Lehman-Brothers-Pleite Die Angst vor dem Crash-Virus bleibt

Vier Jahre ist es her, dass die Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach. Der Kollaps hat Folgen bis heute - und gibt noch immer Rätsel auf: Wie konnte es sein, dass eine Bank dieser Größe das weltweite Finanzsystem ins Wanken brachte? Diese Frage ist weiter offen. Und die Furcht ist groß, dass der Crash-Virus erneut zuschlägt.

Von Moritz Koch

Richard Fuld war einer der mächtigsten Männer an der Wall Street, doch jetzt starrte er auf sein Telefon wie ein verunsicherter Teenager. Warum meldet sich Ken Lewis nicht? Fuld spielte seine Erklärungsversuche durch, wälzte sie im Kopf hin und her. Solange bis er schließlich seinen Stolz vergaß. Es war der Abend des zwölften September 2008, schon etliche Male hatte der Chef der Investmentbank Lehman Brothers versucht, seinen Kollegen von der Bank of America im Büro zu erreichen. Jetzt wählte er dessen Privatnummer. Lewis Ehefrau fing das Gespräch ab. "Sie sollten aufhören anzurufen", sagte sie freundlich im Ton, eiskalt in der Sache. "Ken kommt nicht ans Telefon."

Spätestens in diesem Moment, der sich aus Aussagen der Beteiligten rekonstruieren lässt, muss Richard Fuld den Glauben an ein gutes Ende verloren haben. Er hatte monatelang gezögert, inzwischen aber war er bereit, Lehman zu verkaufen. Notfalls sogar zu verramschen. Fuld erkannte, dass sein Lebenswerk auf dem Spiel stand und wollte es retten, um jeden Preis. Doch es war zu spät. Auch der Versuch, die britische Großbank Barclays als Übernahmepartner für Lehman zu gewinnen, zerschlug sich kurz darauf.

Und so geschah, was bis zuletzt undenkbar erschien. In den frühen Morgenstunden des 15. September 2008 meldete Lehman Brothers Insolvenz an. Die Folge war ein Chaos auf den Finanzmärkten, wie es die Welt noch nicht erlebt hatte. Sie alle hatten die Ansteckungsgefahren unterschätzt: Fuld, der seine Bank für unverwüstlich hielt. Die übrigen Wall-Street-Bosse, die sich weigerten, dem gestrauchelten Konkurrenten eine Kapitalimpfung zu verpassen. Und die US-Regierung, die keine Staatshilfen genehmigte. Schlagartig versiegten die globalen Kapitalströme. Für ein paar Monate schien es, als stürze die Weltwirtschaft in den Abgrund einer Depression. Nur ein beispielloser Kapitaleinsatz von Notenbanken und Regierungen verhinderte den totalen Kollaps. Das Grundprinzip der freien Marktwirtschaft, dass jedes Unternehmen für seine Risiken haftet, wurde außer Kraft gesetzt. Noch heute, genau vier Jahre später, sind die Folgen der Lehman-Pleite allgegenwärtig.

Unmut über die Rettungspolitik

Die US-Konjunktur hängt am Tropf der Notenbank, und die Eurozone hat das Vertrauen der Märkte verloren. Auf beiden Seiten des Atlantiks wächst der Unmut über die Rettungspolitik. In den USA spornt er die Republikaner zu einem kompromisslosen Oppositionskurs an. Und durch Europa treibt er einen Keil. Die Bürger fühlen sich überfordert, im Norden durch Hilfszusagen, im Süden durch Sparauflagen. Zwar ist es der Europäischen Zentralbank gelungen, die Investoren zu beruhigen. Doch es bleibt die Gefahr des großen Knalls.

Griechenland läuft die Zeit davon. Es droht eine Staatspleite und eine Infektion des Finanzsystems. Die Lehren der dramatischen Ereignisse des 15. Septembers 2008 waren nie so wichtig wie jetzt, da erneut ein Lehman-Moment in der Luft liegt.

Der britische Notenbanker Andrew Haldane war der erste, der die Finanzkrise mit einem Virus verglich. Dahinter steht mehr als nur der Versuch, die Beziehungen zwischen Banken, Staaten, Versicherern und Hedgefonds zu veranschaulichen. Ökonomen wollen von der Epidemiologie lernen, um ein Modell zu entwickeln, mit dem sich das Risiko einer Finanzkrise abschätzen lässt. Denn nach wie vor gibt der große Crash von 2008 Rätsel auf. Alles begann mit den Zahlungsnöten von einkommensschwachen US-Familien, die sich mit Hypotheken überladen hatten. Doch wie konnte es sein, dass der winzige Markt für Subprime-Kredite das gesamte amerikanische Finanzsystem ins Wanken brachte? Und wie konnte eine Bank wie Lehman, die gemessen an Konzernen wie JP Morgan, Citigroup und der Deutschen Bank eine kleine Nummer war, eine globale Panik auslösen?

Was sich seit der Finanzkrise getan hat

mehr...