WM-Affäre Beckenbauer übt scharfe Kritik an DFB-Spitze: "Ja, wo samma denn?"

  • Beckenbauer äußert sich in der Süddeutschen Zeitung erstmals öffentlich zur WM-Affäre.
  • Er klagt, er habe der DFB-Spitze einen Brief geschrieben - und keine Antwort erhalten.
  • Beckenbauer spricht auch über die umstrittene Vereinbarung mit dem früheren Fifa-Vize Jack Warner.
Von Ralf Wiegand

Vor fast genau vier Wochen, am 16 . Oktober, legte sich ein Schatten auf das deutsche "Sommermärchen" - die Fußball-Weltmeisterschaft 2006. An diesem Tag ging der Deutsche Fußball-Bund mit einer Mitteilung an die Öffentlichkeit, wonach in den Unterlagen des Verbands eine Zahlung von 6,7 Millionen Euro an den Weltverband Fifa aufgetaucht sei, deren Zweck man sich in der Zentrale an der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise nicht erklären könne. Am Abend desselben Tages erschien das Hamburger Magazin Spiegel mit einer Titelgeschichte, die Aufklärung versprach: "Das zerstörte Sommermärchen".

Seitdem entwickelte sich die Affäre kontinuierlich zum Skandal, der zum Rücktritt des DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach führte. Und genauso lange, wie der Schatten über diesem Sommermärchen liegt, warteten alle Beteiligten auf die Aussagen der Lichtgestalt des deutschen Fußballs: Franz Beckenbauer, damals Präsident des Bewerbungskomitees und danach auch oberster Organisator der Weltmeisterschaft 2006. Nur er, hieß es im Sportausschuss des Bundestags, in der alten und neuen DFB-Spitze oder bei der Fifa, könne aufklären, was bei der Anbahnung der WM-Vergabe wirklich passiert ist.

Beckenbauers Brief an Koch und Rauball

Nun hat Beckenbauer gesprochen. In einem ausführlichen Interview mit der Süddeutschen Zeitung, das in der Wochenend-Ausgabe erscheint, kritisiert der 70-Jährige die aktuelle Führung des Verbandes scharf für deren Umgang mit ihm. Die Interimspräsidenten Reinhard Rauball und Rainer Koch hatten Beckenbauer am 9. November, dem Tag des Niersbach-Rücktritts, öffentlich aufgefordert, endlich Stellung zu beziehen. "Wir haben die Bitte, dass er sich intensiver einbringt in die Aufklärung der Vorgänge", sagte Koch am Tag des Niersbach-Rücktritts, es sei dafür "höchste Zeit".

Beckenbauer verfasste daraufhin ein persönliches Schreiben an Koch und Rauball, mit der handschriftlichen Anrede "lieber Rainer, lieber Reinhard". Darin bietet er dem Verband seine direkte Mitarbeit an. "Ich bin dem DFB sehr verbunden", schreibt Beckenbauer. "Es versteht sich deshalb von selbst, dass ich meinen Beitrag dazu leiste." Er unterstütze "ausdrücklich die von Euch für den DFB geforderte Aufklärung der Vergangenheit" und bot "ein persönliches Gespräch an, zu dem ich jederzeit kurzfristig nach Frankfurt oder wohin auch immer reisen kann".

"In einem Jahr hab ich mal 15 Monate durchgespielt"

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"Ja, wo samma denn?"

Im Interview mit der SZ schildert er die Reaktion der DFB-Verantwortlichen: "Die haben nicht einmal geantwortet, ob sie mit mir reden wollen. Da kam nichts." Stattdessen erklärte die neue DFB-Spitze am Tag des Länderspiels Frankreich - Deutschland in einem Fernseh-Interview, sie hielten es für besser, Beckenbauer würde sich noch einmal gegenüber der Kanzlei Freshfields erklären (was er bereits einmal getan hat). Freshfields ist als externer Ermittler vom Verband mit der Aufklärung des Falls beauftragt. Beckenbauer zur SZ: "Wenn man sich so lange kennt, und dann kommt keine Reaktion und du bekommst alles nur im Fernsehen mitgeteilt: Ja, wo samma denn? Was ist das denn für ein Niveau?" Wann und wie er jetzt dem DFB noch einmal zur Verfügung stehe, "das entscheide ich in aller Ruhe und nach Rücksprache mit meinen Anwälten".

In dem Gespräch mit SZ-Redakteuren nimmt Beckenbauer auch ausführlich Stellung zu der umstrittenen Vereinbarung mit dem früheren Vizepräsidenten des Weltverbands Fifa, Jack Warner, die vom DFB als möglicher Bestechungsversuch gewertet worden ist, und zu den ominösen 6,7 Millionen Euro, deren Zweck sich der Verband nicht erklären kann und deren Entdeckung den WM-Skandal letztlich ausgelöst hat. Auch über zwei Treffen - mit Theo Zwanziger, Hauptankläger in der Affäre, und mit dem inzwischen zurückgetretenen Wolfgang Niersbach - berichtet Beckenbauer.

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