen Juden ist, anders als Muslimen, die Beschneidung in ihrem Heiligen Buch vorgeschrieben. Es handelt sich um ein im jüdischen Tanach eindeutig formuliertes Gebot Gottes. Im Ersten Buch Mose, das zugleich auch das erste Buch des christlichen Alten Testaments ist, heißt es: "Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden. [...] Das soll ein Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch. Ein jegliches Knäblein, wenn's acht Tage alt ist, sollt ihr beschneiden bei euren Nachkommen. [...] Und wo ein Mannsbild nicht wird beschnitten an der Vorhaut seines Fleisches, des Seele soll ausgerottet werden aus seinem Volk, darum dass es meinen Bund unterlassen hat."

Gläubige Juden gehen demnach davon aus, dass ein Verbot der Beschneidung gar nicht eingehalten werden kann, denn hier steht der Bund mit Gott auf dem Spiel. Die meisten Juden würden nach einem Verbot deshalb aus Deutschland auswandern, kritisieren orthodoxe Rabbiner - vertrieben aus einem Land, das in der Vergangenheit immerhin schon einmal versucht hat, sie als Volk vollständig auszulöschen.

Das aber ist nicht das Ziel des Kölner Urteils und sicher nicht der Wunsch der Richter. Das Urteil richtet sich ja nicht gegen Juden als solche oder gegen das jüdische Volk. Denn zu diesem Volk gehört man, wenn die leibliche Mutter Jüdin ist. Darüber entscheidet nicht die Beschneidung. Und niemand käme wohl auf die Idee, etwa Albert Einstein zu einem Nichtjuden zu erklären, nur weil er nicht an einen Gott glaubte, mit dem man als Jude einen besonderen Bund eingehen könnte. "Ich glaube", erklärte er, "an Spinozas Gott, der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart, nicht an einen Gott, der sich mit dem Schicksal und den Handlungen der Menschen abgibt." Baruch de Spinoza (1632 - 1677) war ein jüdischer Philosoph, der wegen eben dieses Gottesbildes aus der jüdischen Gemeinde in Amsterdam ausgeschlossen wurde.

Auch in Israel gibt es Juden, die ihre Kinder nicht beschneiden lassen. Offizielle Zahlen liegen nicht vor. Schätzungen gehen von ein bis zwei Prozent jüdischer Jungen aus, die in den vergangenen zehn Jahren geboren und nicht beschnitten wurden, berichtete kürzlich die israelische Zeitung Haaretz. Eine Umfrage des israelischen Internetportals Mamy, schreibt die Zeitung weiter, hatte 2006 festgestellt, dass sogar 3,2 Prozent von fast 1400 jüdischen Eltern von Jungen angaben, das Ritual nicht vollzogen zu haben. Und fast ein Drittel der Eltern hätte gern darauf verzichtet, ließ die Beschneidung aber vor allem aufgrund von sozialem und familiärem Druck vornehmen. Organisationen wie Ben Schalem, Kahal und Jews Against Circumcision unterstützen jüdische Eltern in ihren Zweifeln am Ritual.

Inzwischen gibt es sogar einige Juden, die versuchen, eine alternative Zeremonie zu etablieren, bei der die Jungen wie die Mädchen am achten Tag nach der Geburt in der Synagoge nur ihren Namen erhalten, aber nicht beschnitten werden.

Jude ist man also auch ohne Beschneidung. Unbeschnittene Jungen sind bislang allerdings noch Außenseiter, denen der Rabbi die Bar Mizwa verweigern kann - die Aufnahme in die Gemeinde und das Erreichen der religiösen Mündigkeit mit dreizehn Jahren. Auch ob sie auf einem jüdischen Friedhof beerdigt werden, hängt davon ab, wie orthodox der Rabbi der jeweiligen Gemeinde ist.

Und nicht alle Rabbis teilen die Meinung, ein Verbot der Beschneidung wäre "der Tod des Judentums", wie der Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Yitshak Ehrenberg, kürzlich bei Anne Will gewarnt hat. So erklärte der Rabbiner Yehoram Mazor vom Hebrew Union College in Jerusalem laut FAZ: "Wer als Jude geboren ist, aber nicht beschnitten wurde, ist trotzdem ein vollwertiges Gemeindemitglied. Die Religion macht da keinen Unterschied."

Das Urteil richtet sich auch nicht pauschal gegen die Religion oder die gläubigen Juden an sich. Es fordert nicht von ihnen, Abstand zu nehmen von ihrer Überzeugung, dass es einen allmächtigen Gott gibt, der sie zum auserwählten Volk bestimmt hat. Sie haben die Freiheit, davon auszugehen, dass es seit 3700 Jahren einen besonderen Bund zwischen ihnen und ihrem Gott gibt, der durch die Beschneidung der männlichen Juden besiegelt wird. Das Gericht stellt nur fest, dass es sich dabei um eine Körperverletzung unmündiger Kinder handelt, die dazu dient, einen Bund mit einem Gott zu besiegeln, an den sie vielleicht später gar nicht glauben.

Es stellt sich also die Frage, wie wichtig es für gläubige Juden ist, dass ihre Jungen mit acht Tagen beschnitten werden. Die Antwort, die bislang zu hören war, lautet: die Beschneidung ist essentiell.

Auch Erwachsene können sich noch beschneiden lassen

Aber auch gläubige Juden halten sich nicht mehr an sämtliche Gebote und Vorschriften Gottes, die man der Heiligen Schrift entnehmen kann, räumt man bei der Union Progressiver Juden in Deutschland ein. Und den Bund mit Gott kann man tatsächlich auch mit einer späteren Beschneidung eingehen. Konvertiten etwa lassen sich noch als Erwachsene beschneiden. Das gilt ebenso für Juden, die in der Sowjetunion aufgewachsen sind und dort nicht beschnitten wurden.

Auch in der Union Progressiver Juden will man nicht völlig ausschließen, dass in Zukunft irgendwann einmal selbst gläubige Juden über die strenge Einhaltung der Vorschrift diskutieren könnten. Derzeit hält man das allerdings für eine rein theoretische Frage. Zu bedeutend seien die Worte, die Gott der Heiligen Schrift zufolge an Abraham gerichtet hat.

Zu den großen Errungenschaften unserer Gesellschaft gehört die Freiheit der Religion, die leider noch viel zu häufig verteidigt werden muss. Zu den großen Errungenschaften gehört aber auch der Anspruch, dass jeder einzelne Mensch Respekt verdient, ungeachtet des Geschlechts, der Herkunft, der Religion, des Berufs. Das gilt für den Hartz-IV-Empfänger, den Asylbewerber, den Obdachlosen. Und das gilt uneingeschränkt auch für jedes Kind.

Deshalb bleibt selbst nach der möglichen Einführung eines neuen Gesetzes die Frage bestehen: Darf dessen Recht auf körperliche Unversehrtheit und Religionsfreiheit ausgehebelt werden durch eine religiöse Vorschrift aus dem vierten Jahrtausend vor unserer Zeit oder andere uralte Traditionen? Auch religiöse Menschen sollten bereit sein, darüber eine offene, ehrliche, faire und vor allem nachdenkliche Auseinandersetzung zu führen.