Große Koalition Den Jungen wird die Regierung einen Schuldenberg hinterlassen

Um die Zukunft junger Leute, die derzeit in Ausbildung sind, will sich die neue Regierung kaum kümmern.

(Foto: picture alliance / Sebastian Kah)

Geht es nach dem Koalitionsvertrag, profitieren vor allem Rentner. Dabei wäre es mindestens genauso nötig, für die Belastungen der Zukunft vorzusorgen.

Kommentar von Alexander Hagelüken

Union und SPD halten das Publikum derzeit vor allem mit ihren Personaldebatten in Atem. Die Schlagzeilen bestimmt die Frage, wer bei der SPD Parteichef werden darf oder nicht Außenminister und wer in der CDU über Angela Merkel motzt. Dabei rückt in den Hintergrund, was für das Leben der meisten Deutschen im Vordergrund steht: Welche Politik diese groß genannte Koalition in den nächsten Jahren machen wird. Forscher haben nun errechnet, dass von den Groko-Plänen neben Familien finanziell vor allem die Rentner profitieren dürften. Wieder mal die Rentner.

Schon die vergangene große Koalition bedachte eine bereits relativ gut versorgte Seniorengeneration mit Milliarden. Sie erlaubte jenen, mit 63 ohne Abschläge in Ruhestand zu gehen, die lange in die Rentenkasse eingezahlt haben. Dabei handelt es sich keineswegs um ein Programm gegen Altersarmut. Wer vom Leben ein paar Jahre aus dem Beruf geworfen wurde oder wegen seiner Kinder aussetzte, kommt nie auf die geforderten Einzahljahre. Die neue Koalition macht ebenso großzügig weiter, in dem sie mit der Gießkanne das Rentenniveau für alle stabilisiert.

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Nun: Warum sollte kein Geld an die Bürger verteilt werden, wenn die Kasse voll ist? Jedem Senior sei jeder Euro nach seinem langen Berufs- und Elternleben ausdrücklich gegönnt. Allerdings sollte das Geld halbwegs fair zwischen den Generationen verteilt werden. Doch davon kann keine Rede sein. Um das zu beurteilen, muss man mehr betrachten als das Rentensystem. Es geht um die ganze Statik der Gesellschaft.

Schon in wenigen Jahren kommen auf einen über 64-Jährigen nicht mehr drei erwerbsfähige Bürger bis 64 wie heute, sondern nur zwei. Bis 2060 steigt die Lebenserwartung für Frauen von einst 72 auf 89. Gesundheit, Pflege, alles wird mehr kosten - zu schultern von weniger Beschäftigten. Indem die Politiker für die Pensionen der Beamten kaum vorsorgen, verschlimmern sie die Lage mutwillig.

Das Narrativ "immer mehr" holpert

Wie es morgen im Vergleich zu heute aussehen wird, dazu ermitteln Ökonomen drastische Zahlen. Den künftigen Generationen werden nicht nur offizielle Schulden von 70 Prozent der Wirtschaftsleistung hinterlassen, die ja immerhin stabilisiert werden. Unfinanzierte Mehrkosten für Gesundheit, Pflege oder Rente summieren sich auf einen noch mal doppelt so hohen Betrag. Wer diese unsichtbaren Belastungen addiert, kommt auf einen weit höheren Schuldenberg als jenen, bei dem Griechenland für pleite erklärt wurde.

Nun wird Jüngeren und Ungeborenen natürlich viel Positives in den Schoß fallen: ein funktionierendes Wirtschaftssystem, global erfolgreiche Marken, eine brauchbare Infrastruktur - und Erbschaften. Wer dies genauer analysiert, entdeckt allerdings Einschränkungen. Ein volles Drittel der Erbsumme wird von nur zwei Prozent Reichen hinterlassen. Sehr viele Deutsche werden nichts erben. Jüngere Arbeitnehmer merken schon heute, dass sie oft real netto nicht mehr verdienen als ihre Eltern. Das Narrativ "immer mehr", das die Wohlstandsgesellschaft seit dem Zweiten Weltkrieg erzählt, holpert und stottert längst.

Jüngere geraten nicht nur als Kandidaten für Ministerämter aus dem Blick

Die Bürger dürfen von verantwortungsvollen Politikern erwarten, dass sie all diese Trends berücksichtigen. Also: Viel Geld und Energie in Projekte stecken, die Jüngeren und künftigen Generationen zugutekommen. Es gibt dazu ja gute Ansätze im Koalitionsvertrag. Ob mehr Investitionen in Bildung und Infrastruktur, Förderung von Familien oder das Versprechen, sich um die Digitalisierung zu kümmern. Doch ein durchdachtes Gesamtkonzept ist nicht zu erkennen. Und so fällt stark auf, was fehlt: Arbeitnehmer deutlich von Steuern und Abgaben zu entlasten. Und finanziell für die Belastungen der Zukunft vorzusorgen. Stattdessen stellt die prospektive Regierung Milliarden für alle Senioren bereit, wo sie sich doch mit Grund- und Erwerbsminderungsrente auf jene konzentrieren könnte, denen wirklich Armut droht.

Aber womöglich ist das auch nicht anders zu erwarten von einer Kanzlerin, die jüngere Minister verspricht - und damit Politiker unter 60 meint. Unter 60: Diese Perspektive erfasst vielleicht gerade noch Menschen 45 plus. All die Millionen Jüngeren geraten da schnell mal aus dem Blick, nicht nur als Kandidaten für ein Ministeramt. Wahrscheinlich haben die Berater Merkel, Nahles und Co. eingeimpft, dass diese Jüngeren auch als Wähler wenig relevant sind. Zur Jahrtausendwende stellten die 18- bis 44-Jährigen noch fast die absolute Mehrheit der Wahlberechtigten. Heute ist ihre Gruppe kleiner als jene der Deutschen, die mindestens 60 Jahre alt sind.

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