GE-Chef Jeffrey Immelt Brandrede in Rom

Jeffrey Immelt ist nicht als Hitzkopf bekannt. Doch vor italienischen Unternehmern übt der Chef von General Electric ungewöhnlich scharfe Kritik an China und an US-Präsident Barack Obama. Vielleicht will er von eigengen Fehlern ablenken.

Von Moritz Koch, New York

Vielleicht erlag Jeffrey Immelt dem Wunsch, in große Fußstapfen zu treten, wenigstens für einen Abend. Die Engelsburg in Rom, in die der Chef des amerikanischen Industriekonglomerats General Electric eine handverlesene Schar italienischer Unternehmer geladen hatte, war als Mausoleum für den Philosophenkaiser Hadrian errichtet worden. Es ist ein verständliches Verlangen, in solch einer Kulisse bedeutsame Worte zu finden. Doch Immelts Ansprache wird nicht wegen ihrer analytischen Tiefe oder ihrer rhetorischen Brillanz in Erinnerung bleiben. Sie ist nur deshalb ein Thema, weil sie zur Tirade geriet, zu einem Doppelschlag gegen China und US-Präsident Barack Obama. Die römische Sommernacht könnte noch schwerwiegende Folgen für Immelt und General Electric haben.

Breitseite gegen China: General-Electric-Chef Jeffrey Immelt hat bei einem Auftritt in Rom alle diplomatische Vorsicht abgelegt.

(Foto: bildextern)

Immelts Breitseite gegen China war eine Zusammenfassung aller Vorbehalte und Klagen, die westliche Unternehmer nur zu oft über die aufstrebende Macht im Fernen Osten äußern - doch meistens nur hinter vorgehaltener Hand. Immelt hingegen legte alle diplomatische Vorsicht ab. Er warf Peking offen Protektionismus und neokolonialistische Umtriebe vor. "Ich mache mir wirklich Sorgen um China", sagte der 54-Jährige seinen Gästen. "Ich bin mir nicht sicher, dass sie auch nur einen von uns gewinnen lassen wollen."

Das Geschäftsklima in China habe einen Tiefpunkt erreicht. Die Lage sei so schlimm wie seit 25 Jahren nicht mehr, als das kommunistische Land noch am Anfang seiner wirtschaftlichen Reformpolitik stand. Offenbar ist der GE-Chef wütend darüber, dass China Investoren ins Land lockt, sie aber zu Kooperationen mit heimischen Unternehmen zwingt und auf diese Weise technologisches Know-How anzapft, um kurze Zeit später mit dem erworbenen Wissen westliche Konzerne auf den Weltmärkten herauszufordern. Dabei gingen chinesische Geschäftsleute gerade in Entwicklungsländern rücksichtslos vor. Zum Glück, so Immelt, "wollen sich nicht alle von den Chinesen kolonialisieren lassen". Daraus ergäben sich Chancen in Afrika, Lateinamerika, dem Mittleren Osten und in Indonesien.

Die Litanei des Vorstandschefs bringt GE in Verlegenheit. China ist ein wichtiger Markt für das Unternehmen, dessen Angebotspalette von Glühbirnen bis zu Atomkraftwerken reicht. 5,3 Milliarden Dollar erwirtschafteten die Amerikaner im vergangenen Jahr dort. Selbst der größte Industriekonzern der Welt kann es sich nicht leisten, die Machthaber in Peking zu verärgern. Und so bemühte sich das Unternehmen um Schadensbegrenzung. Gleich nachdem die Financial Times am Donnerstagabend den ersten Bericht über Immelts denkwürdige Ansprache auf ihre Internetseite stellte, ließ der Konzern verlauten, dass die Bemerkungen aus dem Kontext gerissen wurden. Schließlich habe Immelt auch die Attraktivität und die enorme Wichtigkeit des Standorts China betont. Zunächst versuchte es GE zusätzlich mit Medienschelte. Die Schlagzeilen beruhten auf ungenauer Berichterstattung, hieß es. Später änderte sich die Tonlage. Nach Immelts Äußerungen gefragt, antwortete ein GE-Sprecher: "Sie geben nicht unsere Ansichten wieder." Ganz vorsichtig rückt der Konzern von seinem Chef ab.

Die Reaktion der GE-Pressestelle ist keinesfalls überraschend, zumal Immelt nicht nur gegen China ausgekeilt hatte, sondern auch gegen Barack Obama. Den US-Präsidenten geißelte er für seine angeblich unternehmerfeindliche Einstellung und die Regulierungswut seiner Regierung. "Unternehmen mögen den Präsidenten nicht", sagte der Spitzenmanager, "und der Präsident mag Unternehmen nicht." Lob hatte Immelt hingegen für Angela Merkel übrig, die die deutsche Industrie mit aller Macht verteidige. In den USA könnten Unternehmer von solcher Unterstützung nur träumen. "Die Leute sind richtig mies gelaunt. Wir sind eine lächerliche Exportnation. Wir müssen wieder eine Industriemacht werden, aber das schafft man nicht, wenn die Regierung und die Unternehmer nicht harmonieren."

Unklar ist, warum sich Immelt zu einer derart expliziten Regierungsschelte hinreißen ließ. Als Hitzkopf ist der studierte Mathematiker eigentlich nicht bekannt. Auch darüber, keinen Zugang zum Präsidenten zu bekommen, kann sich Immelt wohl nicht beschweren. Er ist Mitglied des Wirtschaftsrats des Weißen Hauses, ein Gremium, das von dem früheren Notenbank-Chef Paul Volcker geleitet wird, der bei Obama höchstes Ansehen genießt. Wahrscheinlich stört sich Immelt an der Finanz- und der Gesundheitsreform, die der Präsident auf den Weg gebracht hat. Gerade die Finanzreform wird GE hart treffen. Der Konzern erwirtschaftet große Teile seines Umsatzes mit Kreditprodukten. Allerdings wollte Immelt die Finanzsparte ohnehin verkleinern. Zuletzt gab er das Ziel aus, die Bilanz von GE Capital um 200 Milliarden Dollar zu reduzieren.

Möglicherweise war Immelts Brandrede nur ein Versuch, von eigenen Missgeschicken abzulenken. Der GE-Chef ist längst nicht mehr unumstritten. Seit er vor neun Jahren den Chefposten übernahm, ist der Unternehmenswert von GE um kaum fassbare 220 Milliarden Dollar geschrumpft. Zudem verlor der Konzern sein AAA-Rating, das oberste Gütesiegel der Kreditwürdigkeit. Obwohl Immelt einige Tochterfirmen verkauft hat, etwa die Kunststoffsparte und das Geschäft mit Versicherungen, fehlt GE noch immer eine klare Struktur. Zwar ist unwahrscheinlich, dass Immelt über seinen rhetorischen Fehltritt stolpert. Doch selbst wenn er sich noch eine Weile in seinem Job hält: fest steht, dass er nie aus dem Schatten seines Vorgängers treten wird. Jack Welch, als Neutronen-Jack berühmt und berüchtigt, war der Superstar von Corporate America. Auch seine Fußstapfen sind zu groß für Jeffrey Immelt, nicht nur die von Kaiser Hadrian.