Vorstoß der EU-Kommission Tod den Tüten

Nach kaum einer Stunde im Müll: Weggeworfenes Plastik in Jerez de la Frontera, Spanien.

Sie wird nur kurz genutzt - überlebt aber schier eine Ewigkeit: Einweg-Plastiktüten sind ein immenses Problem. Nun will die EU-Kommission ein Gesetz ändern, damit die Länder den Müll endlich eindämmen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von Nakissa Salavati

Im Schnitt landet sie nach 25 Minuten im Müll: die Tüte. Tot ist die Einweg-Tüte dann noch lange nicht, im Gegenteil: Wahrscheinlich zerfällt eine heute genutzte Tüte erst im Jahr 2513. Vielleicht zerfleddert sie auch auf dem Weg ins Meer, wird von Vögeln und Fischen mitgefressen. Sterben die Tiere daran, hat die Tüte - in Einzelteilen - trotzdem überlebt.

All das ist seit Jahrzehnten bekannt - und trotzden enden jährlich "mehr als acht Milliarden Plastiktüten in Europa als Müll. Das verursacht enorme Umweltschäden", sagte EU-Umweltkommissar Janez Potočnik am Montag in Brüssel. Er will es nun EU-Staaten leichter machen, die Plastiktüte zu verbannen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was plant EU-Umweltkommissar Janez Potočnik?

Potočnik will die europäische Richtlinie 94/62/EG über Verpackungen und Verpackungsabfälle in zwei Punkten ändern, um langfristig den Verbrauch der besonders dünnen Einweg-Tüten zu senken und Müll zu vermeiden. So soll in Artikel vier der Richtlinie künftig das Ziel festgeschrieben werden, Schritte gegen den Verbrauch von Einkaufstüten mit einer Dicke von weniger als 0,05 Millimetern zu ergreifen. Bisher dürfen die EU-Staaten Plastiktüten nicht verbieten - auch das will Potočnik ändern. In Artikel 18 heißt es bislang: "Die Mitgliedstaaten dürfen in ihrem Hoheitsgebiet das Inverkehrbringen von Verpackungen, die dieser Richtlinie entsprechen, nicht verbieten."

Für eine solche Gesetzesänderung bräuchte Potočnik aber die Zustimmung der EU-Staaten und des Europaparlaments. Die Gesetze der Länder müssten entsprechend angepasst werden.

Wer verbraucht wie viele Tüten?

Der Verbrauch an Plastiktüten schwankt von Land zu Land. In Dänemark und Finnland nutzt jeder Bürger im Schnitt pro Jahr nur vier Plastiktüten, die Deutschen verbrauchen im Schnitt EU-Angaben zufolge jährlich 71. In anderen europäischen Staaten sind es "weit mehr als 400", wie die EU-Kommission in ihrem Gesetzgebungsvorschlag schreibt. Jeder Europäer verbraucht im Schnitt jährlich 198 Plastiktüten. 90 Prozent dieser Tüten sind Einweg-Plastiktüten.

Wie lässt sich die Nutzung der Plastiktüte noch eindämmen?

Die Grünen brachten im März 2013 den Vorschlag ein, Plastiktüten mit je 22 Cent zu besteuern. In Irland ist durch diese Abgabe je Tüte der Verbrauch pro Bürger und Jahr von 328 auf 21 zurückgegangen. In vielen Supermärkten erhält der Kunde bislang für wenig Geld oder gar kostenlos eine Einweg-Tüte zum Einkauf dazu. Zustimmung erhielten die Grünen von Potočnik, seine Behörde sprach sich in einem Diskussionspapier vom März ebenfalls für Steuern auf Plastiktüten aus. Entfacht hatte die Diskussion im Frühling übrigens ein toter Potwal, der an der Küste der spanischen Provinz Granada angespült worden war - den Magen gefüllt mit Plastikmüll.

Auch der Naturschutzbund spricht sich für eine Besteuerung aus. "Helfen würde aber auch ein geschlossener und funktionierender Recyling-Kreislauf sortenreiner Plastikarten", sagt Markus Erlwein vom Landesbund für Vogelschutz. Das Umweltbundesamt (UBA) fordert eine Bezahlpflicht für Plastiktüten. Eine drastischere Regelung hat Italien bereits 2011 durchgesetzt, indem es den Vertrieb von Plastiktüten verbat. Geschäfte mussten auf ökologisch vertretbarere Tüten umstellen. Allein in Rom fielen bis dahin jährlich 1,6 Milliarden Tüten an. Durch Besteuerung oder Verbote würden die EU-Länder Alternativen zur Einweg-Tüte fördern.

Welche Alternativen zur Einweg-Tüte gibt es?

Die Plastiktüte ist leicht, tragfähig und hygienisch - kurz: sehr praktisch. Außerdem dient sie als Werbefläche für Unternehmen. In Deutschland etwa kennt jeder den Aufdruck der Aldi-Plastiktüte. Andere Tütenvariante lassen sich zwar auch bedrucken, jedoch: wird sie nass, ist eine Papiertüte unbrauchbar, den Jutebeutel hat man beim Einkauf oft doch nicht dabei. Eine direkte Alternative zur leichten Plastiktüte wären Tüten aus Recycling-Plastik oder kompostierbarem Material.

Wieso wurde die Plastiktüte nicht schon längst europaweit verboten?

Bereits im Frühjahr 2012 hat Potočnik ein Verbot geprüft. Allerdings argumentierte damals eine Studie der EU-Kommission, dass ein Verbot "schwierige juristische Fragen aufwerfe". Sie europaweit zu verbannen, stehe im Konflikt mit den Regeln des europäischen Binnenmarktes und dem internationalen Handelsrecht, hieß es in dem Gutachten. Auch ein nationales Verbot eines Mitgliedsstaates sei eine "ungesetzliche Verzerrung des Marktes". Zum aktuellen Vorschlag heißt es nun: Ein Verbot wäre zwar künftig möglich, dürfe aber keine Handelsbeschränkung zwischen den Mitgliedsstaaten darstellen.

Inwiefern schaden Plastiktüten der Umwelt in Europa?

Bereits bei der Herstellung der Plastiktüte wird Erdöl, Wasser und Energie verbraucht und CO2 ausgestoßen. Ist die Tüte einmal in der Welt, landet sie nach durchschnittlich 25 Minuten im Müll und anschließend oft über Abwässer, Mülldeponinen, illegale Müllbeseitigung oder Tourismus im Meer, wie es in einem Hintergrundpapier des Umwelbundesamtes heißt. Drei Viertel des gesamten Mülls im Meer besteht aus Kunststoffen, sagt das Amt. Allein im Mittelmeer schwimmen nach Angaben der EU 500 Tonnen Plastikmüll. Plastiktüten können der EU zufolge aus 250 Milliarden einzelnen Plastikpartikeln bestehen, die zersetzt in die Nahrungskette von Meerestieren und anschließend auch in die des Menschen gelangen können. Außerdem enthalten die Tüten chemische Zusatzstoffe, die toxische Reaktionen auslösen und als Umwelthormone wirken können.

Mit Material von dpa