Autobranche 250 000 Arbeitsplätze in Gefahr

Die Gewerkschaft IG Metall fürchtet, dass von den 880 000 Arbeitsplätzen bei den deutschen Autoherstellern und ihren Zulieferern jene 250 000 besonders betroffen sind, die in der Antriebstechnik beschäftigt sind.

(Foto: dpa)
  • Keine Industrie wird von technologischen Neuerungen gerade so verändert wie die Autobranche.
  • Die großen Hersteller wollen in Zukunft verstärkt auf das E-Auto setzen. Für die Mitarbeiter könnte das gravierende Konsequenzen haben.
  • Die Produktion von E-Autos braucht wesentlich weniger Arbeitskräfte, weil es keinen komplizierten Motor und aufwändige Antriebstechnologie braucht.
Von Karl-Heinz Büschemann und Thomas Fromm

Der mächtige Betriebsratsvorsitzende zeigte sich zufrieden. Gerade hatte der Krisenkonzern Volkswagen bekannt gegeben, er werde 30 000 Arbeitsplätze streichen, weil er sparen müsse. Bernd Osterloh, der stets jovial auftrumpfende Vertreter von weltweit 600 000 VW-Beschäftigten, verkaufte die Nachricht als Erfolg. Er habe Beschäftigungsgarantien bis 2025 durchgesetzt, erklärte er zufrieden. Nach langem Ringen habe man "einen tragbaren Kompromiss gefunden", das Sparprogramm sei ja auch ein "Zukunftspakt". Es werde neue Jobs bei VW geben, wenn demnächst das Elektroauto von Niedersachsen aus in die Welt ziehen soll. Für die Beschäftigten sei das eine gute Sache, sie hätten jetzt "neun Jahre ohne Angst um den Arbeitsplatz" vor sich. Neun Jahre ohne Angst - und dann?

Kaum eine Industrie wird von technologischen Neuerungen gerade so verändert wie die Autobranche. In den Fabriken übernehmen zunehmend Roboter die Arbeiten der Menschen, die Fabriken werden immer mehr über das Internet vernetzt, was die Abläufe beschleunigt und Kosten spart. Dazu kommt: Nach dem Dieselskandal in Wolfsburg bekommt das Stromauto einen neuen Schub. Nach einigem Zögern wollen alle - von Daimler bis Volkswagen - jetzt Ernst machen mit dem Fahren ohne Benzin oder Diesel. VW will in zehn Jahren eine Million Elektroautos bauen, das wäre etwa ein Zehntel der heutigen Produktion.

Ein schwedisches Start-up will das perfekte Stadtauto bauen

Das Elektroauto von Uniti ist kleiner, leichter und billiger als andere Stromer. Obwohl es recht langsam ist, wird es gesteuert wie ein Jet. Von Felix Reek mehr ...

Doch die Ballung von Neuem bringt die Branche in Aufruhr, die Belegschaften sind beunruhigt. Sie fürchten einen drastischen Verlust von Arbeitsplätzen in der deutschen Schlüsselindustrie schlechthin. Verunsicherte Betriebsräte fordern Strategien von den Chefs, um einen drohenden Verlust von Arbeitsplätzen zu vermeiden.

"Größter technologischer Umbruch in der Geschichte dieser Industrie"

Rationalisierung hat es in der Autoindustrie immer gegeben. Doch was jetzt kommt, bringt einen technologischen Bruch, der die Branche vor nie da gewesene Anforderungen stellt und riskant ist. Andreas Tschiesner von der Unternehmensberatung McKinsey spricht vom "größten technologischen Umbruch in der Geschichte dieser Industrie".

Das Elektroauto braucht wesentlich weniger Arbeitskräfte als ein konventionelles Fahrzeug. "Im Extremfall - also wenn irgendwann ausschließlich batterieelektrische Fahrzeuge produziert würden", so befürchtet der Betriebsratsvorsitzende von Daimler, Michael Brecht, "blieben nur noch ein Sechstel der Jobs, die es heute in der Motorenfertigung gibt, übrig".

Die Motorenfertigung ist das Herz der Autoindustrie. Hartmut Geisel, Vize-Betriebsratschef bei Bosch, dem größten deutschen Autozulieferer, zweifelt daran, dass der Trend weg vom Verbrennungsmotor ohne Aderlass in den Fabriken vor sich gehen wird. "Wir werden da ein enormes Problem bekommen."

Die Gewerkschaft IG Metall fürchtet, dass von den 880 000 Arbeitsplätzen bei den deutschen Autoherstellern und ihren Zulieferern jene 250 000 besonders betroffen sind, die in der Antriebstechnik beschäftigt sind. "Wir brauchen zur Elektrostrategie auch eine Personal- und Qualifizierungsstrategie", fordert Daimler-Betriebsratschef Brecht.

Technisch einfacher zu bauen

Das Elektroauto ist technisch einfacher zu bauen als ein konventionelles Fahrzeug, das einen komplizierten Motor braucht, ein Getriebe, und eine schmiedeeiserne Kraftübertragung. Und weil gleichzeitig parallel auch noch die Digitalisierung und Roboterisierung der Fertigung abläuft, bekommt die Branche einen Doppelschlag.

"Diese Effekte stellen sich alle in den nächsten zehn bis 15 Jahren ein", erwartet Frank Iwer, bei der IG Metall für die Automobilindustrie zuständig. "Die Zeit muss für die Anpassung genutzt werden." Das fordert auch der Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung: "Die IG Metall und die Arbeitgeber sollten nicht untätig sein", sagt er. "Es wird Einschnitte geben in den typischen Fertigungsberufen."

Damit sind nicht mehr nur die Unternehmen und Vorstände in der Pflicht, nach Gegenmaßnahmen zu suchen. Verstärkt sind auch die Politiker gefordert. Die Unternehmensberatung McKinsey hat für Bayern festgestellt, dass sich nicht einmal das erfolgsverwöhnte Bundesland sicher fühlen kann. "Das bayerische Erfolgsmodell ist in Gefahr", so die Experten von McKinsey. "Von der zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung werden 40 Prozent der Arbeitsplätze in Bayern betroffen sein und damit bedroht." Das wären an die zwei Millionen Arbeitsplätze, viele davon bei BMW und Audi, wo allein 50 000 Menschen arbeiten. Die McKinsey-Experten rufen daher nach einem "durchdachten und mitreißenden Zukunftsentwurf" von der Politik.