Wintersport-Trend Freeride Luft nach oben

Auch wenn dieser Eindruck oft vermittelt wird: Ganz so einsam ist man heutzutage im Tiefschnee nur selten unterwegs.

(Foto: Adam Pretty/Getty Images)

Freeride ist Trend, immer mehr Menschen bewegen sich abseits der gesicherten Pisten. Wo soll die Sehnsucht nach Tiefschnee noch hinführen?

Von Dominik Prantl

Am Samstag hat Lindsey Vonn das getan, was man als weltbeste Skirennläuferin und wichtige Werbeträgerin eben so macht, wenn man gerade einmal nicht Ski fährt: Sie hat getwittert, was sie gleich tun wird. "Zu viel Schnee. Rennen verschoben. Ich geh' powdern." Als kleinen Appetithappen gab es dazu ein Video, auf dem die US-Amerikanerin bis zur Hüfte im Pulverschnee steckt.

Vonn kennt die Sehnsüchte ihrer Fans: Freeriden, also das Skifahren abseits der gesicherten Pisten, macht viel mehr her als eine Abfahrt auf gewalzten Schneisen aus Schnee. Selten wurde dieser seit einigen Jahren spürbare Trend so deutlich wie in diesem Winter. Und auch wenn in den Alpen wegen des Schneemangels vielerorts noch das Fundament für eine gelungene Freeride-Saison fehlt, ändert das nichts daran, dass einem die Angebote zu dem Thema alpenweit um die Ohren fliegen.

So wirbt Engelberg in der Schweiz als ein Ort unter vielen mit den "Snow-&-Safety-Tagen"; die italienische Gemeinde Livigno informiert inzwischen mittels einer App über die aktuelle Schnee- und Lawinensituation abseits präparierter Pisten, und Innsbruck erklärt sich in der Bescheidenheit einer Tiroler Landeshauptstadt zur "Freeride City". In den Hohen Tauern, wo sich die Skigebiete am Mölltaler Gletscher und in Sportgastein durch eine Freeride-Abfahrt verbinden lassen, ist auf Initiative einiger Skilehrer ein in beiden Gebieten gültiger Freeride Pass für 53 Euro entstanden. Zur Orientierung gibt es mit den Freeride Maps inzwischen Karten, auf denen das Gelände - ähnlich wie die Pisten im Skigebiet - durch Farben in Schwierigkeitsstufen unterteilt ist. Und falls dem Gast ein Trend alleine nicht reicht, wird als Verkaufsargument gleich noch einer draufgesetzt. In der Freeride Skischule Saalbach assistiert inzwischen beispielsweise eine Mentaltrainerin bei Angst vor steilen Hängen. Im Stubaital wird die Tiefschneetechnik heute mittels Yoga verfeinert. Motto: "Um das Powdern schneller zu powern."

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Powdern statt Piste; freeriden statt Ski fahren. Die Anglizismen bilden den - vielen längst schon vertrauten - Grundton jener Werbekampagne, die vor allem junge, sportliche und international orientierte Menschen im Visier hat. Wer über die Internationale Sportartikelmesse Ispo in München - eine Veranstaltung für junge, sportliche und international orientierte Menschen - schlendert, kommt kaum an einem Stand vorbei, der sich nicht irgendwie dem neuen Hang zur Freiheit widmen würde. Da gibt es unter anderem spezielle Freeride-Hosen für noch mehr Lässigkeit, spezielle Lawinen-Rucksäcke samt Airbag für noch mehr Sicherheit, und besonders breite Freeride-Latten für noch mehr Auftrieb gibt es sowieso. Zumindest auf der Ispo haben sie den schmaleren Pistenskiern längst den Rang abgelaufen.

Dabei ist die Gruppe der Tiefschneefahrer bei genauerem Hinsehen bisher gar nicht so gewaltig, wie es die von der Sportartikelindustrie erzeugte Bilderflut und die Themengewichtung in den Wintersportmedien häufig suggerieren. Laut Branchenkennern ist nur jeder zehnte verkaufte Ski explizit auf den Tiefschnee zugeschnitten. Noch erstaunlicher sind die Zahlen aus den Skigebieten. Rolf Bissig von dem in Freeride-Kreisen durchaus als Hotspot anerkannten Skigebiet Andermatt-Sedrun schätzt: "Wenn man sich unser gesamtes Skigebiet anschaut, sind es vielleicht drei bis fünf Prozent Freerider." Auch Ischgls Tourismuschef Andreas Steibl taxiert den Anteil der Ischgler Skigäste, die am ausgewiesenen Freeride-Berg Piz Val Gronda unterwegs sind, "auf etwa fünf Prozent", Tendenz steigend. Der Piz Val Gronda wurde erst vor zwei Jahren mit einer knapp 30 Millionen Euro teuren Bahn erschlossen.