Vorgehen gegen Isis Von einstigen Feinden zu erstaunlichen Kampfgefährten

Irakische Soldaten in Arar im Südwesten Iraks: Die Isis-Milizen machen aus einstigen Feinde erstaunliche Kampfgefährten.

(Foto: dpa)

Bewaffnete US-Drohnen kreisen über Bagdad - doch nicht nur die Amerikaner reagieren auf die Offensive der Isis-Kämpfer. Iranern und Syrern bereiten die sunnitischen Islamisten ebenfalls Sorgen, selbst Israel versucht sich an einer Neupositionierung. So deuten sich angesichts der Blitzerfolge der Isis-Milizen ungewöhnliche Koalitionen an.

Von Sonja Zekri, Kairo

Der Himmel über Irak gibt eine Ahnung davon, wie sehr die Blitzerfolge der sunnitischen Extremisten und ihrer Mitstreiter die Architektur regionaler Allianzen in Bewegung gebracht hat. Über dem umkämpften Land kreisen nicht nur amerikanische Drohnen - anfangs unbewaffnete, seit Kurzem über Bagdad auch bewaffnete -, nach Informationen des britischen Economist lässt Washington 35 Aufklärungsflüge täglich fliegen. Es kreisen aber auch irakische Helikopter, die versuchen, Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit zurückzuerobern, dazu iranische Drohnen und syrische Kampfjets.

Der britische Sender BBC hatte nach einem Interview mit dem irakischen Premier Nuri al-Maliki am Donnerstag etwas Verwirrung gestiftet, weil Maliki anfangs mit der Aussage zitiert wurde, Syrien bombardiere durchaus Ziele im Irak und er begrüße das, diese Meldung aber später zurückzog. Andere Medien berichten jedoch unter Berufung auf irakische Quellen, Syrien habe in den vergangenen Wochen Ziele im Irak angegriffen, etwa in der Grenzstadt Al-Kaim oder in Rutba in der Provinz Anbar. Damit ist die Offensive der Extremisten zur internationalen Angelegenheit geworden, die - betrachtet man die Geschichte der Feindschaft zwischen Amerika einerseits und Iran und Syrien andererseits - erstaunliche Kampfgefährten schafft.

Die Isis-Milizen kämpfen inzwischen nur noch eine Stunde von Bagdad entfernt

Iran ist Schutzmacht, Motor und Finanzier eines schiitischen Einflussbereichs von Teheran über Bagdad bis Damaskus - und weiter bis zur Schiiten-Miliz Hisbollah in Libanon. Mit Amerika aber verbindet Teheran eine erst jüngst gemilderte jahrzehntelange Feindschaft, zuletzt durch das iranische Atomprogramm. Teheran schützt nicht nur die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad, sondern auch den syrischen Präsidenten Assad - kein Freund der Amerikaner. Die Isis-Milizen und ihre sunnitischen Begleiter aber lassen dies in den Hintergrund treten.

Tausende Iraker fliehen vor den Kämpfen: Hier kommen einige an einem kurdischen Checkpoint beim Flüchtlingslager Khazair an.

(Foto: Spencer Platt/Getty Images)

Bislang galt beispielsweise auch Syriens Präsident Baschar al-Assad als eher zurückhaltend in der Bekämpfung der Extremisten, was ihm den Vorwurf eingetragen hat, er mache sich zum Komplizen der Dschihadisten. Nun aber sieht er seinen verbliebenen Einflussbereich in Syrien offenbar durch die enormen Waffen- und Geldgewinne der Gotteskrieger bedroht: Bereits in den ersten Tagen haben diese erhebliche Mengen erbeuteter Waffen aus dem Irak nach Syrien geschafft. Demnächst sollen am Himmel über Irak zudem gebrauchte Flugzeuge aus Russland und Weißrussland mitfliegen, die Irak - frustriert durch Lieferschwierigkeiten ihrer Bestellungen in den USA - dort geordert hat.

Am Freitag besuchte US-Außenminister Kerry Saudi-Arabien, um mit König Abdullah über die Krise zu sprechen. Das Königreich, mit Mekka und Medina Ort der heiligsten Stätten des sunnitischen Islam, sieht sich durch die sunnitischen Extremisten ebenso bedroht wie Jordanien und das multikonfessionelle Libanon. Libanesische Sicherheitskräfte vermuten, dass die Isis-Milizen hinter Bombenanschlägen in Beirut stecken und eine ganze Serie von Anschlägen plant. Ziel könnte die schiitische Hisbollah sein, die in Syrien an der Seite Assads gegen die Gotteskrieger kämpfen - und einer der Hauptfeinde der sunnitischen Extremisten sind. Isis trägt den Anspruch auf Libanon und Jordanien bereits im Namen: Der "Islamische Staat im Irak und in Groß-Syrien" umfasst Gebiete weit über den Irak und Syrien hinaus.

Israel will mit "moderaten arabischen Staaten" kooperieren

Selbst Israel versucht im Angesicht der Dschihadis im Irak eine Neupositionierung. Außenminister Avigdor Lieberman warb bei einem Besuch in Paris gegenüber seinem US-Kollegen Kerry für eine Kooperation mit "moderaten arabischen Staaten". Die Extremisten könnten versuchen, die gesamte Region zu destabilisieren, vor allem Kuwait. Da könne Israel "effektive und zuverlässige Unterstützung" bieten.

Experten zweifeln, ob es die irakische Sunnitenkoalition aus Dschihadis, Saddam-Anhängern, Stämmen und Sufis Bestand hat, ob es den Extremisten gelingen wird, ein staatsähnliches Gebilde zu halten. Zwar kämpfen die Milizen inzwischen eine Stunde von der Hauptstadt entfernt. Einen dramatischen Eroberungsversuch Bagdads haben sie bislang allerdings vermieden, und sich stattdessen auf die Städte in den Tälern von Euphrat und Tigris beschränkt und auf Orte in der Nähe der Hauptstadt, die einen späteren Angriff erleichtern könnten.

Eine politische Lösung ist weiter unwahrscheinlich

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat nun Belege für den Mord an mindestens 160 Männern in Tikrit vorgestellt. Auf der Grundlage von Satellitenbildern, Fotos und Videos - einige von den Dschihadisten selbst - rekonstruiert die Organisation die Verbrechen. Isis habe Männer in Zivilkleidung, möglicherweise Armeeangehörige, die fliehen wollten oder Schiiten, auf Lastwagen gezwungen, zum Ort der Erschießungen gebracht, einer davon in der Nähe eines ehemaligen Saddam-Palastes, habe sie gezwungen, sich in Gräben zu legen, erschossen und die Massengräber zugeschüttet. Die Dschihadisten hatten behauptet, dass sie 1700 "schiitische Armeeangehörige" umgebracht haben. Die tatsächliche Zahl der Opfer könnte nach Angaben von Human Rights Watch sehr viel höher liegen als 160.

Eine politische Lösung der Krise ist indessen weiter unwahrscheinlich. Zwar rücken inzwischen auch schiitische Politiker von Premier Maliki ab, doch weigert sich dieser weiterhin, eine Regierung mit Kurden und Sunniten zu bilden. Am Dienstag soll das Parlament zusammentreten und eine neue Regierung bilden - ein Prozess, der in der Vergangenheit Monate gedauert hat. Auch Iraks einflussreichster schiitischer Anführer, Großayatollah Ali Sistani, hat die politischen Kräfte gedrängt, sich auf eine Einheitsregierung zu einigen: "Das irakische Volk kann diese Krise überwinden. Eine Teilung ist keine Lösung", so Sistani beim Freitagsgebet in Kerbala.