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Serie "Mythos New York":"Mal schauen" ist eine Antwort, die in New York nicht gilt

Yoga-Enthusiasten am Times Square

Auf die Matte, aber nicht zum Ausruhen: Freilichtsportler beim Yoga auf dem Times Square

(Foto: dpa; Bearbeitung SZ)

Job, Privatleben, Fitness - der New Yorker Workaholic arbeitet vor allem an einem: sich selbst. Das kann für Besucher inspirierend sein. Oder schmerzhaft. Aus der Serie "Mythos New York".

Wer als Tourist am späten Vormittag aus seinem Hotel tritt und gemütlich Richtung Grand Central schlendert, in der Hoffnung, dort den ersten Kaffee des Tages zu bekommen, merkt schnell: Gemütlichkeit ist nichts, was die New Yorker Geschäftsleute auf dem Weg zum nächsten Termin kennen. In der Hand die dritte bis fünfte Koffeindosis, am Ohr das Handy und im Kopf die Powerpoint-Präsentation, die es später noch vorzustellen gilt. Viele Dinge, die der Besucher staunend zur Kenntnis nimmt, sind für solche Manhattan-Workaholics entscheidend, um ihr Pensum zu schaffen: das Fitness-Bootcamp um 5.30 Uhr morgens; die Kaffeeketten-App, mit deren Hilfe man seine "Venti Double Shot Latte" schon von unterwegs vorbestellen kann; freies W-Lan selbst in der U-Bahn.

Fragen, die anderswo auf der Welt als unhöflich, weil übergriffig gelten würden, gehören in New York zum selbstverständlichen Small-Talk. "So, what're up to?", beispielsweise. Frei ins Deutsche übersetzt: Was ist dein Lebensplan? Wer an dieser Stelle nicht mehr ein verlegenes "Mal schauen" herausbringt, kann auch gleich in einer E-Mail "Hallo" und "Tschüss" schreiben. Solche Grußformeln sind für vielbeschäftigte Menschen Zeitverschwendung, wer sie benutzt, der hat offenbar ein Problem mit seiner Prioritätensetzung.

Mythos New York - eine Serie

"Die Stadt, die niemals schläft", "Metropole der Singles", "unbezahlbar" - Reisende haben viele Bilder im Kopf, wenn sie New York City besuchen. Aber was ist dran an den Klischees? In der Serie "Mythos New York" macht unsere neu angekommene Korrespondentin den - ganz subjektiven - Realitätscheck.

Wenn sich der New Yorker Karrierist unentschlossen oder ziellos fühlt, geht er zum Psychologen. Das ist kein Widerspruch zum Effizienzdogma, denn der Experte hilft im besten Fall bei der Selbstoptimierung. In der Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten ist der Begriff "Workaholic" ganzheitlich zu verstehen: ein Mensch, der permanent an sich selbst arbeitet. Beruflich, sportlich, künstlerisch, spirituell und in der Liebe. Klingt anstrengend? Der am Hudson River vorbei joggende Banker würde Ihnen vermutlich zurufen: "Stress hat nur der Leistungsschwache!"

Kapitalismus ist nirgends so verführerisch wie in New York

Sollten Sie also in einem Airbnb-Appartement den Kleiderschrank öffnen und dort einen Merkzettel mit folgender Aufschrift finden: "In 3 Jahren: Appartement kaufen, in 5 Jahren: Frau finden, in 7 Jahren: erstes Kind" - Glückwunsch! Ihr Vermieter ist ein typischer New Yorker.

Wobei die Betonung auf ein liegt, es gibt natürlich auch andere. New Yorker, die um elf Uhr vormittags in einem Park in Brooklyn in aller Seelenruhe den asiatischen Zeitlupensport Qigong zelebrieren. New Yorker, für die es die Erfüllung ihres Karrieretraums ist, einfach in einem Hochhaus in Manhattan am Empfang zu sitzen (und den ganzen Tag Youtube-Videos zu gucken). New Yorker, die ganz gelassen zehn Minuten in der Hipster-Bäckerei in der Schlange stehen und dann immer noch nicht wissen, was sie wollen ("Es sieht alles so gut aus").

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Für ehrgeizige Menschen aber ist New York die ultimative Herausforderung. Wie singt Alicia Keys in ihrer New-York-Hymne "Empire State of Mind"? "Since I made it here, I can make it anywhere." Wer es hier schafft, schafft es überall.

Die Idee des Kapitalismus ist vielleicht nirgends so verführerisch wie in Keys' Concrete Jungle. Dieses unbedingte Streben nach mehr, das in jedem wahnwitzigen Gebäude Manhattans und in vielen Menschen, die dort arbeiten, zu spüren ist, kann ansteckend sein. Wenn man als Tourist am ersten Kaffee nippt, sich die von Karrieristen-Ellbogen malträtierte Seite reibt und die vor dem Café vorbeiziehende Business-Elite beobachtet, kann es einen packen: dieses Gefühl, dass man mehr machen könnte aus seinem Leben. "Vielleicht hab' ich mein Potenzial einfach noch nicht ausgeschöpft", denkt man. "Wenn ich zu Hause in Deutschland bin, greif' ich noch mal so richtig an - wer braucht schon Schlaf und Freizeit?"

Das ist die eine Wahrheit New Yorks. Die andere ist: Irgendwer muss zwangsläufig für die Cannabis-Wolken verantwortlich sein, durch die man ständig läuft.

Tipps für die nächste Reise nach New York:

Für alle, die schon immer davon geträumt haben, auf dem Flohmarkt reich zu werden: Artists & Fleas, 70 North 7th, Brooklyn (Williamsburg). Der Treffpunkt für Kreative aller Art mit Geschäftssinn, zu kaufen gibt es Bartöl, Stirnbänder aus alten Krawatten und geschnitzte Handyhüllen - bezahlt werden kann überall mit Kreditkarte (die Standbesitzer stöpseln einfach einen entsprechenden Aufsatz auf ihr iPhone).

Für alle, die mit Wall-Street-Bankern After Work machen wollen: "The Dead Rabbit", 30 Water Street, Manhattan. Aus der Selbstbeschreibung der irischen Besitzer: "Two innocent guys with just a headful of dreams and stardust in their eyes. That's who we elbowed past as we hauled out of JFK."

Für alle, die lieber Geld ansehen als Geld ausgeben: Aus Sicherheitsgründen ist die New Yorker Börse zwar nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich. Es gibt aber kostenlose Touren durch die Federal Reserve Bank - hier lagern, in einem Tresor 26 Meter unter dem Meeresspiegel, die größten Goldreserven der Welt. Im dritten Teil der "Stirb-langsam"-Reihe mit Bruce Willis war sie das Ziel von Bösewicht "Simon" (Jeremy Irons). Wer die Bank besichtigen will, muss sich vorher anmelden, mehr Informationen gibt es hier.

Für alle, die Urlaub als lästiges Übel ansehen: Zwischen sieben und acht am Morgen eine beliebige U-Bahn von Brooklyn nach Manhattan nehmen. Oder in einer Starbucks-Filiale in Manhattan in die Schlange stellen. Oder ein Taxi zum JFK nehmen und zurückfliegen.