Öffentlicher Nahverkehr Die Bahn holt bald den Kunden ab

Die Deutsche Bahn sagt Carsharing, Taxis und Uber den Kampf an - mit einer Flotte aus Sammeltaxis, Elektroautos und bald auch autonomen Fahrzeugen. In Bad Birnbach soll schon in zwei Wochen ein automatischer Kleinbus fahren.

Von Markus Balser, Berlin

Bad Birnbach ist bislang keine große Nummer im öffentlichen Nahverkehr. Ein paar Busse nach Fahrplan - das war's. In zwei Wochen aber dürfte der kleine Kurort mit 6000 Einwohnern in Niederbayern Schlagzeilen machen. Dann reisen Verkehrsminister und Bahnchef zu einer Premiere in die bayrische Provinz. Erstmals bringt Ende Oktober ein Kleinbus der Bahn Kurgäste in die Therme. Das Besondere an dem weißen klobigen Gefährt mit dem grünen Logo "ioki": Es ist der erste Bus in Deutschland, der ohne Fahrer aus kommt. Das automatische Vehikel gilt zudem als Prototyp für eine neue Form des öffentlichen Nahverkehrs.

Was in Bad Birnbach noch als Spielerei im Schritttempo beginnt, könnte in den nächsten Jahren massive Auswirkungen darauf haben, wie sich die Deutschen in Großstädten und auf dem Land fortbewegen. Der Test gilt als Vorläufer eines bundesweiten Projekts der Deutschen Bahn mit viel größerem Anspruch.

Losgehen soll es mit einer Mitfahrgelegenheit-App in Hamburg

Der Staatskonzern gab am Mittwoch bekannt, mit der neuen Marke ins Geschäft mit dem individuellen öffentlichen Nahverkehr einzusteigen. Kunden sollen nicht mehr nur nach Fahrplan reisen. Sie sollen künftig per App von Fahrern gelenkte Sammeltaxis, Elektrogefährte und später auch autonome Autos bestellen können, die sie zum Bahnhof oder an einen beliebigen Ort bringen - zu Preisen, die unter Taxi-Kosten liegen dürften. Die Bahn will kleine Busse mit Steh- und Sitzplätzen und Elektroautos für fünf bis sechs Passagiere einsetzen, aber auch kleine Elektro-Tuktuks, die moderne Version der Rikschas in Asien.

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Los gehen soll es mit einem Praxistest im großen Stil bereits im kommenden Jahr in Hamburg. In Kooperation mit den dortigen Verkehrsbetrieben will der Konzern dann 100 Fahrzeuge mit Fahrern auf die Straßen schicken. Wer die nötige App auf dem Handy hat, kann sich eine Mitfahrgelegenheit direkt vor die Tür bestellen oder in ein Sammeltaxi einsteigen. Man gehe mit einer "Mischflotte" aus unterschiedlichen Antrieben und Fahrzeuggrößen an den Start.

Im Rahmen der sogenannten Smart-City-Partnerschaft zwischen der DB und der Stadt teste die neue Bahn-Marke "ioki" 2018 "einen fahrerbasierten Shuttleservice mit Anschluss an den öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV)". Weitere Städte und auch ländliche Regionen sollen folgen.

Mit diesen Fahrzeugen will die Bahn den Nahverkehr aufrollen: ein Elektroauto (links), ein automatischer Kleinbus (Mitte) und ein Elektro-Tuktuk.

(Foto: oh)

Kunden sollen dann kein eigenes Auto mehr benötigen

Was ungelenk klingt, könnte die Mobilität in den nächsten Jahren verändern. Der Konzern dringt damit mit einer eigenen IT-Plattform in das Geschäft von Carsharing-Firmen, Taxis und digitalen Anbietern wie Uber vor, will aber auch private Autos mit dem eigenen Angebot ersetzbar machen - zumindest auf dem Weg zum nächsten bequemen ÖPNV-Anschluss. Es gehe darum, Lücken im öffentlichen Nahverkehr zu schließen, sagte der zuständige Projektleiter Michael Barillère-Scholz.

Noch ist vieles offen. Der Konzern könnte die Flotte selbst betreiben, will die Technik für den Betrieb aber vor allem Anbietern wie Verkehrsbetrieben zur Verfügung stellen. Was der Dienst für die Nutzer kosten soll, lässt die Bahn noch offen. Die Tickets dürften jedoch teurer werden als bisherige Karten im öffentlichen Nahverkehr. Personenverkehrsvorstand Berthold Huber erklärte bei der Vorstellung von "ioki", dass die neuen Dienste "jederzeit digital buchbar" sein sollen, "in der Stadt wie auf dem Land mit Anschluss an die Schiene". Kunden würden kein eigenes Auto mehr benötigen.

Allerdings kämpft die Bahn noch mit rechtlichen Problemen. Denn zum Schutz des Taxigeschäfts gelten in Deutschland strenge Regeln für den Transport von Fahrgästen. Bei den ersten Tests ist der Betrieb nur mit Sondergenehmigung möglich. Man hoffe auf eine praktikablere Gesetzgebung, heißt es bei der Bahn. Auch Gewinne würden die ersten Tests wohl kaum erwirtschaften. "Wir rechnen mit Anfangsverlusten", sagt Bahnmanager Huber. Wenn der Dienst wachse, peile die Bahn aber auch Gewinne an.

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