ARD-Dokumentation über Leiharbeiter "Amazon stiehlt sich aus der Verantwortung"

Der Gewerkschaft Verdi zufolge heuerte der Onlinehändler für das Weihnachtsgeschäft 5000 zusätzliche Hilfskräfte aus ganz Europa für die Arbeit in den deutschen Lagern an. Dabei wandte sich der Konzern zunächst an die Bundesagentur für Arbeit, die das Angebot dann international weitervermittelte. Allein im Lager in Koblenz sind Verdi-Angaben zufolge von 3300 Mitarbeitern nur 200 fest angestellt. Im hessischen Bad Hersfeld seien zwei Drittel aller Mitarbeiter befristet beschäftigt. Die Amazon-Sprecherin bestätigte, dass "in der Weihnachtssaison zusätzliche Amazon-Mitarbeiter saisonal befristet" eingestellt wurden und dass darüber hinaus Amazon "in absoluten Spitzenzeiten mit Zeitarbeitsfirmen zusammenarbeitet".

Die Dokumentarfilmer zeigen, wie sich um die Lager herum in heruntergekommenen Motels und Ferienanlagen eigene Wirtschaftszweige entwickelt haben. Deren einziger Zweck: die Versorgung der Leiharbeiter. Hoteliers, Reiseveranstalter, Catering-Unternehmen und Sicherheitsfirmen verdienten daher an der Not der Zeitarbeiter, lautet die Kritik der Filmemacher. "Amazon stiehlt sich aus der Verantwortung", sagt Mechthild Middeke, bei der Gewerkschaft Verdi für das Logistikzentrum Bad Hersfeld zuständig, zur SZ. "In dieser Dichte habe ich das noch nicht gewusst. Vergangenes Jahr hat das eine neue Dimension erreicht."

Die Gewerkschafterin fordert, dass die ausländischen Arbeiter "vernünftig in den Betriebsablauf integriert werden, Ansprechpartner haben, die sie über die ganz normalen Gepflogenheiten des deutschen Arbeitsrechts aufklären". Sie verlangt zudem, dass Amazon auch zu saisonalen Hochzeiten "normale befristete Verträge zu üblichen Konditionen" abschließt, anstatt massiv auf Leiharbeiter zu setzen. "Amazon muss als Arbeitgeber Verantwortung tragen."

Auf diese Forderungen geht Amazon in seiner Stellungnahme nicht ein - und verweist stattdessen auf "zufriedene Mitarbeiter". Doch diese, so sagte Filmemacherin Löbl zur SZ, würden 24 Stunden am Tag überwacht: "Zunächst während der Acht-Stunden-Schichten in den Warenlagern. Danach in ihren Unterkünften von einem dubiosen Sicherheitsunternehmen, das von Rechtsextremen durchsetzt ist." Auch die Filmemacher bekamen das Misstrauen zu spüren: Mehrfach seien ihre Dreharbeiten vom Sicherheitsdienst gestört worden, klagt Filmemacher Onneken.

In dem Film ist eine Szene zu sehen, in der die Journalisten vom Sicherheitsdienst körperlich bedrängt werden. Später müssen sie unter Polizeischutz eine Ferienanlage verlassen. "Wir fühlten uns bedroht", sagt Löbl. Die Sicherheitsmänner hätten Thor-Steinar-Klamotten an, die Marke ist vor allem unter Neonazis beliebt. "Wir wurden eine knappe Stunde in unserem Zimmer festgesetzt, bis wir es unter Polizeischutz verlassen konnten", berichtet Löbl. Diesen Vorwurf weist der Online-Händler zurück. Man dulde "keinerlei Diskriminierung oder Einschüchterung", betonte eine Sprecherin. Auch wenn das Sicherheitsunternehmen nicht von Amazon beauftragt worden sei, prüfe man nun das Verhalten des Sicherheitspersonals. Sollten sich die Vorwürfe bestätigten, werde Amazon umgehend geeignete Maßnahmen einleiten.