TV-Duell Wenn Uschi Glas zum Polit-Hooligan wird

  • Das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz ist für die Kandidaten wichtig, ebenso bedeutend ist aber die Zeit danach.
  • Berater, Politiker und Spindoktoren wollen die Deutungshoheit darüber gewinnen, wer als Sieger des Duells gilt.
  • Dazu entsenden die Parteien auch Prominente ins Studio.
Von Jakob Schulz, Berlin

Einige mögen nicht mehr abwarten. Das TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) ist erst zur Hälfte rum, da erklärt Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) einem Kamerateam schon, warum Merkel in seinen Augen die klare Siegerin der Debatte sei. Ein paar Schritte weiter, im Pulk der Sozialdemokraten, lobt SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann den Auftritt seines Kanzlerkandidaten. Im Studio in Berlin-Adlershof sitzen die Politiker und Unterstützer von SPD und Union in zwei großen Gruppen zusammen. Die Großleinwände zeigen, wie sich die Kanzlerin und ihr Herausforderer im Studio nebenan in Details und Vorwürfen verlieren. Auf den Sitzwürfeln vor den Leinwänden lümmeln Bundesminister und Generalsekretäre, Ministerpräsidenten und Schauspieler. Es gibt Currywurst und Fassbier; würden in der Halle keine Kronleuchter hängen, könnte auch gleich ein Fußballspiel über die Bildschirme flimmern.

Anderthalb Stunden lang diskutieren Merkel, Schulz und die vier Interviewer. Die Politiker streiten über die richtige Flüchtlingspolitik und wie Integration gelingt, über Stickoxid-Werte in deutschen Innenstädten oder die Haltung gegenüber der Türkei. Am Ende dieser 90 Minuten, so hoffen die Kandidaten, haben sie möglichst viele der Millionen Fernsehzuschauer von sich und ihren Inhalten überzeugt.

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Das hoffen auch die Wahlkampfmanager von Union und SPD und deshalb stürzen sie sich nach den Schlussstatements von Merkel und Schulz ins Duell nach dem Duell. Wie Fußball-Hooligans nach dem Abpfiff auf Anhänger des Gegners losgehen, so versuchen die Wahlkämpfer, Berater und Spindoktoren nach dem TV-Duell, ihre Botschaften unter den anwesenden Journalisten zu verbreiten. Diese Polit-Hooligans kämpfen nicht mit Fanschals und Fäusten, sondern mit Maßanzug, Lob und Häme. Das Motto: Entscheidend ist nicht die Realität, sondern das, was die Menschen über die Realität denken.

Schauspieler lobpreisen die Kandidaten

Was zählt beim Duell nach dem Duell? Lautstärke, zahlenmäßige Überlegenheit und Glamour-Faktor. Zumindest ist das der Eindruck, den die Entouragen von SPD und Union vermitteln. CDU und CSU haben sechs aktuelle Ministerpräsidenten aufgefahren, dazu zwei Bundesminister. In dieser Hinsicht schwächeln die Sozialdemokraten mit nur zwei Ministerpräsidentinnen und einem Bundesminister. Dafür klatschen sie enthusiastischer und haben außerdem mehr Schauspieler und andere Kulturschaffende ins Studio gekarrt.

Der Schauspieler Hans-Werner Meyer etwa betont, dass er kein SPD-Mitglied sei. Seine Verehrung für Martin Schulz ist trotzdem spürbar. Warum ihn Schulz beim Duell überzeugt habe? "Er war unglaublich kompetent und hat den Takt vorgegeben", sagt er. Wie viele andere, die sich im Studio zu Wort melden, beherrscht der Schauspieler die Kunst des vergifteten Lobes. Er habe großen Respekt vor Merkel, sie sei integer, sagt Meyer. Dafür, dass Rededuelle nicht Merkels Stärke seien, sei ihr Auftritt aber in Ordnung gewesen. Nebenan attestiert Generalsekretär Hubertus Heil dem SPD-Spitzenkandidaten "Kanzlerformat". Schulz habe "klipp und klar gesagt, wohin er will" und eine "klare Kante bei außenpolitischen Fragen" gezeigt, sagt Justizminister Heiko Maas (SPD). Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) lobt, dass Schulz in seinen Aussagen sehr klar gewesen sei.

Das gleiche Spiel, nur mit vertauschten Rollen, in der Ecke der Union. "Mehr Schwung im Wahlkampf kriegen wir nimmer", sagt zum Beispiel Uschi Glas. Die Union habe sie nach Adlershof eingeladen, erzählt die Schauspielerin freimütig, wie schon zum TV-Duell vor vier Jahren. Ihr Eindruck von der Debatte? "Die Schlussworte von Merkel waren hundert Prozent besser", sagt sie. Was die Kanzlerin besser mache? Ihre Erfahrung, ihr Überblick. Andere aus dem Lager der Union sind für die inhaltliche Attacke zuständig. Ein paar Sitzwürfel weiter spricht Union-Fraktionschef Volker Kauder in die Kameras. "Überhaupt nicht überzeugt" hätten ihn Martin Schulz' Einlassungen zum Thema Türkei, sagt er. Und Merkel? Die habe "sehr konkret" darauf hingewiesen, wie sie etwa Familien entlasten wolle. Nebenan derselbe Tenor: Siegerin des Duells sei "ganz eindeutig Merkel, sie war ganz sie selbst", lobt Kanzleramtsminister Altmaier. Etwas nachdenklicher gibt sich Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther. Merkel sei souverän gewesen, Schulz in seinen Augen dagegen zu aggressiv. Außerdem habe der SPD-Kandidat sein Abschlussstatement "ein bisschen verhunzt", sagt Günther.

Berater üben sich in vergifteter Analyse

Während sich Sozialdemokraten und Konservative im Dualismus aus Lob und Häme üben, setzen die Grünen und die FDP auf die totale Kritik. Weder Schulz noch Merkel hätten den Eindruck gemacht, dass sie wüssten, wo sie hin wollen, geißelt der ehemalige Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer. Auch Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner ist demonstrativ enttäuscht. "Es gab keinen Sieger, aber einen Verlierer: Zum Beispiel die Umweltthemen." FDP-Generalsekretärin Nicola Beer zeigt sich unzufrieden. "Duett statt Duell" sei die Diskussion zwischen Merkel und Schulz gewesen, statt um die Zukunft sei es um die Gegenwart und Vergangenheit gegangen.

Zu späterer Stunde ist die Pilsbar im Studio verwaist, die übrig gebliebenen Grüppchen konzentrieren sich um den Weinstand. Wer unter den Beratern, Journalisten und Mischwesen etwas auf sich hält, übt sich in vergifteter Analyse. "Schulz hat gewonnen, aber Merkel war auch nicht schlecht", ist zu hören. Oder: "Er hatte ein sehr hohes Niveau, vielleicht kam das beim Volk gar nicht so an." Ein anderer ätzt: "Schulz' Schlussstatement fing super an, dann kam aber leider das Übliche." Oder, gönnerhaft: Die Online-Werbeanzeige, die Schulz schon Stunden vor dem Duell als Gewinner ausrief, könne die SPD jetzt auf jeden Fall wieder freischalten.

Schließlich erreicht die Nachricht die Runde, dass Merkel in ersten Zuschauerbefragungen als Siegerin des TV-Duells gilt. Das könne sich alles noch ändern, sagt ein Berater, der in der Vergangenheit schon Kanzlerkandidaten auf Fernsehduelle vorbereitete. Untersuchungen hätten gezeigt, dass noch Tage später in den Köpfen der Menschen plötzlich der andere Kandidat zum Gewinner werden könne. Der Arbeit der Spindoktoren sei Dank.

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