Flüchtlinge:Sie arbeiten am nächsten Wirtschaftswunder

Jobvermittlung für Flüchtlinge

Unternehmen suchen Facharbeiter, viele Flüchtlinge sind gut ausgebildet. Im Bild ein Somalier, der in Fürstenwalde (Brandenburg) arbeitet.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)
  • Eine Umfrage der Süddeutsche Zeitung zeigt, wie die deutsche Wirtschaft über Flüchtlinge denkt.
  • Mehr als 60 Prozent der befragten Manager glauben, dass ihr eigenes Unternehmen von einer besseren oder schnelleren Integration der Flüchtlinge profitieren werde.

Von Ulrich Schäfer

Matthias Müller, bisher Chef von Porsche und bald vielleicht von VW, hat sich für die Flüchtlinge starkgemacht. Auch Dieter Zetsche, der Daimler-Chef. Harald Krüger, der BMW-Chef. Ulrich Grillo, der BDI-Präsident. Sie alle haben gefordert, diejenigen, die zu Zehntausenden aus Syrien, Afghanistan, Eritrea oder Somalia nach Deutschland kommen, möglichst schnell zu integrieren - und ihnen vor allem schnell die Chance zu geben, hierzulande zu arbeiten. Dieter Zetsche formuliert so: "Im besten Fall kann es eine Grundlage für das nächste deutsche Wirtschaftswunder werden - so wie die Millionen von Gastarbeitern in den 50er- und 60er-Jahren ganz wesentlich zum Aufschwung der Bundesrepublik beigetragen haben."

Aber entspricht das wirklich dem Stimmungsbild in der deutschen Wirtschaft? Oder haben sich da einfach ein paar Bosse mit einer Minderheitenmeinung in den Vordergrund gedrängt, während die große Mehrheit ganz anders denkt und sich große Sorgen macht? Können also die Kanzlerin und ihr Vizekanzler, können Angela Merkel und ihr Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel wirklich darauf setzen, dass die Unternehmer so wie sie der Meinung sind: "Wir schaffen das"?

Bisher gab es darüber keine gesicherten Erkenntnisse, nun aber liegt erstmals seit dem kräftigen Anstieg der Flüchtlingszahlen in den vergangenen Wochen eine umfassende Umfrage vor, die zeigt, wie die deutsche Wirtschaft über die Neuankömmlinge denkt: Chance oder Gefahr? Machbar oder nicht? Durchgeführt wurde die Umfrage für die Süddeutsche Zeitung. Die Personalberatung LAB & Company hat dazu im Rahmen ihres Managerpanels, einer regelmäßigen Befragung in der Wirtschaft, die Meinung von 439 Spitzenkräften aus deutschen Unternehmen eingeholt, sie alle gehören der ersten oder zweiten Ebene an.

Heraus kam ein durchweg positives Bild. Demnach glauben mehr als 60 Prozent der befragten Manager, dass ihr eigenes Unternehmen von einer besseren oder schnelleren Integration der Flüchtlinge profitieren werde. Ähnlich viele glauben, dass auch insgesamt die wirtschaftlichen Chancen für Deutschland die gesellschaftlichen Risiken übersteigen. Den Führungskräften ist dabei durchaus bewusst, dass es längst nicht in jedem Fall leicht sein wird, die ankommenden Menschen in Arbeit zu bringen. Mangelnde Sprachkenntnisse oder kulturelle Unterschiede könnten eine bedeutende Hürde sein. Andererseits: "Gerade bei den Facharbeitern bieten sich durch teilweise sehr gute Vorbildung viele Chancen", sagt einer der Befragten.

"Im Moment ist das Amtsschimmel pur"

Weil die Mehrheit das so sieht, fordern 80 Prozent der Manager, die LAB & Company befragt hat, dass die Bundesregierung es den Unternehmen erleichtern sollte, Flüchtlinge auch tatsächlich einzustellen. Vor allem um den Fachkräftemangel zu bekämpfen, sollten die rechtlichen und bürokratischen Hindernisse so weit wie möglich beseitigt werden. "Im Moment ist das Amtsschimmel pur", sagt einer der Befragten. Ein anderer ergänzt: "Wer selbst arbeitet und für sich sorgt, kostet den Steuerzahler kein Geld. Kasernierung ohne das Recht, sich eine Arbeit zu suchen, erzeugt nur Kosten für die Gesellschaft und erhöht die Aggressivität der Betroffenen." Allerdings wurde auch die Sorge geäußert, dass gerade die qualifizierten Kräfte, die hierzulande gern gesehen werden, in den Herkunftsländern fehlen werden und diese deshalb "perspektivisch einen hohen Preis zahlen werden".

Konkret sprechen sich die befragten Manager und Unternehmer in ihrer großen Mehrheit (80 Prozent) dafür aus, für die Flüchtlinge mehr Sprach- und Integrationskurse anzubieten. Ausländische Studien- und Berufsabschlüsse müssten von den Behörden schneller geprüft und akzeptiert werden, sagen 68 Prozent. Und zwei von drei Führungskräften fordern, dass allen, die einen sozialversicherungspflichtigen Job haben, in jedem Fall eine mehrjährige Aufenthaltserlaubnis erteilt wird.

Damit es Unternehmern leichter fällt, an die zum großen Teil ja jungen Flüchtlinge Ausbildungsplätze zu vergeben, sollten zudem diese eine Aufenthaltsgenehmigung für mindestens fünf Jahre erhalten - also für die dreijährige Lehre plus anschließend zwei Jahre im Betrieb. Die Hälfte der Spitzenkräfte spricht sich zudem dafür aus, die Vorrangprüfung abzuschaffen; demnach müssen Unternehmen für eine Stelle zunächst EU-Bürger suchen, ehe sie - wenn sich niemand findet - einen Flüchtling einstellen dürfen. "Wir brauchen dringend erste positive Beispiele für gelungene Integration - auch und gerade auf dem Arbeitsmarkt", sagt Klaus Aden, Geschäftsführer von LAB & Company.

Doch all das dürfte auf Dauer nicht reichen, um die Einwanderung nach Deutschland zu steuern, glauben die befragten Manager und Führungskräfte. 85 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, mittelfristig eine Einwanderungspolitik wie in Kanada zu betreiben. Dort werden potenzielle Zuwanderer nach einem Punktesystem bewertet. Kommen darf, wer dem Land hilft. Entschieden wird nach Kriterien wie Ausbildung, Erfahrung, Alter und Sprachkenntnissen.

© SZ vom 24.09.2015/hgn
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