Türkei Die Angst im Gepäck

Kurdische Flüchtlinge aus Syrien versammeln sich auf einem Hügel unweit der türkischen Stadt Suruç, von wo sie die Kämpfe zwischen kurdischen Peschmerga-Kämpfern und den IS-Milizen beobachten

(Foto: AFP)

Mehr als 100 000 syrische Kurden haben im Südosten der Türkei Zuflucht gefunden. Sie erzählen grauenvolle Dinge vom Wüten der Islamisten in ihrer Heimat. Jenseits der Grenze geraten sie nun auch noch in den Machtkampf zwischen Ankara und der PKK.

Von Christiane Schlötzer, Suruç

Irgendwann steht da dieser weiße Eimer mit Linsensuppe. Sofort bildet sich eine Menschentraube. Kaum zwei Minuten später ist das Plastikgefäß leer, der Auflauf vorbei. Und keiner hat gedrängelt. Erstaunlich. Wie vieles in Suruç, einer kurdischen Kleinstadt mit 60 000 Einwohnern - in normalen Zeiten.

Aber in Suruç, einen Katzensprung entfernt von der syrischen Grenze, in der türkischen Südostprovinz Şanlıurfa, ist nichts, wie es war, seit die Türkei am vergangenen Freitag die Grenze zum Bürgerkriegsnachbarn an neun Stellen geöffnet hat. Nun gibt es in Suruç wohl doppelt so viel Menschen, oder noch mehr. Keiner hat sie gezählt.

"Sie töten die Menschen sogar beim Gebet"

Meha Mustafa sitzt auf einem Plastikstuhl. Nicht mal der gehört ihr. "Wir sind losgelaufen, nur mit unseren Kleidern am Leib", sagt die 40-jährige Kurdin. "Von unserem Dorf haben die Dschihadisten nichts übrig gelassen. Sogar die Türen der Häuser haben sie herausgerissen und auf ihre Wagen geladen."

Die Plünderungen waren nicht das Schlimmste. "Das sind keine Muslime, sie töten die Menschen sogar beim Gebet", sagt die Bäuerin über die Terroristen des "Islamischen Staats", des IS, die auf der syrischen Seite der Grenze erst die Dörfer um die Stadt Ain al-Arab zerstört haben und dann bis auf wenige Kilometer an die Stadt selbst herangerückt sind, die die Kurden Kobanê nennen.

Meha Mustafas fünf Kinder sitzen auf einem alten Teppich. Das abgewetzte Stück Stoff liegt auf der blanken Erde, in einem kleinen Park, im dem fast 1500 Flüchtlinge ausharren. Im Freien. Nur mit ein paar Decken für die Nacht. Trotz der vielen Menschen ist es still in diesem Garten eines kommunalen Kulturzentrums, bis einer den enormen Flachbildfernseher anknipst, den Bürger aus Suruç gebracht und an eine Hauswand gehängt haben. Ablenkung für die Geflüchteten.

So ist das Elend von Suruç auch ein eindrucksvoller Beweis dafür, was Solidarität unter Kurden vermag. Allerdings sorgt genau dies für Verwerfungen mit der türkischen Regierung. Auf der Hauptstraße von Suruç stehen ein halbes Dutzend Wasserwerfer mit laufenden Motoren, dazu Polizisten mit Tränengasgewehren im Anschlag. Ein paar Kilometer weiter, am Grenzzaun, wo die Landschaft nur noch ein staubiges Nichts ist, verschießen die Sicherheitskräfte jetzt täglich viele Salven Gas, das in Augen und Nase beißt.

Der Flüchtlingsstrom verschärft einen alten Konflikt

Was da geschieht, ist nicht so einfach zu erklären. Erst küssen junge türkische Soldaten respektvoll die Hand einer kurdischen Greisin, die sich gerade durch das steinige Niemandsland in die Türkei geschleppt hat. Im nächsten Moment aber nebeln Uniformierte ganze Kurdengruppen ein, die sich aus Suruç auf den Weg an die Grenze gemacht haben, um ihre syrischen Nachbarn zu empfangen, oder um zu protestieren, weil die Grenze immer wieder geschlossen wird. Es fliegen Steine, die Polizei schießt mit Plastikmunition.

Dies ist ein Machtkampf. Im Südosten der Türkei gibt es längst Gebiete, in denen praktisch nur noch die kurdisch beherrschten Rathäuser das Sagen haben. Diese Art von Quasi-Autonomie passt der türkischen Regierung nicht. Der kurdische Zustrom verschärft den Konflikt um die Entscheidungsgewalt offensichtlich.

"Ich würde gern kämpfen", sagt der 14-jährige Hasin

Zumal die immer noch als Terrororganisation verbotene Kurden-Guerilla PKK nun alle Kurden, die eine Waffe halten können, aufgerufen hat, Kobane gegen die Dschihadisten zu verteidigen. Am Montag stürmten schon ein paar Hundert Männer nach Syrien, durch den Zaun, darunter viele, die zuvor ihre Familien auf die türkische Seite in Sicherheit gebracht hatten.

"Ich würde gern kämpfen", sagt Hasin. Aber er darf nicht, seine Familie lässt den 14-Jährigen nicht gehen. Hasins Bruder ist 16. "Der ist bei der YPG", sagt Hasin stolz. YPG nennen die syrischen Kurden ihre Volksmiliz. "Die hat nur leichte Waffen, Kalaschnikows. Die Dschihadisten haben Panzer und Granatwerfer." Der Junge redet wie ein Alter, der zu viel gesehen hat.

Die Schulen sind schon seit drei Jahren geschlossen

Es gibt auch das Drama im Drama. Die Schulen im Kriegsgebiet sind geschlossen. "Schon seit drei Jahren", sagt Fatma, eine von Meha Mustafas Töchtern. Die Mutter erzählt, dass sie erst kürzlich in Rakka, der syrischen Hochburg des IS, auf Verwandtenbesuch war. "Ich habe abgeschnittene, aufgespießte Köpfe auf der Straße gesehen." Die Frauen in Rakka müssten sich voll verschleiern, "nur die Augen darf man sehen".

Die IS-Männer aber nähmen sich das Recht heraus, "jeder Frau unter den Schleier zu schauen, und gefällt ihnen ein Mädchen, nehmen sie es mit". Dass die USA am Dienstag erstmals IS-Stellungen bei Rakka bombardiert haben, findet die Kurdin gut. "Sie sollen sie schlagen, alle vernichten", sagt sie.