Streiks Autos sind der Gesellschaft mehr wert als Pflege

Pfleger demonstrieren - dazu kommt es selten.

(Foto: dpa)

Die Metaller wollen weniger arbeiten und mehr verdienen. Pfleger bekommen fürs Hinternabwischen nur einen Hungerlohn. Um das zu ändern, müssen sie endlich ihre Gewerkschaft stark machen.

Kommentar von Detlef Esslinger

Ein kleines Streikrätsel: In der Altenpflege kann man mit einem Durchschnittslohn von 2600 Euro rechnen, dafür hat man drei Jahre Ausbildung hinter sich, und eine 39-Stunden-Woche. In der Metallindustrie kommt man auf diesen Betrag schon als Angelernter, und die Arbeitszeit beträgt nur 35 Stunden; mit Ausbildung ist weit mehr als das Doppelte der 2600 Euro drin. Und jetzt die Frage: In welcher Branche streiken seit Mittwoch die Arbeitnehmer, weil sie weniger arbeiten und mehr verdienen wollen?

Man wird noch lange warten müssen, bis sich Pflegekräfte so etwas trauen - und zudem eine realistische Chance hätten, solche Forderungen durchzusetzen. Zehntausende Metallarbeiter haben am Mittwoch für 24 Stunden ihre Betriebe lahmgelegt, weil sie nicht nur mehr Geld wollen, sondern auch das Recht, ihre Arbeitszeit bis zu zwei Jahre auf 28 Stunden zu reduzieren; inklusive eines teilweisen Lohnausgleichs dafür. Die Forderung - und damit der Streik - ist möglicherweise rechtswidrig. Denn sie führt zu unterschiedlichen Stundenlöhnen, je nachdem, ob einer auf 28 Stunden reduziert oder immer schon nur 28 Stunden gearbeitet hat. Aber das sollen all die Gerichte entscheiden, bei denen mehrere Arbeitgeberverbände nun Klage eingereicht haben.

Wegen der 28-Stunden-Woche drohen 24-Stunden-Streiks

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Ein Vergleich zwischen Altenpflegern und Autobauern hat nicht den Zweck, letzteren Maßlosigkeit vorzuwerfen. Sie kämpfen für ihre Interessen, und gäben sie sich bescheidener, würde ihnen Geld entgehen, ohne dass es jedoch den Pflegekräften zukommen würde. Die Bezahlung der einen hängt nämlich nur insofern mit der Bezahlung der anderen zusammen, als dass in ihr die unterschiedliche Mächtigkeit zweier Berufsgruppen zum Ausdruck kommt - was wiederum auch damit zusammenhängt, wofür diese Gesellschaft bereit ist, Geld auszugeben: für Autos ja, fürs Hintern Abwischen nein.

Ein Tarifvertrag ist in der Pflege so leicht möglich wie anderswo auch

Niemals würde es der IG Metall einfallen, zur Regelung der Arbeitsbedingungen den Staat zu bemühen. Die Metall- und Elektroindustrie ist von relativ großen Betrieben geprägt, in denen überwiegend Männer beschäftigt sind, die Vollzeit arbeiten. In solchen Betrieben sind Gewerkschaften traditionell stark und können sich die tollsten Forderungen einfallen lassen. Kleine Betriebe hingegen oder solche, bei denen die Kirche der Arbeitgeber ist (und wo daher ein Streikverbot gilt), viele Frauen unter den Beschäftigten, von denen viele in Teilzeit sind: So ist es in der Pflegebranche, und dort haben sich Gewerkschaften schon immer schwergetan, Mitglieder zu gewinnen und somit an Mächtigkeit zuzulegen.

Um bessere Löhne zu erzielen, setzen Pflegekräfte auf jenen Staat, dessen Einmischung Metaller sich verbitten würden. Deshalb werden sie Hoffnung schöpfen, wenn jetzt die SPD als ein Ergebnis der Koalitionsverhandlungen verkündet, Pflege-Tarifverträge per Gesetz "erleichtern" zu wollen. Die Frage ist nur: Ist das ein Beitrag zur Lösung des Problems? Ein Tarifvertrag ist in der Pflege so leicht möglich wie anderswo auch. Das Problem sind die mickrigen Löhne darin. Freiwillig wird kein Heim seinen Pflegern mehr zahlen. Von alleine wird die Gesellschaft nicht auf die Idee kommen, dass Dienstleistung am Menschen mindestens so viel wert ist wie Schrauben an Autos. Entweder machen die Pfleger ihre Gewerkschaft Verdi so stark wie die Metaller ihre IG Metall. Oder sie werden noch in hundert Jahren weniger erhalten als jemand in der Industrie.

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