IWF-Chefin Lagarde Verliererin des griechischen Schuldendramas

Die Zahlungsverweigerung der Griechen stellt das Selbstverständnis des Internationalen Währungsfonds infrage. Für IWF-Chefin Lagarde könnte das gefährlich werden.

Kommentar von Claus Hulverscheidt, New York

In der an Katastrophen wahrlich nicht armen griechischen Schuldentragödie ist nun also der nächste Tiefschlag zu vermelden: Als erste Industrienation überhaupt verweigert Griechenland dem Internationalen Währungsfonds (IWF) die Rückzahlung eines Kredits. Was klingt wie eine buchhalterische Randnotiz, ist in Wahrheit eine Zäsur. Ihre Folgen werden weit über den Tag und aktuellen Fall hinausreichen.

Dabei hat die Regierung in Athen rein technisch gesehen erst einmal wenig zu befürchten. Zwar wird nun ein mehrstufiges Mahnverfahren in Gang gesetzt, das theoretisch im Rauswurf des Landes aus dem IWF gipfeln kann. Bis es so weit ist, müssen aber mindestens zwei Jahre vergehen.

Die politische Debatte hingegen wird sofort beginnen, ja, sie läuft unter der Oberfläche längst, und sie kann für IWF-Chefin Christine Lagarde sehr gefährlich werden. Die Zahlungsverweigerung der Griechen nämlich stellt das Selbstverständnis der Institution infrage, wonach sich der Fonds auch in politisch instabilen Regionen an der Bekämpfung von Finanzkrisen beteiligen kann, weil es einen globalen Konsens darüber gibt, dass IWF-Kredite immer zurückgezahlt werden. Ohne diesen Konsens muss der Fonds womöglich seine gesamte Kreditvergabepraxis verändern. Die Leidtragenden wären ausgerechnet die Länder, die der Hilfe am dringendsten bedürfen.

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Die Frage also ist: War es Griechenland wert, dieses Risiko einzugehen? Die für Lagarde bedrohliche Antwort lautet: Nein.

Dass sich der IWF so stark engagiert, (er hat Athen bis zu 29 Milliarden Euro zugesagt), verdankt er der Bundeskanzlerin. Angela Merkel holte den Fonds und damit dessen Renommee ins Boot, um die griechischen Hilfspakete unionsintern durchzusetzen. Lagarde ist somit auch ein Opfer von Merkels innenpolitischem Kalkül.

Ein williges Opfer allerdings, denn auch die IWF-Chefin und ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn hatten bei der Operation Hintergedanken: Für sie war das Engagement in Griechenland das Vehikel, um die Sinnkrise des Fonds endgültig zu überwinden und die oft diskutierte Frage, wofür man die Institution eigentlich heute noch braucht, ein für allemal zu beantworten. Auch wollten sie das Image des Fonds als Brachialsanierer aufpolieren.

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Stattdessen dürfte nun das schon lange gärende Genörgel asiatischer und südamerikanischer Länder über die Französin in offene Kritik umschlagen. Viele ärmere Mitgliedsstaaten nämlich halten das Engagement des IWF ausgerechnet auf Lagardes Heimatkontinent für völlig unverhältnismäßig. Ein so stinkreicher Staaten-Klub wie die Euro-Zone, so das Argument, wird seine finanziellen Probleme doch wohl allein lösen können. Man muss Wolfgang Schäuble zugutehalten, dass er einst intern genauso argumentierte. Recht hatte er, es hätte völlig gereicht, wenn der IWF in Griechenland technische Hilfe geleistet und erfahrene Berater geschickt hätte.

So aber ist die von Alexis Tsipras und Angela Merkel angeführte Liste der Verlierer des griechischen Dramas um einen illustren Namen reicher: Christine Lagarde.