US-Einwanderungspolitik Die Schmerzgrenze der Christen

Ein Foto aus dem Auffanglager für Migrantenkinder in McAllen, Texas. Die Kinder schlafen unter Neonlicht auf Matratzen am Boden.

(Foto: AFP)

An der US-Grenze zu Mexiko werden Kinder von ihren Eltern getrennt - Justizminister Sessions rechtfertigt das mit der Bibel. Doch der Widerstand der Kirche wächst.

Von Beate Wild, Austin

Können amerikanische Christen die "Null-Toleranz"-Politik der Trump-Regierung gegenüber Einwanderern eigentlich noch mit ihrem Gewissen vereinbaren? Diejenigen Wähler, die Donald Trump ihre Stimme gegeben haben, weil er gegen Abtreibung und für konservative Werte ist?

Zumindest bei einigen hochrangigen Geistlichen regt sich zunehmend Kritik an einer Praxis, die mittlerweile nicht nur Menschenrechtsorganisationen, sondern auch Politiker beider Parteien herzlos und unmenschlich nennen. Der Widerstand gegen das, was sich derzeit an der Grenze zu Mexiko abspielt, wächst täglich.

Seit diesem Mai setzt die Trump-Regierung ihre verschärfte Migrationspolitik durch und nimmt ungewollten Einwanderern nach dem Grenzübertritt ihre Kinder weg. Während die Erwachsenen verhaftet werden und sich vor Gericht wegen illegaler Einreise in die USA verantworten müssen, werden die Kinder in Auffanglager gesteckt. Dort warten sie in Maschendrahtkäfigen auf Matratzen.

Auf einem Audio-Mitschnitt hört man Kinder weinen

Ausgewählte Journalisten, die die Lager besuchen durften, berichteten von weinenden Kleinkindern, die nach Mama und Papa schreien. In einem von der Non-Profit-Organisation ProPublica veröffentlichten Audio-Mitschnitt hört man sie herzzerreißend schluchzen. Ein Grenzpolizist sagte auf dem Band: "Nun, da haben wir ein Orchester hier."

Justizminister Jeff Sessions brachte als Rechtfertigung Gott ins Spiel: Vergangene Woche begründete der Politiker aus Alabama die Trennung von Müttern und Kindern mit der Bibel. Im Römerbrief von Apostel Paulus, Kapitel 13, stehe schließlich, dass die Gesetze der Regierung befolgt werden müssen, weil Gott sie zu seinen Zwecken eingesetzt habe, zitierte Sessions. Wörtlich heißt es in der Bibelstelle: "Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen."

Trumps "Null-Toleranz"-Politik bestraft sogar Kinder

Weil Grenzverletzer aus dem Süden generell als Kriminelle gelten, werden ihre minderjährigen Söhne und Töchter in Heime gesteckt. Die Rechtfertigung des US-Präsidenten ist bizarr - und zumindest halb gelogen. Von Hubert Wetzel mehr ...

Dieser Vers hat allerdings eine amerikanische Geschichte, die Sessions bekannt sein dürfte: Die Vertreter der Südstaaten hatten ihn zur Rechtfertigung der Sklaverei verwendet.

Die Vertreter von Amerikas Christen wollen Sessions, der nun die Hardliner-Ideen aus seiner Zeit als Senator umsetzt, nicht folgen. Gregory Aymond, Erzbischof von New Orleans, kritisierte das Vorgehen der Trump-Regierung: "Als Menschen des Glaubens müssen wir uns für diese Kinder starkmachen." Die katholische Kirche predige, dass Menschen in Gegenwart von Ungerechtigkeit, Verfolgung oder Gefahr ein Recht hätten einen sicheren Platz zu finden, an dem sie ein neues Leben beginnen könnten, hieß es in seiner Stellungnahme. Und dann zitierte Aymond ebenfalls aus der Bibel, und zwar Lukas 6:31: "Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!"

Sein Kollege Gustavo García-Siller, Erzbischof von San Antonio, Texas, ist selbst gebürtiger Mexikaner. Er twitterte: "Flüchtlingskinder gehören zu ihren Eltern, nicht zur Regierung oder anderen Institutionen. Kinder von ihren Eltern zu stehlen, ist eine schwere Sünde, unmoralisch und böse."