WM-Qualifikation gegen Schweden Grotesk verschenkter Sieg

Aus einem 4:0 wird ein 4:4: Selten hat eine deutsche Nationalelf ein eigentlich klar dominiertes Spiel so aus der Hand gegeben. 60 Minuten zaubern Löws Männer in Berlin und schaffen vier schöne Treffer - doch dann bricht wegen unerklärlicher Fehler plötzlich alles zusammen. Es bleibt der Frust.

"Ich war so müde!"

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Die Krise ist da in der deutschen Auswahl, vielleicht war sie nie wirklich weg in den letzten Monaten. Mit dem 4:4 (3:0) gestern Abend in Berlin gegen Schweden gefährdete Bundestrainer Joachim Löws Nationalelf zwar nicht direkt ihre WM-Qualifikationschance, doch der Ablauf war alarmierend: Nach Toren von Klose (2), Mertesacker und Özil kassierten die Deutschen in der letzen halben Stunde noch vier Gegentore.

Zu klären ist die Frage, wie es sein kann, dass ein Team eine Stunde lang dem ziemlich nahe kommt, was landläufig unter Traumfußball firmiert - um dann zu kollabieren, als sich ein so gut wie geschlagener Gegner noch einmal aufrichtet. "Das kann nicht sein", gab Bastian Schweinsteiger nach dem Abpfiff die allgemeine Schockstimmung wieder, "das darf uns nie im Leben passieren!" Löw bekannte sich zur eigenen Ratlosigkeit: "Dass wir uns so aus dem Rhythmus bringen lassen, hätte ich nie gedacht. In der Kabine herrscht Totenstille."

Das 6:1-Schützenfest in Irland hatte ja gerade erst die quälende Selbstbeschau im DFB-Team gestoppt. Doch etwas aus den düsteren EM-Tagen hat überlebt. Die Frage nach der inneren Stabilität. Die Frage, wer Häuptling und wer Indianer ist, Mit- oder Führungsspieler, und welche Bedeutung Münchner und welche Dortmunder haben in Löws Konstrukt, in dem vor allem eine Fraktion gesetzt ist: Die Madrilenen Özil und Khedira, wiewohl letzterer gegen Schweden verletzt passen musste.

Das gab Schweinsteiger die Chance, endlich alleine zu glänzen. Was zunächst gar nicht einfach war, weil ja alle anderen auch glänzten gegen einen, gnädig formuliert, drittklassigen Gegner. Schweinsteiger wie Kapitän Philipp Lahm hatten sich zuletzt mit Gedanken zum großen Ganzen hervorgetan, was im Nebeneffekt den Eindruck erweckte, dass dies nicht jeder so gründlich tut und den Verdacht nährte, dass weiter nicht alles eitel Harmonie ist in Löws Team: Hier die neuen Selbstbewussten um ihren Leitwolf Mats Hummels, dort Bayerns alter Kicker-Hochadel.

Löw hatte alles Augenmerk auf Zlatan Ibrahimovic gerichtet, den einzigen Weltklasse-Mann in einer schwedischen Auswahl, die bessere Tage gesehen hat und lange so gut drauf war, wie es ihr mühseliger 2:1-Sieg jüngst auf den Färöer-Inseln nahelegt. Zu beachten galt es also den angeblich bestbezahlten Profi der Welt, Typ tätowierter Kleiderschrank, der privat gern durch den Taekwondo-Ring wirbelt. Ansonsten stand wenig zu befürchten am Dienstagabend.

Schon nach 100 Sekunden wäre das fast aktenkundig gewesen, doch Müller scheiterte erst an Torwart Isaksson, dann am Torpfosten. Gingen die Schweden nervös ins Spiel, so waren sie nun schockgefroren. Im steten Kreisverkehr ging's um den Gäste-Strafraum herum, für ein verkapptes Handballspiel waren die acht Minuten eine gefühlte Ewigkeit, die es brauchte, bis Klose einen Rückpass von Reus zur Führung unters schwedische Tordach drosch.

So ging's weiter, meist über links, wo die wendigen Lahm, Reus und Kroos ihre Gegenspieler wie plumpe Tanzbären vorführten. Sieben Minuten und 33 schwarz-weiße Ballkontakte in Folge später: Reus geht links durch per doppeltem Doppelpass, Rückpass auf Klose, 2:0. Wohl alles entschieden, offen nur die Frage, ob Klose per drittem Streich mit dem bisherigen Rekordtorschützen der DFB-Auswahl gleichziehen würde: Gerd Müller, 68 Tore.

Aber so eilig hatten es Löws Mannen nicht mehr, auch pflegte Schweden ja weiter allein das Stilmittel des Befreiungsschlags. Technisch fehlte es den Blaugelben an allem, vorne an einem Akteur namens Ibrahimovic und hinten an der Fähigkeit, sich konstruktiv aus der deutschen Dauerbelagerung zu befreien. Hingegen die DFB-Elf: Flüssig, passgenau, fast perfekt. Mit entfesselter Leichtigkeit ließen sie das 3:0 folgen. Diesmal kamen sie über die rechte Seite, Müllers Kopfballvorlage durfte Innenverteidiger Mertesacker ins Tor schießen (39.). All das unter den Augen eines Mannes, der am Mittelkreis fürbass schritt, kopfschüttelnd, als ginge ihn all das hier gar nichts an: Ibrahimovic.

Schockstarre nach der Gemütlichkeit

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