Medikamententests West-Pharmakonzerne sollen Menschenversuche in der DDR betrieben haben

Menschliche Versuchkaninchen: Dem Spiegel-Bericht zufolge waren sich führende DDR-Mediziner der Motive der Pharmakonzerne bewusst.

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Mehr als 50.000 Patienten sind in der ehemaligen DDR angeblich als Testpatienten etwa für Blutdrucksenker und Herzmedikamente missbraucht worden. Mehrere Versuchsreihen sollen zu Todesfällen geführt haben.

Westliche Pharmakonzerne sollen in der DDR Hunderte Medikamentenstudien in Auftrag gegeben haben. Wie der Spiegel vorab berichtete, wurden bis zum Mauerfall in mehr als 50 DDR-Kliniken unter anderem Herzmedikamente und Antidepressiva getestet - oft ohne Wissen der Betroffenen. Bei mehreren Testreihen soll es Todesfälle gegeben haben.

Dass westliche Pharmahersteller Medikamententests in der DDR vornehmen ließen, ist nicht neu. Bereits 1991 hatte der Spiegel darüber berichtet und auch der Tagesspiegel veröffentlichte im Dezember 2012 einen Artikel zu den Versuchsreihen von westdeutschen Pharmaunternehmen an ostdeutschen Patienten. Der Umfang der Versuche ist aber offenbar viel größer als bislang bekannt. Von mehr als 50.000 Patienten ist nun die Rede.

Todesfälle in mehreren Kliniken

Der Spiegel beruft sich in seinem aktuellen Bericht auf bislang unbekannte Akten des DDR-Gesundheitsministeriums, der Stasi und des Instituts für Arzneimittelwesen der DDR. West-Pharmahersteller gaben demnach an DDR-Kliniken mehr als 600 Arzneimittelversuche in Auftrag. Dabei kam es dem Bericht zufolge immer wieder zu Todesfällen, auch wurden Tests wegen Nebenwirkungen abgebrochen.

Laut den vom Spiegel ausgewerteten Akten starben unter anderem in Ost-Berlin zwei Kranke bei einem Test mit einem durchblutungfördernden Mittel. In der Lungenklinik Lostau bei Magdeburg seien zwei Patienten gestorben, die mit einem unerprobten Blutdrucksenker behandelt wurden. Die als Dopingmittel missbrauchte Substanz Erythropoetin ("Epo") soll an 30 "unreifen Frühgeborenen" erprobt worden, wie der Spiegel weiter aus den Akten zitiert. Die Hersteller boten demnach bis zu 800.000 D-Mark pro Studie an.

Einige Mediziner waren sich laut Gesprächsprotokollen der Motive der Konzerne durchaus bewusst. So gäbe es für eines der Unternehmen im Westen wohl "generelle ethische Probleme: der Mensch als Versuchskaninchen", zitiert der Spiegel einen damals leitenden Arzt der Charité aus Stasi-Protokollen. Die DDR riskiere, als "günstige Teststrecke" bekannt zu werden, warnte der Arzt. Patienten seien über Risiken und Nebenwirkungen oft im Unklaren gelassen worden.

Die betroffenen Unternehmen weisen laut "Spiegel" darauf hin, dass die Vorgänge weit zurücklägen. Sie betonen, dass klinische Tests prinzipiell nach strengen Vorschriften erfolgten. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller sieht "bisher keine Verdachtsmomente, dass irgendetwas faul gewesen wäre", schreibt das Magazin.

Die Zulassung der in der DDR getesteten Medikamente erhielten die Konzerne damals beim Bundesgesundheitsamt. Die Tests seien "nicht hinterfragt" worden, sagte ein früherer Abteilungsleiter dem Spiegel.

DDR-Opfer-Hilfe fordert Entschädigung

Die DDR-Opfer-Hilfe forderte von den Unternehmen Entschädigung für die Betroffenen und eine umfassende Aufklärung. Das Bundesgesundheitsministerium müsse "unverzüglich" eine unabhängige Kommission einsetzen, erklärte der Vorsitzende Ronald Lässig. Es sei ein Skandal, dass ethische Grundsätze gegen Westgeld offenbar planmäßig über Bord geworfen wurden. Die Pharmakonzerne und die Krankenhäuser müssten zur Verantwortung gezogen werden. Erst vor kurzem hatten auch die Stasi-Beauftragten der ostdeutschen Bundesländer eine umfangreiche Untersuchung der Medikamententests in der DDR gefordert.