Brasilien beim Confed Cup Sündenbock der Nation

Natürlich wurde die nationale Bürde auch schon in der Seleção von Felipe Scolari thematisiert. "Wir haben darüber gesprochen", sagt Abwehrspieler Dante. Denn nichts ist unmöglich: Sollte Uruguay, immerhin aktueller Südamerika-Meister und WM-Halbfinalist in Südafrika 2010, im nächsten Jahr wieder der Gegner sein, und sei es in den K.o.-Runden, könnte sich ein episches Drama wiederholen. "Ich habe schon als Kind von Maracanazo gehört, aber das interessiert mich nicht, es ist vorbei", sagt Mittelfeldmann Oscar. Luiz Gustavo sagt: "Ich schaue nie zurück, immer nach vorne."

Nur: Wie überzeugend sind solche Beteuerungen in einem Land, in dem Umbanda, Candomblé und zig Formen des individuellen Aberglaubens blühen; und wo manche Profiklubs bis heute einen "pai do santos" beschäftigen, also Macumba-Priester oder Santaria-Spirituelle, offiziell als Berater oder Masseur angestellt, die in Wahrheit Kontakt zu den Kräften im Jenseits halten?

Dante will den nächsten Titel

mehr...

So wurden die 90 Minuten Stoff mythischer Erzählungen, befeuerten Gedichte und Bücher; sogar Filme wurden gedreht, die das Grausame nachträglich abwenden sollten, etwa mit kunstvollen Montagen, die Ghiggias Schuss, der ja nur in ein paar verwaschenen Schwarz-Weiß-Bildern existiert, vom Pfosten ins Feld zurückprallen ließ. Bloß: In Wahrheit war er halt drin.

Die laufenden Proteste im Land zeigen gerade die Kraft zu jener dramatischen Selbstanalyse, wie sie auch mit dem Schlusspfiff 1950 einsetzte. Damals aber entwickelte sie sich zur Selbstzerfleischung: Es entstand die Mär vom Mangel an innerer Stärke, von der ewigen Verlierer-Nation, die Suche nach den Schuldigen gebar rassistisch unterlegte Schuldtheorien. Die wurden erst 1958 in Schweden, durch den glanzvollen WM-Triumph der Mannschaft um den jungen Pelé, zertrümmert.

Barbosa aber, dem schwarzen Torwart jener unglückseligen Seleção, der Ghiggias Schuss ins kurze Eck passieren ließ, half das alles nicht. Er blieb bis zu seinem Tod im Jahr 2000 der Sündenbock der Nation. Als er 1993 die Seleção um Dunga und Romário im Trainingscamp in Teresópolis besuchen wollte, wurde ihm der Zutritt verwehrt. Zu groß war die Angst, er könne sie mit seinem Dämon für die anstehende WM 1994 verhexen. Dabei hatte Barbosa alles versucht, sich von Maracanazo zu reinigen. Sogar die hölzernen Pfosten des verfluchten Torgehäuses hatte er sich besorgt und bei einem Grillfest in seinem Garten verbrannt. "Die Höchststrafe in Brasilien ist 30 Jahre", sagte Barbosa einmal. "Nur ich büße mein Leben lang."

Nein, so etwas erwartet niemand, wenn Uruguay wieder aufs Feld läuft. Es wird nicht im Maracanã gespielt, und es geht nur um die Mini-WM. Aber was die Partie entfesseln kann, falls es schief geht, daran gemahnt Alcides Ghiggia, der noch heute vom "Gol do Uruguai" lebt. Bei jedem Duell der Nachbarn bestürmt ihn die Presse an seinem Alterssitz in Montevideo, er kassiert 500 Dollar pro Interview. Nach 63 Jahren sind das respektable Tantiemen.