Donald Trump Ein Jahr Präsident - die Bilanz in Daten

(Foto: AP; Grafik/Montage SZ)

Mehr als 2000 Lügen, eine boomende US-Wirtschaft, Dutzende Besuche auf Golfplätzen und viele Tweets am Vormittag. Ein Rückblick auf Trumps erstes Jahr im Weißen Haus.

Von Matthias Kolb und Moritz Zajonz (Grafiken)

Am 20. Januar 2017 wurde Donald John Trump als 45. US-Präsident vereidigt, weshalb dem Republikaner seit einigen Tagen überall ein Zwischenzeugnis ausgestellt wird. SZ.de zieht hier eine etwas andere Bilanz, anhand von Zahlen, Grafiken und Daten - und in einer subjektiven Auswahl. Natürlich geht es um Umfragewerte und Arbeitslosenzahlen, aber eben auch um Trumps Besuche auf Golf-Plätzen, die Lügen und seine allerliebsten Bundesstaaten.

Ein Jahr Präsident Trump, das ist auch ein Jahr Twitter als wichtigstes Kommunikationsmittel. Mehr als 2500 Tweets wurden seit der Inauguration von @realDonaldTrump abgesetzt - inklusive der berüchtigten und höchst gefährlichen Drohungen über seinen "großen und mächtigen Atomknopf" in Richtung des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un, alias "Little Rocket Man". Die Zahl seiner Follower ist von 15,1 Millionen auf mehr als 42 Millionen gestiegen, doch genauere Analysen zeigen, dass Präsident Trump seltener tweetet als Kandidat Trump. Eines ist aber unübersehbar (und auch nicht durch den strengen Ex-General John Kelly als Büroleiter zu stoppen): Nichts und niemand inspiriert Trump mehr als "FOX & friends", die Morgensendung des konservativen Kabelsenders Fox News.

Im ersten Amtsjahr hat sich Trump kaum bemüht, seine Kritiker zu überzeugen - weder durch staatsmännisches Auftreten noch durch inhaltliche Kompromisse. Er will weiter die Grenzmauer zu Mexiko bauen, die Krankenversicherung Obamacare abschaffen und sieht die Demokraten als Feinde. Trumps Impulsivität zeigt sich in den Tweets - in mehr als 60 Prozent (!) der Botschaften verwendet er ein Ausrufezeichen. Und ganz offensichtlich verbleibt er bei Twitter in einer Blase aus Familie, Gleichgesinnten und seinem Lieblingsfernsehsender.

Trumps Tweets stellen Journalisten vor Herausforderungen: Da sie oft ungefiltert das Denken des mächtigsten Manns der Welt zeigen und alle sie sehen können, lassen sie sich nicht ignorieren. Experten wie der Linguist George Lakoff betonen, dass Trump so die Agenda bestimmt: Er lenkt von unangenehmen Dingen ab, indem er neue Skandale provoziert oder testet, wie bestimmte Themen ankommen. Was besonders oft per Retweet weitergeleitet wird, gefällt seiner Basis: 2017 waren das die Kritik an Football-Spielern, die bei der Nationalhymne aus Protest niederknien ("Hurensöhne") und ein Video, das Trump als Wrestler im Kampf mit CNN zeigt.

Das Dauer-Getwittere ist nicht das Einzige, was Trump von seinen Vorgängern unterscheidet. Sein Umgang mit Fakten und seine Bereitschaft, Lügen zu verbreiten irritieren nicht nur die Bürger - weltweit zerbrechen sich Politiker den Kopf, welche Aussagen aus Washington nun ernst zu nehmen sind. Den Fact-Checkern von Politifact zufolge sind zwei Drittel der überprüften Aussagen Trumps "mehr oder weniger oder komplett falsch" und die Washington Post hat für das erste Amtsjahr mehr als 2000 "falsche oder irreführende Behauptungen" dokumentiert. Manche hat Trump Dutzende Male wiederholt.

Donald Trump nur als "kontrovers" zu beschreiben, wäre untertrieben. Verachtung oder Bewunderung, dazwischen gibt es wenig. In den USA haben fast alle Menschen eine klare Meinung über ihren Präsidenten - und das Urteil fällt schlecht aus. Mit knapp 40 Prozent Unterstützung ist Trump deutlich unbeliebter als es seine Vorgänger Barack Obama (50 Prozent), George W. Bush (86), Bill Clinton (54) und George Bush Senior (71) am Ende ihres jeweils ersten Amtsjahres waren.

Diese Unpopularität erstaunt umso mehr, weil die US-Wirtschaft weiter boomt. Die Verbraucher sind so zufrieden wie seit Herbst 2000 nicht mehr, die Wirtschaftsleistung wächst um fast drei Prozent pro Quartal, die Arbeitslosenquote fällt und fällt. Als Wahlkämpfer hatte Trump Amerika schlechtgeredet und diese Werte als manipuliert bezeichnet, als Präsident lässt er sich dafür feiern.

Wie heuchlerisch Trump ist, illustriert die nächste Zahl. Als Reality-TV-Star kritisierte er Vorgänger Barack Obama in Interviews und Twitter permanent dafür, dass dieser zu oft Golf spiele. In seinem ersten Amtsjahr tat der Demokrat dies 26 Mal - während Trump zwischen dem 2. Februar 2017 und Neujahr 2018 mindestens 88 Mal seine eigenen Golfplätze besuchte.

Die exakte Zahl, wie oft Trump dabei wirklich einen Schläger in die Hand nahm, ist schwer zu ermitteln, weil Reporter schlecht informiert werden (meist posten andere Gäste Beweisfotos des Präsidenten im Sport-Outfit bei Facebook oder Instagram). Zudem hält der US-Präsident auch Arbeitstreffen in seinen Hotels ab. Shinzo Abe aus Japan war ebenso in Mar-A-Lago zu Gast wie Chinas Präsident Xi Jinping - damals bekamen er und die Gäste mit, wie Trumps Team die Bombardierung Syriens plante. Solche Aktionen sind nur ein Faktor, warum die Welt Trump als Präsidenten weniger vertraut als Obama.

Zu Trumps Jahresbilanz gehört auch (was im Ausland oft ignoriert wird), dass die konservative Basis weiter zu ihm hält. Diese Republikaner freuen sich, dass Trump mit Neil Gorsuch einen konservativen Richter an den Supreme Court geschickt und eine Steuerreform durchgesetzt hat. Sie sagen sich außerdem: "Jeder ist besser als ein Demokrat." Ebenso eindeutig ist das negative Urteil der progressiven Amerikaner über Trump - und ob es den Demokraten gelingen wird, bei den midterm elections im November die Mehrheit im Kongress zu erobern, hängt vor allem davon ab, welche Partei besser mobilisiert.

Zur Realität von Trumps erstem Jahr gehört auch, dass 60 Prozent der US-Bürger der Meinung sind, dass sich unter dem Republikaner-Präsidenten das Verhältnis zwischen Weißen und Schwarzen, Latinos und asiatischstämmigen Amerikanern verschlechtert habe. Wie vielfältig die Assoziationen zu Trump sind, illustriert das Ergebnis dieser NBC-Umfrage. Dies waren die Adjektive, mit denen die US-Amerikaner ihren Präsidenten am häufigsten beschrieben:

Der Politiker Trump ist untrennbar mit Barack Obama verknüpft. Trump war der Kopf der unsäglichen Birther-Bewegung, die anzweifelte, dass der Demokrat in den USA geboren wurde ("seine Präsidentschaft ist unrechtmäßig!") und Christ sei ("in Wahrheit ist er Muslim!"). Oft hat es den Eindruck, dass Präsident Trump am liebsten das Gegenteil dessen macht oder sagt, was sein Vorgänger tat. Im ersten Jahr hat Trump nicht nur viele konservative Richter auf Lebenszeit eingesetzt, deren Urteile zahlreiche von Obamas Errungenschaften einkassieren dürften. Mindestens 800 Auflagen und Vorschriften wurden zurückgenommen - stets zugunsten von Konzernen und Investoren und auf Kosten von Natur und Verbrauchern.

Zu Trumps Dauerkritik an Obama gehörte der Vorwurf, dass dieser zu viele Präsidialdekrete erlasse. Executive orders unterhöhlten die Macht des Parlaments, Obama handele wie ein "Kaiser", schrien Trump und andere Republikaner. In den ersten zwölf Monaten im Weißen Haus hat Trump das Mittel schätzen gelernt - am Kongress vorbei versuchte er etwa, per Dekret seinen "Travel Ban" durchzusetzen. Der Vergleich zu seinen Vorgängern ergibt ein gemischtes Bild, wobei anzumerken wäre, dass Trump und Obama anders als George W. Bush und Bill Clinton im ersten Jahr über Mehrheiten in Senat und Repräsentantenhaus verfügten.

Als Kandidat kündigte Trump oft an, den "Sumpf in Washington" auszutrocknen. Experten klagen, dass seine Regierung für mehr als 200 Top-Positionen noch nicht mal Kandidaten nominiert habe - der Senat muss Botschafter, Vize-Minister oder Unterstaatssekretäre bestätigen. Dieser Prozess braucht Zeit, aber Obama und Bush jr. waren hier viel effektiver. Er besetze Stellen nicht, weil diese "überflüssig" seien, tönt Trump. Viel Geld einsparen lässt sich so nicht, stattdessen wird effektive Arbeit in vielen Behörden - etwa im wichtigen Außenministerium - erheblich erschwert.

Aussagekräftig ist auch Trumps Reiseverhalten in den USA. Am häufigsten besuchte er die Staaten Virginia (27), Florida (14) und New Jersey (10), wo sich seine Golfplätze befinden. Mehrmals reiste er nach Pennsylvania, Ohio und Wisconsin - also zu seinen Fans im Rust Belt. Mit Kritikern will sich Trump nicht auseinandersetzen: Er ignoriert die progressiven Westküsten-Staaten Washington, Oregon und Kalifornien, obwohl allein dort 40 Millionen Menschen leben. Damit ist Trump seit 64 Jahren der erste US-Präsident, der nicht im ersten Amtsjahr Kalifornien besucht. Vielleicht traut er sich ja in Jahr zwei.

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