Arbeit für Flüchtlinge Ausbildung ist alles

Bei ihm hat es geklappt: Hamza Ahmed aus Somalia bekam nach drei Monaten Ausbildung einen Arbeitsvertrag bei der Firma Reuther STC in Brandenburg.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)
  • Langfristig gesehen könnte die deutsche Wirtschaft enorm von den vielen Flüchtlingen profitieren, die derzeit ins Land kommen.
  • In den ersten Jahren werden aber viele von ihnen auf Sozialleistungen angewiesen sein, bis sie Jobs finden.
Von Alexander Hagelüken

Die erwartete Ankunft von 800 000 oder noch viel mehr Flüchtlingen in diesem Jahr erzeugt mitunter extreme Reaktionen. Manche Warnungen, der deutsche Arbeitsmarkt werde total überfordert, klingen fremdenfeindlich. Auf der anderen Seite kennt der Optimismus keine Grenzen, wenn einige trotz unklarer Wirkungen der Zuwanderung schon ein neues Wirtschaftswunder ausrufen. Der Forscher Clemens Fuest fordert mehr Sachlichkeit. "Die Aussage, dass uns die Flüchtlinge wirtschaftlich nutzen, ist ökonomisch noch nicht tragfähig", sagt der Präsident des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Aber das ist für Fuest kein Argument gegen die Migration. "Die Flüchtlinge müssen uns auch nicht nutzen. Wir nehmen sie ja aus humanitären Gründen auf."

"Historisch gesehen nutzt Zuwanderung"

Fachleute zeichnen ein differenziertes Bild davon, was der Zustrom für den Arbeitsmarkt bedeutet. Sie unterscheiden zwischen kurz- und längerfristigen Folgen. Und sie betonen vor allem, dass die Wirkungen sehr davon abhängen, welche Anstrengungen Deutschland bei der Integration unternimmt. Grundsätzlich ist die Aussage klar. "Historisch gesehen nutzt Zuwanderung", fasst Klaus Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), die Forschung zusammen. "Staaten, die regelmäßig Zuwanderer haben, sind wachstumsstärker." Sorgen, dass Zuwanderungswellen Arbeitslosigkeit auslösen könnten, hätten sich bisher stets als unbegründet erwiesen. Zuletzt war das bei der Osterweiterung der EU 2004 so. "Es kamen gar nicht so viele Osteuropäer wie vorhergesagt, und die Ankömmlinge fanden rasch Stellen".

Für die aktuellen Flüchtlinge ist es kurzfristig nicht einfach. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelte gerade, dass unter allen als Asylbewerber anerkannten oder geduldeten Syrern inzwischen mehr arbeitslos sind als sozialversicherungspflichtig beschäftigt - deutlich mehr als die Hälfte beziehe wohl Hartz IV. Bei anderen häufigen Herkunftsstaaten wie Irak, Afghanistan oder Somalia sei die Situation kaum besser.

Fünf bis sechs Jahre, bis die Mehrheit Arbeit hat

"Kurzfristig werden weniger als zehn Prozent der Flüchtlinge eine Arbeit finden", schätzt Bertram Brossardt. Der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft verweist auf Erfahrungen aus einem Projekt der Bundesagentur für Arbeit. Das ist aber gar keine Besonderheit. Nach einer Untersuchung der Organisation OECD dauert es in Europa im Schnitt fünf bis sechs Jahre, bis die Mehrheit der Flüchtlinge in Arbeit kommt. IZA-Chef Zimmermann rechnet damit, dass die Hälfte der 800 000 Flüchtlinge ein paar Jahre von Sozialleistungen leben wird. Die Bundesregierung rechnet damit, dass 2019 bis zu eine Million Menschen mehr auf HartzIV angewiesen sein könnten - bei derzeit sechs Millionen Empfängern.

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Für wen das reichlich negativ klingt, der kann aus anderen Daten Optimismus schöpfen. Ohne Zuwanderung schrumpft die Bevölkerung bis 2030 um fünf Millionen, so Prognosen - das Land braucht also Arbeitskräfte. Und die Sozialkassen einer alternden Gesellschaft brauchen neue Beitragszahler. "Der größte Teil der Flüchtlinge wird erst mal keinen Job finden", sagt Karl Brenke vom DIW-Institut. "Die Frage ist, wie lange bleiben sie arbeitslos?"

Bis zu 80 Prozent der Neuankömmlinge haben keine Ausbildung

"In ein paar Jahren können vor allem die unter 25-Jährigen helfen, den Mangel an Fachkräften zu beheben", glaubt Wirtschaftsfunktionär Brossardt. Der Bedarf ist in bestimmten Branchen riesig. Die Firmen seien bereit, Ankommende in die Betriebe aufzunehmen: "Das Engagement ist enorm." Gleichzeitig verweist er auf Schätzungen der Bundesagentur, wonach bis zu 80 Prozent der Ankömmlinge keinen Berufs- oder Schulabschluss haben. Die Lücke von 230 000 Fachkräften, die in Bayern bis 2020 klaffe, könnten die Firmen aber nur zu weniger als zehn Prozent mit Unqualifizierten decken. Darum ist für ihn klar: "Entscheidend ist die Qualifikation der Flüchtlinge" - eine gigantische Herausforderung, die für den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt zentrale Bedeutung hat.

Was lässt sich tun, damit die Flüchtlinge möglichst schnell Arbeit finden? Einiges hat die Bundesregierung schon beschlossen: Mehr Geld für Sprachkurse und andere Maßnahmen und eine Lockerung der Arbeitsverbote - so dürfen Asylbewerber unter bestimmten Voraussetzungen bereits nach drei statt nach neun Monaten tätig werden, auch als Leiharbeiter. Viele Experten bezweifeln, dass das reicht. Beispiel Lockerung der Arbeitsverbote: Asylbewerber bekommen den Job in den ersten eineinviertel Jahren nur, wenn sich im Computer kein arbeitsloser EU-Bürger findet, der dafür theoretisch auch infrage käme. "Es wäre ein großer Fehler, die Flüchtlinge zu lange vom Arbeitsmarkt fernzuhalten", warnt IZA-Chef Zimmermann. Diesen Fehler habe Deutschland schon mal begangen - nach dem Anwerbestopp für Gastarbeiter 1973 und bei Asylbewerbern generell.

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Deutschkenntnisse als zentrale Voraussetzung

Zimmermann fordert insgesamt mehr Tempo. Etwa, indem Sprachkenntnisse und Abschlüsse schon für eine Verwendung am Arbeitsmarkt erfasst werden, wenn die Ankommenden erstmals mit den deutschen Behörden in Kontakt kommen, weil sie ihren Asylantrag stellen. Stattdessen vergehen oft Monate, bis die berufliche Eignung ermittelt wird. Entweder die Informationen werden erst spät erfasst, oder die Behörden geben Abgefragtes aus Datenschutzgründen nicht weiter, weshalb es noch mal erfasst werden muss. Insgesamt sind die Strukturen traditionell nicht darauf ausgerichtet, Flüchtlinge schnell in den Arbeitsmarkt zu bringen.

Zentral für jede Tätigkeit sind Sprachkenntnisse. Die meisten Asylbewerber sprechen weder ausreichend Deutsch noch Englisch. Ein Kurs wird ihnen in der Regel erst gewährt, wenn sie anerkannt sind, was Monate dauern kann. "Das ist Unsinn", ärgert sich DIW-Forscher Karl Brenke. "Wer aus einem Land mit hohen Anerkennungschancen wie Syrien kommt, sollte sofort einen Sprachkurs machen können". Die Berater der Arbeitsagenturen wiederum dürfen normalerweise nur Kurse mit Bezug auf den jeweiligen Beruf anbieten, für die man die Sprache bereits halbwegs beherrschen muss. Die Bundesagentur beschloss nun, auf 2015 begrenzt zusätzliche Sprachkurse zu fördern, wovon 100 000 Flüchtlinge profitieren sollen.

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Kaum Jobs für Ungelernte

Die größte Aufgabe wird sein, den Ankommenden die Qualifikationen zu ermöglichen, ohne die sie es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben. Dass 70 Prozent jünger als 30 sind, stellt eine Chance dar - dass ein noch höherer Anteil nach deutschen Maßstäben keine formalen Berufsqualifikationen besitzt, eine Hürde. Das Erkennen der tatsächlichen Berufskenntnisse ist nicht trivial. Bei einem Modellprojekt der bayerischen Wirtschaft erwies sich, dass mancher einen Abschluss in Betriebswirtschaft angab und in der Realität zuvor als Fischer, Gärtner oder Polizist tätig war.

"Generell gilt, dass es für Ungelernte kaum Jobs gibt. Hier ist das Gedränge unter den Deutschen schon groß", sagt Forscher Brenke. Eine Qualifizierung sei also entscheidend, aber das braucht Zeit. "Eine gute Berufsausbildung dauert in der Regel drei Jahre, davon lässt sich kaum abgehen." Die größte Gefahr wäre, dass viele der jetzt Ankommenden ohne Qualifikation bleiben. Das ist durchaus eine reale Sorge, wie eine Studie zeigt, die Asylbewerber im klassischen Erwerbsalter untersucht hat, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland kamen und auch da blieben. Sie waren und blieben zu mehr als der Hälfte Ungelernte. Das aber bedeutet für viele auf Dauer nur Billigjobs oder überhaupt keine großen Chancen auf dem Arbeitsmarkt.