Macht im Netz Fünf Konzerne teilen das Internet unter sich auf

Illustration: Stefan Dimitrov

  • Fünf Konzerne sacken etwa 70 Prozent des Umsatzes von 300 Milliarden Dollar ein, den alle börsennotierten US-Internetfirmen zuletzt gemacht haben.
  • 57 Prozent der Erlöse flossen allein in die Kassen von Amazon und Alphabet.
Von Claus Hulverscheidt und Kathrin Werner

Facebook? Es reicht, nur den Namen des Internetkonzerns zu erwähnen, um Denis O'Brien in Fahrt zu bringen. "Mark Zuckerberg", ereifert sich der 57-Jährige über den nur gut halb so alten Facebook-Gründer, "ist wie der Typ, der zu deiner Party kommt, deinen Champagner trinkt, deine Freundin küsst und noch nicht einmal etwas mitbringt." Und Google sei keinen Deut besser. Der Konzern verdiene "Milliarden Dollar mit Werbung, ohne einen einzigen Penny zu zahlen", stoße in immer weitere Branchen vor und mache kleineren Firmen das Leben schwer. Kleineren Firmen wie O'Briens Unternehmen Digicel, das in mehr als 30 Karibik- und Südpazifik-Staaten Handynetze betreibt.

Dass der Manager mit seinen Aussagen im Wall Street Journal nicht unrecht hat, zeigt eine Untersuchung der Zeitung USA Today. Demnach sind es nur fünf Konzerne, die das Internet praktisch unter sich aufgeteilt haben. Sie sacken etwa 70 Prozent des Umsatzes von 300 Milliarden Dollar, den alle börsennotierten US-Internetfirmen zuletzt gemacht haben, ein: der Google-Mutterkonzern Alphabet, das soziale Netzwerk Facebook, der Onlinehändler Amazon, das Web-Auktionshaus Ebay und der Medienkonzern Liberty International mit seinem Einkaufssender QVC. 57 Prozent der Erlöse flossen allein in die Kassen von Amazon und Alphabet. Die Hoffnung, das Internet werde die Wirtschaftswelt demokratisieren, weil Neulinge keine Fabriken brauchen und der Einstieg somit billig ist - sie ist zerstoben.

Die Untersuchung hat ihre Schwächen, weil sie nur an der Börse gelistete US-Internetfirmen betrachtet. Damit fehlt der chinesische Amazon-Rivale Alibaba ebenso wie zum Beispiel der Computerbauer Dell. Gleiches gilt für Apple und Microsoft, die über Streaming- und Speicherdienste im Internet aktiv sind, aber als Gerätehersteller gelten und deshalb nicht berücksichtigt wurden. Am Trend jedoch ändert das nichts: Die Größten werden immer größer.

Garagenfirmen von einst sind längst Kolosse geworden

Facebook etwa hat für das jüngste Quartal gerade einen Umsatzsprung von mehr als 40 Prozent vermeldet, Google steigerte den Gewinn zwischen Juli und September im Vergleich zu 2014 um ein Viertel auf gigantische 4,7 Milliarden Dollar, der Börsenwert von Amazon hat sich binnen eines Jahres auf 310 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Internet-Videos schaut man bei der Google-Tochter Youtube, Hersteller von Konsumgütern vertreiben diese tunlichst auch über Amazon. Und wer seine Firma vor allem bei jüngeren Menschen bekanntmachen will, muss bei Facebook werben und bei Google auffindbar sein.

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Die Garagenfirmen von einst - sie sind die Kolosse, unter denen die Garagenfirmen von heute ächzen. Das liegt auch daran, dass die Großen nicht nur größer, sondern auch immer reicher werden: Apple und Google verfügen über gigantische Barreserven, Amazon, Alphabet und Facebook machen 70 Prozent des Börsenwerts aller US-Internetfirmen von insgesamt 1,5 Billionen Dollar aus. Wenn es um die Marktkapitalisierung geht, ist ihre Dominanz noch extremer als bei den Umsätzen.

Mit dem Geld können die Konzerne in immer leistungsstärkere Rechenzentren und auch eigene Kabelnetze investieren - und in Anwälte, die ihnen Rivalen und nörgelnde Aufsichtsbehörden vom Hals halten. Amazon ist längst nicht mehr nur Buchhändler, sondern hat Milliarden in Speichertechnologien investiert und ist damit zum "Cloud"-Weltmarktführer aufgestiegen. Die Produkte der Großen werden immer billiger, je mehr sie verkaufen. Dabei können die Neulinge nicht mithalten, "so dass sich die Internetgiganten im Prinzip nur noch gegenseitig Konkurrenz machen", klagt Cory Doctorow, Blogger und Aktivist für das freie Internet. Schuld daran seien auch die Aufsichtsbehörden, die neue Regeln für die Internetbranche immer gemeinsam mit den Großkonzernen verhandelten - Start-ups säßen nie mit am Tisch.

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Doch es ist nicht nur ihre gewaltige finanzielle Kraft, die die großen fünf so mächtig, manche sagen auch: so gefährlich, macht. Hinzu kommt, dass die Konzerne die Daten von Milliarden Menschen aufsaugen und für die Werbewirtschaft aufbereiten - und so den gläsernen Kunden schaffen. Beispiel Google: Jeweils eine Milliarde Menschen nutzen allein den E-Mail-Dienst Gmail und das Handy-Betriebssystem Android, hinzu kommen mehr als vier Millionen Anfragen bei der konzerneigenen Internetsuchmaschine - pro Minute wohlgemerkt.

89,2

Prozent aller Suchanfragen werden weltweit über die Suchmaschine von Google gestellt. Die übrigen Anbieter - ob Bing, Yahoo oder Baidu - spielen kaum eine Rolle. In Deutschland liegt der Google-Anteil sogar bei fast 95 Prozent.

Alle diese Daten, von den E-Mail-Kontakten über das Surfverhalten bis zu den persönlichen Interessen, macht Google zu Geld. Facebook tut dasselbe, und beide Internetkonzerne tun es in einem solchen Ausmaß, dass es selbst Apple-Chef Tim Cook jüngst mulmig wurde: Das Geschäftsgebaren einiger "bekannter und erfolgreicher Unternehmen aus dem Silicon Valley", so klagte er, sei nichts anderes als "eine Attacke auf unser aller Privatleben".

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Wo selbst der Chef des teuersten Konzerns der Welt zetert, ist die Politik nicht weit. Sigmar Gabriel etwa, der Bundeswirtschaftsminister, hat schon vor einiger Zeit in einem Essay gewarnt, dass der "von einer Handvoll amerikanischer Internetkonzerne beherrschte Informationskapitalismus" die Grundpfeiler der sozialen Marktwirtschaft ins Wanken bringe: "Die Vertragsfreiheit und der freie Wettbewerb drohen zur Schimäre zu werden, wo die Ungleichheit zwischen den Wirtschaftssubjekten absurde Ausmaße annimmt, wo in neufeudaler Selbstherrlichkeit auftretende Monopolisten sich rechtsstaatlichen Regeln entziehen und notwendige Informationen verweigern", so Gabriel. Noch drastischer hatte es zuvor Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, formuliert: "Entweder wir verteidigen unsere Freiheit und ändern unsere Politik, oder wir werden zu digital hypnotisierten Mündeln der Datenherrschaft."

Tatsächlich ähneln die Garagenfirmen von einst längst jenen riesigen Konglomeraten, die im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts den Baumwollhandel, den Eisenbahnbau, die Silberminen und die Finanzgeschäfte kontrollierten. "Keine Industrie ist mehr vor ihnen sicher", hat der frühere Apple-Manager Michael Mace erkannt. Tatsächlich: Google entwickelt ein Auto und forscht an der Heilung von Diabetes. Der Streamingdienst Netflix macht mit eigenen Filmen den Hollywood-Studios Konkurrenz. Amazon-Gründer Jeff Bezos will das Weltall erkunden. Und Facebook-Chef Zuckerberg, jener unerwünschte Partygast, will entlegene Regionen der Welt mit Internetzugängen versorgen. Es ist das Geschäft, das bisher Denis O'Brien betrieb.

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