Welle von Kraftwerksabschaltungen RWE warnt vor Strom-Blackouts

Der Chef des Essener Energiekonzerns RWE, Peter Terium, befürchtet, dass es europaweit zu Stromengpässen kommt. Während der Energiebedarf zunehme, drohe jedem fünften Kraftwerk mangels Rentabilität die Abschaltung. Erstmals übt der Manager auch Selbstkritik.

Von Markus Balser, Berlin

Deutschlands Stromindustrie warnt angesichts einer neuen Welle von Kraftwerksabschaltungen vor gefährlichen Blackouts in Europa. Dem gesamten Kontinent drohten Engpässe, sagt Peter Terium, Chef des zweitgrößten deutschen Stromkonzerns RWE, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. "Schon in den vergangenen beiden Wintern war die Lage angespannt. Nun gehen überall in hohem Tempo weitere Anlagen vom Netz", sagt der Niederländer. Wenn man bedenke, dass das Wachstum nach Europa zurückkomme "und wir mehr Strom brauchen, macht mir das wirklich Sorgen".

Zu schaffen macht den Energiekonzernen, dass ihre Kohle- und Gaskraftwerke wegen des anhaltenden Booms beim Ökostrom immer seltener am Netz sind. Das wachsende Angebot lässt den Börsenpreis so stark fallen, dass sich ihr Betrieb immer seltener lohnt. "30 bis 40 Prozent der Anlagen schreiben Verluste", warnt Terium. "Die Erträge reichen nicht, um unsere Schulden zu bedienen. Um es klar zu sagen: eine gefährliche Situation."

Windräder vor RWE-Kraftwerk Niederaußem: Der Energiekonzern warnt vor Blackouts.

Überall in Europa prüfen die großen Versorger wie RWE, Eon und Vattenfall die Stilllegung von Kraftwerken. Allein RWE stellt ein Fünftel seiner Kapazitäten auf den Prüfstand. In Deutschland sollen nach bisherigen Plänen 3100 Megawatt vom Netz. "Das ist voraussichtlich noch nicht das Ende", kündigt Terium nun an. Die Folgen der drastischen Einschnitte könnten weit reichen: Wenn die Politik nicht reagiere, gefährde das den Standort Deutschland, warnt Terium.

Neue Sparprogramme unvermeidbar

Damit schaltet sich die Energiebranche in die Koalitionsverhandlungen in Berlin ein und verleiht ihrer Forderung nach Subventionen für notleidende Kraftwerke Nachdruck. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die für die SPD in der Arbeitsgruppe Energie mit der Union verhandelt, hatte sich schützend vor die Konzerne gestellt und gefordert, die Energiewende dürfe keine Jobs kosten.

Doch offenbar sind noch mehr Stellen in Deutschlands angeschlagener Energiebranche gefährdet als bisher bekannt. "Unser Ergebnis wird dramatisch sinken", kündigt Terium an. "Für mich ist unvermeidbar, dass wir mit neuen Sparprogrammen nachlegen müssen." So müsse etwa die RWE-Kraftwerkssparte mehr als die bisher gefordert halbe Milliarde Euro pro Jahr sparen.

Der hochverschuldete Konzern mit seinen 70.000 Mitarbeitern und mehr als 50 Milliarden Euro Umsatz muss sich demnach durch Verkäufe und Outsourcing verkleinern und künftig mit weniger Mitarbeitern auskommen. Auch einen Zusammenschluss von RWE mit einem Partner schließt das Unternehmen nicht aus.

Erstmals rechnet der seit Juli 2012 amtierende RWE-Chef auch mit der Vergangenheit des Konzerns unter seinem schillernden Vorgänger Jürgen Großmann ab. "Wir haben bei der Glaubwürdigkeit Terrain verloren", sagt Terium. "Aus eigener Schuld: Wir haben nicht immer getan, was wir gesagt haben. Da ist wieder etwas gutzumachen." Beim Strompreis allerdings müssen die RWE-Kunden wohl weiter auf bessere Zeiten warten. RWE schließt für das kommende Jahr Erhöhungen nicht aus.