Hotel Orania in Berlin Kreuzberger Nächte, so gediegen

Das Luxushotel Orania in Berlin-Kreuzberg war bei seiner Eröffnung ein ideales Feindbild für viele Einheimische. Nun beruhigt sich die Lage - Künstler und Kreative haben das Haus als Wohnzimmer angenommen.

Von Verena Mayer

Das Hotel Orania erkennt man an den zerbrochenen Schaufenstern. Fast jede der hohen Scheiben in der Lobby ist zersplittert, und zwar auf diese Art, die nur entsteht, wenn etwas Hartes dagegen geworfen wird, eine Flasche, ein Pflasterstein. Das liegt daran, dass das Hotel mitten im Berliner Bezirk Kreuzberg liegt, wo es eine Art Tradition ist, auf alles, was einem nicht passt, Steine zu werfen. Und es liegt daran, was das Orania Berlin ist: ein Luxushotel, gebaut von einem Mann aus Süddeutschland, auf dessen Schloss Elmau einmal der G-7-Gipfel stattfand. Ein ideales Feindbild für viele in Berlin, Touristenhasser, Globalisierungsgegner, Autonome. Und so dauerte es nicht lange, bis Farbbeutel und Steine gegen das Hotel geworfen wurden.

Seit der Eröffnung sind nun einige Monate vergangen. Die Fenster sind noch immer kaputt, weil sie durch Spezialanfertigungen ersetzt werden müssen. Aber im Hotel Orania ist inzwischen der Alltag eingekehrt. Und der sieht so aus: In der Lobby steht zwischen Kaminen und erdfarbenen Sofas ein Flügel von Steinway, an dem immer mal wieder jemand übt oder ein Konzert gibt. Mittags schlurfen die Hipster herein und klappen ihre Laptops auf, dazwischen fläzen Leute in den Polstermöbeln, essen oder nehmen Podcasts auf, und durch die zerbrochenen Scheiben fällt die Wintersonne. Idyllischer, aber auch berlinischer geht es kaum.

Dietmar Müller-Elmau hat beim G-7-Gipfel die politische Weltelite auf seinem Schloss Elmau in Bayern beherbergt. Das Hotel Orania ist sein Herzensprojekt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Mittendrin trifft man Dietmar Müller-Elmau. Müller-Elmau, das graue Haar halb lang, das schwarze Hemd asiatisch anmutend, könnte selbst einer der Künstler sein, die hier täglich aus- und eingehen. Er ist aber der Gesellschafter des Hotels, zudem betreibt er in Oberbayern eines der bekanntesten deutschen Luxus- und Wellnesshotels. 2015 tagten dort Staats- und Regierungschefs beim G-7-Gipfel.

Zusammen mit einem befreundeten Rechtsanwalt übernahm Müller-Elmau vor einigen Jahren das alte Eckgebäude in Kreuzberg. Er ließ die prunkvolle Sandsteinfassade renovieren, Wände einziehen und 41 Zimmer sowie ein paar Suiten einbauen. Vor allem aber habe er einen Ort schaffen wollen, der sich von den typischen Berliner Unterkünften unterscheidet, die entweder Ketten oder Billighostels oder auf diese schäbige Art abgehoben sind, die etwas sehr Versnobtes hat; ein Hotel im Luxussegment, das man nutzen kann wie das eigene Wohnzimmer; wo man Freunde trifft oder anschleppen kann und es egal ist, ob man etwas trinken oder performen will.

Museum, Wohngemeinschaft, Hotel

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Müller-Elmau lotst einen durch das Haus. Bei den Leuten, die einem begegnen, weiß man nie genau, ob sie Gäste sind oder hier arbeiten, selbst die Kellner tragen Röhrenjeans und Hipster-Vollbart. Nach Berlin habe ihn eigentlich nichts gezogen, sagt Müller-Elmau, "das ist ein wahnsinnig umkämpfter Markt, und man muss bereit sein, viel Geld zu verlieren". Doch am Ende habe er sich in das Gebäude verliebt. Ein ehemaliges Kaufhaus, das später ein Tanzcafé war und in den vergangenen Jahren für alle möglichen Dinge zwischengenutzt wurde. Clubs kamen hier genauso unter wie türkische Hochzeitsgesellschaften, und ein Taxifahrer erzählte ihm, dass hier seine Beschneidungsfeier stattfand.

Müller-Elmau ist jetzt ganz oben angelangt. In einem riesigen Raum mit Dachschrägen, in dem Bücherregale, Sessel und ein Flügel stehen, eine Mischung aus englischem Club, Salon und Tonstudio. Am Flügel sitzt ein Pianist, der junge Mann spricht nur Englisch und ist irgendwie hereingeschneit, was auch das Ziel sei, so Müller-Elmau. "Ich will die hereinholen, die hier wohnen." Nur, dass die ziemlich fremdeln. Müller-Elmau wird als Gentrifizierer beschimpft, in Kreuzberg wurde sein Gesicht auf Plakate gedruckt, und darauf stand: "Was nicht passt, wird passend gemacht." Müller-Elmau erzählt das, als könne er es noch immer nicht fassen. Zumal er im wilden Kreuzberg mit seinem Lebenslauf eigentlich gut ankommen müsste: in eine Schlossherren-Dynastie geboren, aber alles erst einmal hingeworfen und nach Indien gegangen, Theologie und Philosophie studiert. Dazu die Sätze, die er sagt: "Mein Ideal ist nicht die Freiheit vom Ich, sondern die Freiheit des Ich."

Oranienplatz, vor vier Jahren: Flüchtlinge kampieren monatelang auf offener Straße, aus Protest gegen die Unterbringung in Lagern und die Residenzpflicht.

(Foto: Maurizio Gambarini/dpa)

Zur Verteidigung der Kreuzberger kann man sagen, dass das alles hier ziemlich schnell ging. Wenn man im Zimmer die mit Holz verkleidete Fensterbank erklimmt und sich in die Samtkissen sinken lässt, blickt man auf den Oranienplatz. Dort haben vor einigen Jahren Flüchtlinge kampiert, und die Zeiten, in denen sich die Leute hier am 1. Mai Straßenschlachten lieferten, sind auch noch nicht lange vorbei.

Und jetzt ist hier dieser kultivierte Ort, an dem es Konzerte gibt und Lesungen, an dem man an einer edlen Bar sitzt oder sich im Restaurant eine Karte reichen lässt, auf der Dinge stehen wie "Büffeltatar. Geschmorter Chicorée. Senf-Brioche." Kreuzberger Nächte sind gediegen geworden. Und während man am Schlaftee nippt, den einem ein vollbärtiger Kellner in Röhrenjeans aufs Zimmer gebracht hat, denkt man über den Satz nach, den Müller-Elmau zur Verabschiedung gesagt hat: "Heimat ist die Verfremdung des Fremden." Vielleicht sollte man darüber einmal mit den Kreuzbergern diskutieren.

Hotel Orania Berlin, Oranienstraße 40, 10999 Berlin-Kreuzberg, Doppelzimmer ab 141 Euro, Informationen zu Preisen und Konzert-Programm unter www.orania.berlin

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