Klimawandel Flucht aus dem Paradies

Kinder spielen auf einem Friedhof in Majuro auf den Marshallinseln. Er wird immer wieder überflutet.

(Foto: Vlad Sokhin)

Der Klimawandel zwingt Tausende Bewohner der Südsee schon jetzt, ihre Heimat zu verlassen. Doch was passiert, wenn ein ganzer Staat in einen anderen übersiedelt?

Von Benjamin von Brackel, Fidschi-Inseln

Mary Meita steht im ersten Stock eines weißen Gebäudes an der McGregor Road 36 in Suva, der Hauptstadt von Fidschi. Die 33-Jährige mit den langen schwarzen Haaren und dem runden Gesicht blickt durchs vergitterte Fenster. Regen fällt auf den Innenhof, die Straße und die Palmen. Es ist nicht ihr Land, aber das könnte es eines Tages werden, eine neue Heimat für ihr Volk. Sie hat daran mitgewirkt. Meita arbeitet in der Botschaft von Kiribati, einer Gruppe aus Insel-Atollen, die 2000 Kilometer entfernt von Fidschi weit verstreut mitten im Pazifik liegen. Die Flagge mit den weißblauen Wellenlinien, der Sonne und dem gelben Fregattvogel flattert im Hof an einem Fahnenmast. Die Frage ist nur: Wie lange noch?

Die Regierung Kiribatis hat vor drei Jahren Land auf den viel größeren Fidschi-Inseln gekauft, mehr als 2000 Hektar - eine Fläche so groß wie Hiddensee. Meita hat das mitorganisiert. Sie war damals rechte Hand von Präsident Anote Tong. Es sei eine schwere Entscheidung gewesen, erzählt die heutige Sekretärin des Botschafters Kiribatis auf Fidschi; aber der Präsident habe beschlossen, dass es besser sei, seine Landsleute schon jetzt darauf vorzubereiten, in Würde umzusiedeln, als abzuwarten, bis die Katastrophe unmittelbar bevorsteht. Das heißt: Die Inselbewohner besser auszubilden, damit sie auch anderswo Arbeit finden können, und dann nach und nach die 115 000 Menschen alle umzusiedeln.

Das Inselatoll Kiribati ist nicht nur überbevölkert, sondern akut bedroht vom Meeresspiegel-Anstieg. Schon heute sind strandnahe Friedhöfe überflutet und nur noch die Grabkreuze ragen aus dem Wasser. Die Küste erodiert und das Salzwasser dringt nach und nach von unten in den Boden ein, woraufhin das Trinkwasser versalzt. Getreide lässt sich kaum noch anbauen. Vor zwei Jahren besuchte Meita ihre Heimat und suchte den Ort auf, wo sie aufgewachsen ist. Dort, wo sie sich als Fünfjährige hinterm Haus versteckte, im Garten und unter Kokosnusspalmen spielte. "Als ich ankam, war das alles verschwunden", erzählt sie. "Es stand nur noch das Haus. Ansonsten war überall Meer."

Wenn die Flut das Auto holt

mehr...

Der Klimawandel zwingt die Bewohner des Südpazifik schon jetzt zur Flucht, Menschen, die sehr mit ihrem Heimatort verwurzelt sind. "Im Boden manifestiert sich das gemeinsame Erbe, er ist Teil ihrer Identität, auch weil eine schriftliche Geschichtsüberlieferung fehlt", sagt die Migrationsexpertin Sophie Wirsching von Brot für die Welt. Im Boden seien die Vorfahren begraben und dort, so glauben viele, leben deren Geister fort. "Werden die Inselbewohner davon beraubt, erleiden sie psychische Verletzungen."

"Nachts, wenn die Flut kam, hörten wir das Wasser von unten an unsere Häuser klatschen"

Die meisten Inseln im Südpazifik werden zwar nicht von heute auf morgen untergehen; bis sie physisch verschwinden, wird es noch viele Jahrzehnte dauern. Aber das Leben auf ihnen wird zunehmend unmöglich, weil Sturmfluten übers Land jagen, weil die Küsten erodieren und das Trinkwasser ausgeht.

Die Bevölkerung der zu Papua-Neuguinea gehörenden Carteret-Inseln soll schon jetzt wegen des Meeresspiegel-Anstiegs auf die knapp 100 Kilometer südwestlich gelegene Insel Bougainville umsiedeln. Die etwa 500 Bewohner der zu den Salomonen gehörenden Insel Taro wollen wegen der Sturmfluten auf die große Nachbarinsel Choiseul umziehen. Und während die Malediven mit einem Treuhandfonds aus den Tourismus-Einnahmen einen Landkauf in Australien, Neuseeland oder Indien finanzieren wollen, hat Kiribati schon Land erworben und zwar auf den Fidschi-Inseln.

Die Fidschi-Inseln sind das Sprachrohr der Region. Sie leiten die nächste Weltklimakonferenz - die vom 6. November an in Bonn stattfinden wird. Die Vertreter des Archipels können nun zumindest ein bisschen Aufmerksamkeit für ein Phänomen erreichen, das bis heute die Industriestaaten weitgehend ignorieren: Dass immer mehr Menschen aufgrund von Klimafolgen ihre Heimat verlassen müssen.