Bankenkrise Europa wappnet sich für Hilferuf aus Spanien

Stellt Spanien einen Antrag auf Hilfen aus dem europäischen Rettungsfonds? Oder doch nicht? Die Regierung dementiert, die Euro-Finanzminister beraten über die Höhe möglicher Zahlungen. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds braucht das Land mindestens 40 Milliarden Euro - womöglich sogar doppelt soviel. Die Ratingagentur Moody's sieht jetzt auch Deutschlands Bonitätsbestnote in Gefahr.

Noch hat Spanien keinen Antrag auf Hilfen aus dem europäischen Rettungsfonds gestellt. Doch für die meisten ist längst klar: Der Hilferuf könnte schneller kommen als gedacht - vermutlich schon an diesem Wochenende. Die Eurozone rechne "jederzeit" mit einem Antrags Spaniens auf die Hilfsgelder, hieß es aus Brüssel.

Die Euro-Länder rechnen damit, dass Spanien noch an diesem Wochenende um Hilfen aus dem Rettungsschirm bittet.

(Foto: dpa)

Die Euro-Finanzminister haben am Samstagnachmittag mit Beratungen über die Bankenkrise in Spanien und eine mögliche europäische Hilfsaktion begonnen. In einer von Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker angesetzten Telefonkonferenz erörterten die Minister Wege, wie Spanien bei der Rettung seines maroden Bankensystems unterstützt werden kann, verlautete aus Kreisen der Eurogruppe. Nach Angaben eines EU-Vertreters sollen die Hilfen mit einer Obergrenze von 100 Milliarden Euro versehen werden.

Bis zur letzten Minute sorgte die spanische Regierung für Verwirrung um einen möglichen Hilfsantrag. Die Regierung habe sich "in keinem Moment" vorgenommen, Hilfe zu beantragen, bis die Berichte der Prüfungsexperten vorlägen, sagte Industrieminister José Manuel Soria in Palmas. Diese Berichte werden erst in zehn bis 14 Tage erwartet.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat inzwischen erste Zahlen auf den Tisch gelegt, was Spaniens Rettung kosten könnte. Nach Einschätzung des Fonds müssten mindestens 40 Milliarden Euro in den Bankensektor gepumpt werden. Das habe ein Stresstest bei den Finanzinstituten des Landes ergeben, teilte der IWF mit.

Das sei allerdings nur die untere Grenze des Finanzbedarfs. Es könnten auch weit höhere Zahlungen nötig sein - womöglich doppelt soviel. Denn in dem Stresstest sind den Angaben zufolge noch keine zusätzlichen Kapitalanforderungen enthalten, die als Puffer für Umstrukturierungskosten und faule Kredite empfohlen werden. Ein IWF-Vertreter sagte, für eine erfolgreiche Rekapitalisierung der Banken wäre der Kapitalbedarf inklusive des Puffers eineinhalb Mal bis doppelt so groß, um die Märkte zu überzeugen, dass Spanien Schocks sicher abfedern könne. Damit würde sich die gesamte Kapitalmenge auf bis zu 80 Milliarden Euro addieren.

Experten rechnen mit bis zu 100 Milliarden

Auch andere Experten gehen davon aus, dass Spaniens Geldinstitute Hilfen von 75 bis 100 Milliarden Euro brauchen könnten. Immerhin will allein die Krisenbank Bankia vom Staat mehr als 23 Milliarden Euro haben.

Nach Angaben der Zentralbank halten die Finanzinstitute Spaniens noch 184 Milliarden Euro an "problematischen" Immobilien, dazu gehören auch die Kredite und gepfändete Häuser.

Die Finanzspritzen an Spanien - vor allem aber ein Austritt Griechenlands könnten auch Auswirkungen auf die Bonität Deutschlands haben. Die Ratingagentur Moody's droht Deutschland und anderen Ländern mit der Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit.

Zwar sei die Bankenkrise in Spanien vor allem ein inländisches Problem, das voraussichtlich keine größeren Auswirkungen auf andere Euroländer mit Ausnahme von Italien haben werde. Ein Austritt Griechenlands aus dem Euro könnte jedoch eine Bedrohung für die Existenz des Euro darstellen. Dies könnte eine Abwertung der Bonität in anderen Ländern nach sich ziehen, teilte Moody's mit. Scheidet Griechenland tatsächlich aus, müssten Länder wie Deutschland, die derzeit noch die Bestnote "AAA" führten, neu bewertet werden.

Euro-Gruppen-Chef Juncker: "Lösung muss schnell erfolgen"

Juncker plädiert für eine rasche Lösung der spanischen Bankenkrise. "Die Lösung wird schnell erfolgen müssen", sagte Luxemburgs Premier dem Deutschlandradio Kultur.

Aus Sicht von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) entscheidet Madrid völlig autonom, ob sich das Land in der Schuldenkrise unter den europäischen Rettungsschirm begibt. "Es liegt an Spanien zu entscheiden, was richtig ist", sagte Schäuble den Ruhr Nachrichten. Auch Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) ermunterte die spanische Regierung, den Rettungsschirm in Anspruch zu nehmen. "Wenn Spanien bei der Bankenstabilisierung Hilfe benötigt, sollte es diese zügig bei der EFSF beantragen - das Instrumentarium dazu ist da", sagte der Wirtschaftsminister der Rheinischen Post.

IWF-Chefin Christine Lagarde forderte die Europäer zu mehr Gemeinsamkeit in der Krise auf. Im SZ-Interview sprach sie sich unter anderem für eine europäische Bankenaufsicht, gemeinsame Garantien für Bankeinlagen und einen Schuldentilgungspakt aus, bei dem alle Mitglieder für einen Teil der Schulden der anderen haften.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnte die Regierung in Madrid davor, aus Furcht vor Auflagen den Hilfsantrag nicht zu stellen und auf ein Eingreifen der Notenbank zu hoffen. "Die Devise darf nicht sein, bloß nicht unter den Rettungsschirm zu gehen. Auf das Einspringen der Notenbank zu hoffen, damit keine Auflagen erfüllt werden müssen, ist der falsche Weg", sagte er der Welt am Sonntag.