Serie "Mythos New York" Pssst, New York schläft doch

Psssst: New York im Licht der untergehenden Sonne.

(Foto: dpa; Bearbeitung SZ)

New York ist angeblich die Stadt, die niemals ruht. Warum tanzen hier dann nachts keine Menschen unter Straßenlaternen?

Von Johanna Bruckner, New York

Der erste Versuch zu beweisen, dass New York die Stadt ist, die nie schläft, scheitert grandios. Als ich um 22.53 Uhr vor dem Supermarkt direkt ums Eck meines Apartments in Brooklyn stehe, hat der seit 53 Minuten zu. Das ist nicht nur für den Arbeitsauftrag blöd, sondern auch für mich privat: Den ersten Kaffee wird es morgen nun ohne Milch geben. Und eine meiner besten Freundinnen wird sich einmal mehr darin bestätigt sehen, dass jede Stadt in Nordrhein-Westfalen mindestens so fortschrittlich ist wie New York.

Aber gut, vielleicht liegt es an der Gegend: Clinton Hill trägt nicht nur amerikanisches Establishment im Namen - hier ist es abends ähnlich aufregend wie in München-Bogenhausen. (Wer noch nie dort war: gar nicht.) Wären große Teile der Gehwege nicht ohnehin aufgerissen, eingesunken oder sonstwie zu Stolperfallen verformt, man wäre geneigt, einen äußerst deutschen Ausdruck zu bemühen: Abends werden in Clinton Hill die Bürgersteige hochgeklappt.

Beim Holzhacken trinkt der Hipster "Switchel"

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Deshalb geht es für Versuch Nummer zwei nach Williamsburg, den natürlichen Lebensraum von jungen Menschen mit Hornbrillen, Karottenhosen und Jutebeuteln. Der gemeine Hipster ist ästhetisch ein Freigeist, benutzt ganz selbstverständlich Unisex-Toiletten und hält auch das Konzept von Tag und Nacht für überholt. Durchmachen gehört in Williamsburg genauso zur Lebensphilosophie wie Hot Yoga und Acai Bowls. Denkt man. Bis die Managerin im 24-Stunden-Diner einem rät, dass man doch besser an einem Freitag- oder Samstagabend wiederkommen solle - da sei mehr los.

Wie bitte? Was ist mit work hard, play harder, dem kapitalistischen Partymotto schlechthin, das angeblich auf keine Stadt mehr passt als auf New York? Da ist nachts im Museum mehr los.

Der sonntägliche Triathlon vieler New Yorker: Sport, Brunch und Spazierengehen

Natürlich gibt es in Vierteln wie Williamsburg Clubs, aus denen bis weit in den Sonntagnachmittag hinein die Bässe wummern. Aber die hören die meisten New Yorker nur beim Vorbeischlendern. Sie sind um diese Uhrzeit schon am Ende ihres sonntäglichen Triathlons, bestehend aus den Disziplinen Sport, Brunch und Spazierengehen.

Die App, über die man Kurse in unterschiedlichen Yoga- und Fitnessstudios buchen kann, zeigt zwar an, dass man um Mitternacht in einem Fitnessstudio in der Nähe trainieren kann. Aber das spricht eher nicht dafür, dass man sich um diese Uhrzeit um die Geräte streiten muss. Sondern dafür, dass die Besitzer anders ihr 24/7-Konzept nicht finanziert bekommen. Und wer in Bushwick (das neue Williamsburg, oder auch schon wieder nicht, wie das eben immer so ist mit In-Vierteln) über einer 6er-WG wohnt, wird womöglich feststellen, dass Kiffen hier keine Randzeitenbeschäftigung, sondern ein Vollzeit-Job ist. Aber wir reden hier ja nicht von ein paar Ausnahmen entgrenzter Lebensführung.

Tipps für die nächste Reise nach New York:

Für Minimalisten: Mitternachtssnack in einem Diner oder Restaurant, das rund um die Uhr geöffnet ist. Zum Beispiel im "Veselka", eine Institution im East Village (144 2nd Avenue, mehr Informationen hier), in der ukrainische Küche serviert wird. Hier gibt es für den schnellen Hunger eine Tasse würzigen und wunderbar rotebeeteroten Borschtsch - und die leicht ruppige Kellnerin erklärt einem, dass "Veselka" übersetzt Regenbogen heißt. Das ist echte Großstadtromantik.

Für Postkarten-Motiv-Enthuasiasten: Die New Yorker Skyline bei Nacht - dieses Bild ist so schön wie ausgelutscht. Außer man erlebt es selbst. Das Empire State Building ist jeden Tag bis zwei Uhr nachts geöffnet, der letzte Aufzug in Richtung Aussichtsplattformen geht um 1.15 Uhr (mehr Informationen und Ticketpreise hier). Hochfahren, Fotos machen, angeben.

Für Couch Potatoes: So ein Städtetrip kann anstrengend sein - umso mehr, wenn man zu jenen Menschen gehört, die den Abend am liebsten zu Hause auf dem Sofa mit einem guten Film verbringen. Die iPic Theaters bieten genau das: Kino, während man auf bettähnlichen Sesseln unter einer Decke kuschelt. Wer möchte, bekommt sogar Essen und Trinken direkt an den Sitz geliefert. Adresse: 11 Fulton Street in Manhattan, mehr Informationen und Ticketpreise hier. Und jetzt - Füße hoch.

Die Stadt, die nie schläft - das klingt nach einer kollektiven, urbanen Philosophie. Man stellt sich Menschen vor, die um zwei Uhr nachts an einem Mittwoch unter Straßenlaternen tanzen. Oder zumindest flächendeckend Supermärkte, die rund um die Uhr geöffnet sind.

Stattdessen: begrenzte Ladenöffnungszeiten, reduziertes Verkehrsaufkommen, fast leere Straßen. Übrigens durchaus auch in Manhattan. Ja, es gibt Menschen, denen man nachts auf der Straße begegnet, die Bierdosen in braunen Papiertüten in der Hand haben und rumschreien. Aber das sind jene Menschen, die keinen Job haben, für den es sich ins Bett zu gehen und aufzustehen lohnt. Ihre Schlaflosigkeit ist nicht glamourös, sondern bitter. Wenn sie schließlich ins Bett gehen, dann vielleicht in der Hoffnung, die morgendliche Perspektivlosigkeit einfach zu verschlafen.

Selbst der große Frank Sinatra legte sich in New York schlafen

Nur, woher kommt dann der oft träumerisch vorgetragene Mythos von New York als Stadt, die nie schläft? Vielleicht darf man das Ganze einfach nicht wörtlich nehmen. Vermutlich geht es mehr um jene Dinge, von denen New York - trotz aller Härten - einen schier unerschöpflichen Vorrat zu besitzen scheint: Energie, Kreativität, Entdeckergeist, Schaffensdrang, Lebenslust. Schließlich legte sich selbst Frank Sinatra, also jener Mann, der der Stadt einst eine unsterbliche Hymne sang (und den Mythos entscheidend mitbefeuert haben dürfte), bewiesenermaßen schlafen. Um am nächsten Morgen von New York aus die Welt zu erobern.

I wanna wake up, in a city / That doesn't sleep / And find I'm king of the hill / Top of the heap

This little town blues / Are melting away / I'll make a brand new start of it / In old New York

If I can make it there / I'll make it anywhere / It's up to you / New York, New York

Serie Mythos New York

"Die Stadt, die niemals schläft", "Metropole der Singles", "unbezahlbar" - Reisende haben viele Bilder im Kopf, wenn sie New York City besuchen. Aber was ist dran an den Klischees? In der Serie "Mythos New York" macht unsere neu angekommene Korrespondentin den - ganz subjektiven - Realitätscheck.