Olympionikin Sarah Attar Saudische Symbolfigur für Frauenrechte

Lange hat es gedauert: Erstmals lässt Saudi-Arabien in London auch Frauen an den Olympischen Spielen teilnehmen. In langen Hosen und mit Kopftuch wird Sarah Attar beim 800-Meter-Lauf an den Start gehen - wichtiger als ihr Abschneiden ist aber ihre Bedeutung für die Rechte der Frauen in ihrem Land.

Von Thomas Hahn

Die Läuferin Sarah Attar hat ein klares Gesicht und lachende Augen unterm Kopftuch, und in der Begeisterung, mit der sie von ihrem 800-Meter-Start bei Olympia in London spricht, liegt etwas Argloses. "Eine riesengroße Ehre" nennt die 19 Jahre alte Studentin von der Pepperdine-Universität in Kalifornien die Tatsache, dass sie eine der ersten beiden Frauen sein darf, die das streng islamische Königreich Saudi-Arabien zu den Olympischen Spielen entsendet.

Trotzdem kann es sein, dass die Erzkonservativen in dem absolutistischen Staat in der jungen Frau eine Gefahr sehen. Denn in dem Video, welches das Internationale Olympische Komitee (IOC) auf ihrer Trainingsbahn in San Diego hat aufnehmen lassen, sendet Sarah Attar auch eine Botschaft aus, die nicht gut zum verbreiteten Weltbild im Land passt.

"Ich hoffe, dass ich für die Frauen dort ein paar große Schritte machen kann, damit sie mehr beim Sport mitmachen können", sagt sie. "Allen Frauen, die teilhaben wollen, sage ich: Tut es und lasst es nicht zu, dass Euch jemand aufhält."

Das IOC ist gerade ziemlich stolz auf seine Errungenschaften im Kampf für eine bessere gesellschaftliche Stellung der Frau. Bei den Spielen in London, die am 27. Juli beginnen, ist zum ersten Mal Frauen-Boxen im Programm. Und durch das Einlenken Bruneis, Katars und nun - nach monatelangen Verhandlungen des IOC - auch Saudi-Arabiens haben erstmals alle Teilnehmer-Nationen Frauen im Team. Eine neue Chance tut sich auf, um das Thema Frauenrechte öffentlich zu diskutieren, und Sarah Attar ist ganz plötzlich zur globalen Symbolfigur für diese Chance aufgestiegen.

Mit ihrem Amerika-Englisch und ihrem Charme wirkt sie wie die Idealbesetzung, um die ernste Debatte ohne Übereifer zu führen. Da ist auch egal, dass sie laut Homepage ihrer Universität nur über eine 800-Meter-Bestzeit von 2:40 Minuten verfügt - kein olympisches Niveau.

Ihre Team-Kollegin, die Judo-Kämpferin Wodjan Ali Seraj Abdulrahim Shahrkhani, trainiert laut IOC in Saudi-Arabien. Sarah Attar aber ist kein echtes Beispiel für Liberalisierungstendenzen dort. Dass das IOC sie aus den hinteren Reihen des US-Hochschulsports rekrutierte, weist darauf hin, dass der Zugang zum Sport für Frauen in Saudi-Arabien schwierig ist.

Die meiste Zeit ihres Lebens hat Sarah Attar in den USA verbracht, geboren ist sie in Escondido, Kalifornien, als Tochter einer amerikanischen Mutter und eines saudischen Vaters. Als Sportlerin ist sie ein so unbeschriebenes Blatt, dass der Welt-Leichtathletik-Verband keine Ergebnisse von ihr führt.

In London allerdings wird sie ein Hingucker sein. Die olympischen 800-Meter-Vorläufe der Frauen finden am 8. August statt, dann werden die Weltmedien auch die junge Saudi-Amerikanerin in Kopftuch und langen Hosen ins Bild fassen. Sarah Attar wird hinterherlaufen und danach viel reden müssen. In der Hoffnung, dass sie mit ihrer zarten Stimme ein bisschen etwas zum Besseren verändert.

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