Italiens Torwart Gigi Buffon Wenn der Hausmeister drauflosquatscht

Keeper Gianluigi Buffon ist die schillerndste Figur im lustigen Haufen der Anarchos aus Italien. Er stand bereits im Tor, als Deutschland bei der WM 2006 gegen Italien schmerzlich verlor, plaudert gerne drauflos - noch schlimmer als Buffons Verbalgrätschen ist allerdings, was in der Heimat über ihn geredet wird.

Aus Rom von Birgit Schönau

Niemand hat auf ihn gesetzt, vielleicht nicht einmal er selbst, als leidenschaftlicher Zocker. Niemand hat einen Cent für seine Mannschaft gegeben, das hat ihn, den Kapitän, schon immer besonders motiviert. Denn einen Titel hat Gianluigi Buffon, genannt Gigi, jetzt schon gewonnen: Er ist der coolste Torhüter des Turniers. Nicht nur wegen seiner Parade im Elfmeterschießen gegen England - Buffon fing den Schuss von Ashley Cole. Sondern weil der Italiener es schaffte, so etwas wie heitere Gelassenheit auszustrahlen, während Europa den Atem anhielt.

Man musste nur sehen, wie er beim Münzwurf des Schiedsrichters vorm Elfmeterschießen auf Englands Kapitän Steven Gerrard zuging: Gerrard schaute so trübsinnig und deprimiert drein wie sein Team gespielt hatte. Buffon aber strahlte ihn an, machte einen Witz und tätschelte dem Gegner zum Schluss tröstend die Schulter. Als wollte er sagen: Kopf hoch, amico mio, bringen wir es hinter uns. Ihr werdet verlieren, aber davon geht die Welt nicht unter.

Gleich danach ging Buffon zu seiner Mannschaft. Die Azzurri bildeten eng umschlungen einen Kreis. Und aus dieser Umarmung hörte man einen Schrei. Es war der Kapitän, der rief: "Los Kinder! Gehen wir das Spiel gewinnen!" Die Italiener gewannen das Spiel, das sie 120 Minuten lang gestaltet und dominiert hatten, beim Elfmeterschießen. Gigi Buffon sah nicht hin, wenn seine Teamgefährten schossen. Er wandte sich ab: "Das ist wie eine Lotterie. Drin oder nicht drin. Ich kann das nicht sehen."

Buffon sah also nicht, wie Mario Balotelli den Ball in die linke Torecke knallte, wie Riccardo Montolivo neben das Tor schoss. Er sah nicht jenen unnachahmlichen Lupfer von Andrea Pirlo, der Trainer Cesare Prandelli das Blut in den Adern gefrieren ließ. So ein Löffelchen hatte man zuletzt beim EM-Halbfinale Italien gegen die Niederlande 2000 gesehen, damals servierte Francesco Totti, und Trainer war der Über-Torwart Dino Zoff.

Buffon sah Ashley Young, der die Latte traf. Antonio Nocerino erzielte das 3:2. Dann kam Cole. Die Parade. Buffon erhob sich, reckte den Zeigefinger in den Himmel über Kiew. Und trabte unter die Tribüne, während Alessandro Diamanti Italien ins Halbfinale schoss.

"Ich dachte nichts, außer: Du musst so viel parieren wie möglich", sagte Buffon später. Er ist ein großer Torwart. Aber kein Torwart für Elfmeter. Niemals würde er einen schießen, so wie sein Halbfinal-Gegner Manuel Neuer. Auch aus Respekt für den Kollegen: Buffon findet, so etwas tut man nicht. Er könnte es wohl auch nicht. Er fürchtet es: "Im Fußball gibt es so etwas wie eine göttliche Gerechtigkeit, die Ausgleich schafft für alles im Leben."

Zielen, zögern, lupfen

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