Toni Kroos im WM-Halbfinale Greifvogel in seinem Revier

Und aus dem Knäuel flitzt Toni Kroos heraus: Auch beim Jubeln war der Münchner diesmal der zentrale Mann.

(Foto: REUTERS)

Der beste Spieler beim deutschen Triumph über Brasilien? Eindeutig Toni Kroos. Mit seiner Präsenz, seinen klugen Ideen und seinem neu entdeckten Biss spielt der Münchner die Brasilianer alleine schwindelig. Bei Real Madrid können sie sich freuen.

Von Thomas Hummel, Belo Horizonte

Der Moment, in dem aus Toni Kroos ein Habicht wurde, könnte bald in die glanzvollsten Kapitel der deutschen Fußball-Historie eingehen. Es liefen diese für Brasilien so vermaledeiten Minuten in der ersten Halbzeit. Fernandinho, im richtigen Leben Mittelfeldspieler von Manchester City, nun aber im Zustand eines konfusen Socca5-Freizeitkickers, hatte den Ball und wusste nicht, was er damit anfangen sollte. Da pirschte sich von hinten Toni Kroos heran. Plötzlich streckte der 24-Jährige den Kopf nach vorne, der Rücken krümmte sich ein wenig, Kroos kam geflogen.

Sekunden später hing Fernandinho im Tornetz, hätte sich am liebsten darin eingewickelt und in einem geschlossenen Wagen abtransportieren lassen. Kroos hatte ihm den Ball geklaut, ganz einfach, im Vorbeilaufen quasi. Der Münchner hatte mit Sami Khedira noch einen Doppelpass gespielt, der die Brasilianer endgültig in die Irre leitete. Und hatte mit der Innenseite flach ins Tor geschossen. Das war das 4:0.

Sollte der deutsche Mittelfeldspieler diese Greifvogelmentalität am Sonntag nach Rio de Janeiro mitbringen, dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass der Deutsche Fußball-Bund zum vierten Mal eine Weltmeister-Mannschaft sein Eigen nennen kann. Er alleine wird das Finale dieser WM natürlich nicht gewinnen. Doch ein Toni Kroos in der Form vom Dienstagabend in Belo Horizonte hilft erheblich.

"Er ist immer anspielbar. Die Dinge, die er macht, haben Hand und Fuß. Im Moment hat er eine sehr gute Form", sagte Bundestrainer Joachim Löw. Toni Kroos sei schon in den vergangenen zwei Länderspieljahren nach der EM ein Spieler gewesen, der dem Team viele Impulse gebe - einer, der dem Team im fußballerischen Bereich enorm weiterhelfe.

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Kroos hat länger benötigt, um in der Nationalmannschaft anzukommen, als er selbst erwartet hatte. Er galt ja einst als selten dagewesenes Talent. Die Pässe kamen immer schon zentimetergenau, der Blick für den Raum durchleuchtete das Feld, der Schuss mit beiden Beinen war gewaltig. Doch im Champions-League-Finale zu Hause gegen Chelsea verweigerte er sich beim Elfmeterschießen. Im Halbfinale der EM gegen Italien führte ihn Andrea Pirlo vor. Er stand auf dem Platz beim kuriosen 4:4 nach 4:0-Führung gegen Schweden. Und zuletzt auch wieder beim 0:4 der Bayern gegen Real Madrid.

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Toni Kroos musste mit dem Verdacht leben, im entscheidenden Moment nicht mehr anwesend zu sein. Er kann alles, doch wenn es darauf ankommt, fehlt ihm Widerstandskraft und Wettkampfhärte - so der Vorwurf. Beim FC Bayern sind sie bis heute nicht restlos überzeugt von ihrem Profi. Als der in die obere Gehaltsklasse vordringen wollte, machte der Klub einen Rückzieher. Nun wechselt Kroos aller Voraussicht nach zu Real. Die Spanier werden sich gerade ziemlich freuen über dieses Geschäft.