Atlantikpassage Repositionierung in aller Stille

Schier unerreichbar: Auf dem Weg von Südamerika nach Europa ist die Le Soléal (vor den Kapverden) in wenig befahrenen Gewässern unterwegs.

(Foto: Philip Plisson)

Früher wurden Schiffe ohne Passagiere von einem Einsatzgebiet ins andere verlegt. Inzwischen sind solche Fahrten gefragt, weil sie oft ganz besondere Erlebnisse bieten.

Von Ingrid Brunner

Wenn drei Männer mit einer Passion für die Meere einen Nachmittag auf Deck eines Kreuzfahrtschiffes verplaudern, ist es spannend, die Nummer vier am Tisch zu sein. Da ist also der Bretone Philip Plisson, ein in Frankreich hoch verehrter Fotograf, der sich selbst "Foto-Fischer" nennt. Die Ozeane sind sein Lebensthema. Am liebsten nähert er sich Küsten, Schiffen, Wellen aus der Luft - im Helikopter, im Ultraleichtflugzeug, im Heißluftballon.

Er erzählt, wie er in den Achtzigerjahren in einer Montgolfière über ägyptische Küstenorte fuhr und wie idyllisch und heil damals noch alles war. Eine Steilvorlage für Jacques Rougerie. Der Architekt wird in Frankreich in eine Reihe gestellt mit Jules Verne und Jacques Cousteau. Rougerie baut Häuser auf und sogar unter Wasser. In der Bucht von Alexandria will er ein Unterwassermuseum schaffen und dort die Reste von Kleopatras versunkenem Palast und die antiken Hafenanlagen mit einer Kuppel überwölben. Menschen sollen darin auf dem Meeresgrund ruhende Sphinxe und Statuen betrachten.

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Ist das real oder sticht die Sonne vielleicht doch zu heftig? Immerhin nähert sich die Le Soléal , unterwegs von Recife nach Teneriffa, seit ihrem Ablegen stramm dem Äquator. Doch als dritter Mann sitzt ja ein Arzt mit am Tisch: Michel Guez, Taucher und Alpinist. In jungen Jahren begleitete er als Mediziner Hochgebirgs- und Tauchexpeditionen. Nun ist er Schiffsarzt - mit Wohnsitz in Grenoble. Mit Sonnenstichen kennt er sich aus. Sie und die Seekrankheit sind die häufigsten Malaisen an Bord.

So weit also alles normal auf der Reise von Amerika nach Afrika. Aber das ist keine gewöhnliche Kreuzfahrt, sondern ein sogenanntes Repositioning. Das heißt, das Schiff wird von seinem Wintereinsatzgebiet in der Antarktis für die Sommersaison nach Europa verlegt. Neun der 15 Tage langen Passage sind Seetage, die man herrlich verschwenden kann mit langen Gesprächen, dicken Büchern. Oder man schaut einfach aufs Wasser und zählt fliegende Fische. Aktivere Passagiere verbringen die Zeit im Fitnessstudio, im Spa, verkosten edle Weine und Spirituosen. Ein weiterer Luxus auf diesem ohnehin luxuriös ausgestatteten Kreuzfahrtschiff: Von den 132 Doppelkabinen der Le Soléal ist nur ein Drittel belegt. Lediglich 88 Passagiere sind an Bord. Das ist bei Transatlantikpassagen normal, eine wachsende Fangemeinde schätzt diese Art von Schiffsurlaub.

Was immer man tut, man muss nie befürchten, Wal- oder Delfinsichtungen zu verpassen. Denn auf der Brücke stehen zwei weitere Liebhaber der Meere: Kapitän Mikaël Debien und Expeditionschef Jean-Pierre Sylvestre. Schon mit sechs Jahren sei er auf dem Atlantik gesegelt, erzählt Debien, der in der Bretagne aufwuchs. Sein Lieblingsfahrgebiet ist die Antarktis. "Die Einsamkeit, der überbordende Reichtum an Tieren, die leuchtenden Eisberge", das mache süchtig. Das sieht auch Sylvestre so. Der Experte für Meeressäugetiere arbeitet seit Jahrzehnten Jahr für Jahr in der Antarktis und bringt den Passagieren seine Begeisterung für Wale näher. Sein Spitzname: "Papa Baleine" - Walpapa. Le Commandant, wie der Kapitän auf Französisch genannt wird, und Papa Baleine melden sich über Lautsprecher, sobald sie auch nur in der Ferne eine Rückenflosse oder eine Fontäne auf dem Wasser sichten.

Doch wozu braucht es einen Expeditionsleiter bei einer Atlantikquerung? Tatsächlich stehen Landgänge auf dem Fahrplan der Le Soléal. Auf dieser Fahrt geht es zu schwer zugänglichen, selten bereisten Orten: zur Insel Fernando de Noronha und zum Bissagos-Archipel. Da ist ein Expeditionsteam vonnöten, das den Passagieren Flora und Fauna erklärt, sie sicher an Land und wieder an Bord bringt. Das erste Ziel, Fernando de Noronha, ist sogar eine Premiere. Die zu Brasilien gehörende Inselgruppe liegt circa 350 Kilometer nordöstlich von Recife und ist seit 2001 Weltnaturerbe. Bei der Atlantikquerung ein Jahr zuvor verweigerten die Behörden die Landeerlaubnis. Dieses Jahr sind zwei Mitglieder einer lokalen Umweltschutzorganisation an Bord und beaufsichtigen die Landgänge.

Repositioning-Fahrten

Ozeankreuzfahrten nennt man neuerdings Transatlantikpassagen. Ein Euphemismus für die vielen Seetage, die es nun mal braucht, um ein Schiff von einem Fahrgebiet zum anderen zu überführen. Die Schiffe, die in den europäischen Wintermonaten in der Antarktis oder der Karibik unterwegs sind, überqueren den Atlantik, um im Sommer in europäischen Gewässern zu fahren. Die Le Soléal kommt zunächst vor Island zum Einsatz. Es gibt Passagiere, die diese Repositionings schätzen, weil nur wenige andere Gäste an Bord sind und die Reisen circa 40 Prozent weniger kosten als gewöhnliche Kreuzfahrten, wie Stephanie Vollmuth erklärt. Sie ist bei Ponant Verkaufs- und Marketingdirektorin. "Besonderes Argument ist die Nähe zur Crew", sagt Vollmuth. Überdies falle meist kein Einzelkabinenzuschlag an.

Die Idee kommt aus der Segelszene. Skipper suchen regelmäßig nach Mitseglern, um ein Schiff zu überführen. Irgendwann kam auch die Kreuzfahrtbranche darauf: Warum sollten die Schiffe leer fahren, wenn ohnehin die Besatzung mitfährt? Die nächste Atlantiküberquerung von Brasilien nach Senegal geht von Rio de Janeiro nach Dakar. Termin: 18. März bis 3. April 2019 auf der L'Austral, dem Schwesterschiff der Le Soléal. 17 Tage / 16 Nächte kosten ab 4630 Euro p. P., www.ponant.de Ingrid Brunner

Erst seit 1988 ist Fernando de Noronha der Öffentlichkeit zugänglich, vorher war dort militärisches Sperrgebiet. Von den 21 Inseln ist nur die Hauptinsel bewohnt. Die knapp 3000 Einwohner leben abgeschieden. Es gibt einen grasbewachsenen Landestreifen, der sich Flughafen nennt, und einen kleinen Hafen, dessen Anleger von einem Sturm zerstört wurde. Nun drängen sich die Boote an zwei Behelfspontons. Auch Touristen sind hier, Brasilianer, die Mehrzahl Taucher und Hochzeitsreisende. In den nährstoffreichen Gewässern leben Delfine, Meeresschildkröten, Haie, Rochen und farbenprächtige Fische.

Der Fischreichtum ist Nahrungsquelle für Seevögel: Unzählige Fregattvögel kreisen am Himmel, in Steilwänden nisten Basstölpel und Feenseeschwalben. Am Strand schwimmen zwischen den Füßen der Badegäste junge Zitronenhaie, harmlose Kreaturen, die im flachen Wasser Schutz suchen vor ihren erwachsenen Artgenossen. Hunderte Langschnabeldelfine machen sich auf den Weg von der Bucht hinaus ins tiefe Meer. Das Wasser ist so klar, dass man von der Steilküste aus 30 Meter Höhe Rochen und Haie schwimmen sieht. Sie bewegen sich vor einem dunklen Schatten im Wasser. Was aus der Ferne aussieht wie Lavagestein, ist in Wahrheit ein gigantischer Sardinenschwarm. Es ist Laichzeit, männliche und weibliche Sardinen ballen sich zu einer schwarzen Masse zusammen.