Mit Schneeschuhen auf die Benediktenwand Gipfelstürmer auf großem Fuß

Wie man mit Schneeschuhen die steile Benediktenwand erklimmen kann - über eisige Trampelpfade zu einem grandiosen Aussichtsplatz in 1800 Metern Höhe.

Von Isabel Meixner

Wenn das nicht beeindruckend ist: Oben Schnee, unten eine fast frühlingshafte Voralpenlandschaft.

(Foto: Isabel Meixner)

Majestätisch und fast unbezwingbar liegt die Benediktenwand vor der Tutzinger Hütte. Eine 400 Meter hohe Wand, die senkrecht in den Himmel ragt. Das Gipfelkreuz in 1800 Metern Höhe ist das Ziel von sieben Schneeschuhwanderern - auch wenn es gerade nicht zu sehen ist. Wolken ranken sich um die Wand und lassen den Gipfel in dichtem Grau verschwinden. Der Föhn, der tagelang fast frühlingshafte Temperaturen ins Oberland geblasen hat, ist verschwunden. Die Gruppe stört das nicht: Die Mütze auf dem Kopf, die Schneeschuhe an den Füßen stapft sie los, am Nebengebäude der Tutzinger Hütte, der Hausstattalm, vorbei und über zwei aus dem Schnee lugende Holzpfosten hinweg. Die Begrenzung eines Weidezauns offenbar.

In der Nacht hat es ein paar Zentimeter geschneit und die harte, eisige Schneeoberfläche überzuckert. Bei jedem Schritt staubt der Neuschnee von den Schneeschuhen nach oben. "Nehmt's den Westanstieg", hatte Hüttenwirt Hans Mayr der Gruppe geraten. Der steile, felsige und teils mit Drahtseil gesicherte Weg im Osten sei zu gefährlich.

Ob er weniger anstrengend wäre? Schon nach ein paar Metern kommen die vier Männer und drei Frauen mächtig ins Schwitzen: Der Weg führt steil nach oben. Wobei "Weg" der falsche Ausdruck ist: Es ist vielmehr ein Trampelpfad aus Spuren, die frühere Wanderer und Skitourengeher in den Schnee gelaufen haben. Immer wieder säumen Löcher den Pfad, dann nämlich, wenn jemand mit Bergstiefeln in den Schnee eingebrochen ist. Dieses Problem haben die sieben Sportler nicht: Die Schneeschuhe verteilen ihr Körpergewicht über die ganze, größere Tragfläche, sie sinken somit weniger ein. Zumindest am Anfang der Wanderung ist Tiefschnee das geringere Problem: Der Weg ist vorgespurt. Noch.

Die Tragfläche der Schneeschuhe verhindert, dass die Wanderer allzu stark im Schnee einsinken. So können sie auch tief verschneite Hänge und Berge erklimmen.

(Foto: Isabel Meixner)

Rasch gewinnen die sieben an Höhe. Immer wieder geht der Blick nach links zur Benediktenwand. An deren Fuß wandert gerade eine vierköpfige Gruppe. Kletterer, die den Berg mit Eispickel, Seil und Karabinern bezwingen wollen. Eine Stunde davor waren sie noch in der Hütte von Hans Mayr gesessen und hatten bei einem Kaffee über die Kletterroute diskutiert. Von ihrem eigentlichen Vorhaben, die Wand von ganz unten hochzuklettern, hatte sie der Hüttenwirt mit Blick auf die Uhr abgebracht: "Dafür seid's schon zu spät dran." Zu dem Zeitpunkt war es halb zehn. Sechs Stunden, so Mayrs Prognose, würden die Kletterer für die gesamte Tour brauchen. Sein Tipp: "Geht's nur die Rippe." Bei dieser Kletterroute können die vier Männer einen Teil des Wegs zum Gipfel hinauf seitlich an der Benediktenwand hinaufsteigen, was ihnen einiges an Kletterei erspart. Dennoch wird es knapp werden, dass die vier es bis zum Einbrechen der Dunkelheit nach oben schaffen, sagt Mayr.

Sechs Stunden, so lange werden die sieben Schneeschuhwanderer nicht brauchen. Sie haben den steilen Anstieg geschafft und queren nun einen Abhang. Der Untergrund, vorhin noch hart und griffig, wird immer weicher. Tiefschnee. Einigen vorigen Wanderern wurde es hier offenbar zu anstrengend: Die Spuren werden weniger. Immer wieder gibt der Schnee unter den Wanderern nach, lässt sie mit den Armen um ihr Gleichgewicht rudern oder ein paar Zentimeter nach unten rutschen. Oft ist es der rechte, ins Tal gewandte Fuß, der den Halt verliert; manchmal dagegen rutscht auch das Standbein während des Gehens weg - und der Wandernde liegt im Schnee. Die Tritte lösen einige Schneebälle aus, die ein paar Meter den Berg hinunter rollen und schließlich liegen bleiben. Besonders für die zwei, die keine Teleskopstöcke dabei haben, ist es anstrengend, die Querung zu meistern: Sie können sich nicht mit ihren Armen abstützen.

Immer wieder bleibt die Gruppe stehen, wartet aufeinander, genießt die Aussicht auf das Alpenvorland. Das schneefreie Alpenvorland, wohlgemerkt. Links der Jochberg und der Heimgarten, dann der Blick zum Hohen Peißenberg, geradeaus der Starnberger See, die weißen Gebäude von Roche in Penzberg. "Wie im Frühling", murmelt eine der Schneeschuhwanderer. Dass es im Tal keinen Schnee gibt, ist für die sieben in diesem Moment schwer vorstellbar. Genauso, wie sie es sich am Tag zuvor nicht hatten ausmalen können, genügend Schnee für eine Tour an der Benediktenwand vorzufinden, und noch darüber diskutiert hatten, das Wandergerät im Auto zu lassen. Ein Pärchen, das ihnen entgegenkommt, hat auf Hilfsmittel verzichtet. Es hat den Gipfel bereits erreicht und befindet sich auf dem Rückweg. Bei fast jedem Schritt sinken die zwei bis zu den Schienbeinen ein. Oder bis zu den Knien, wenn an manchen Stellen der Wind den Schnee angehäuft hat.

Kurze Trinkpause an einer Abzweigung. Geradeaus geht es Richtung Jochberg, links zum Gipfel. Noch eine Stunde bis ganz hinauf, kündigt ein gelbes Schild an. Der Blick wandert wieder nach oben - zum Himmel. Denn der reißt gerade auf. "Vielleicht kommt die Sonne raus", hofft ein Gruppenmitglied, während eine der Frauen ihre Jacke vor lauter Schwitzen auszieht und im Rucksack verstaut.

Blick hinauf: Der Gipfel der Benediktenwand ist das Ziel.

(Foto: Isabel Meixner)

Schlussanstieg. Der Schnee ist nun weicher, und die sieben sinken trotz ihrer Schneeschuhe immer wieder bis zu den Knöcheln ein. Spuren von Hasen und anderen Tieren queren den Fußweg, der nun durch die Latschen führt - und auch über sie hinweg. Ob der Sommerweg auch so verläuft? Der Nebel hat sich nun ganz aufgelöst, die Sonne scheint. Schon zücken die ersten ihre Handys, um die Aussicht auf das Karwendel- und Rofangebirge und Richtung München festzuhalten.

Nach zweieinhalb Stunden ist es geschafft: Die sieben stehen auf dem Berg. Das Gipfelkreuz ist an einer Seite mit Schnee und Eis überzogen, wohl vom Wind. Ein solcher weht nun auch streng über die Freifläche rund um den Gipfel und lädt nach anstrengendem Aufstieg nicht zum Verweilen ein. Aber wo hin? In einer kleinen Schützhütte ein paar Meter unterhalb des Gipfels findet die Gruppe einen Ort, wo sie in Ruhe Brotzeit machen, verschwitzte T-Shirts wechseln und ein Gipfelfoto aufnehmen kann - wenngleich ohne Kreuz im Hintergrund. Lange hält es die Gruppe in der Hütte jedoch nicht aus: Das im Inneren der Schutzhütte befestigte Thermometer zeigt null Grad an.

Der Abstieg geht deutlich schneller, denn nun erleichtert das Hinunterrutschen das Vorankommen. Teils gehen die sieben Gipfelstürmer extra abseits des vorgetrampelten Pfads, um über den unberührten Schnee Richtung Tutzinger Hütte zu gleiten.

Auf halber Strecke bleibt die Gruppe noch einmal stehen. Vor ihnen bauen sich die Felsen der Benediktenwand auf, auf der sie soeben gestanden hatten. Auf etwa der Hälfte sehen sie die vier Kletterer hängen, die kurz vor ihnen in der Früh die Hütte verlassen hatten. Sie haben die Wand noch nicht bezwungen.