Nordkorea-Konflikt Trumps Absage ist genial oder die Konsequenz seiner Überforderung

Der US-Präsident teilt Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un per Brief mit, dass er sich vorerst doch nicht mit ihm treffen will. Dafür gibt es sehr unterschiedliche Erklärungen.

Analyse von Alan Cassidy, Washington

In Amerika gibt es den sogenannten ­Dear-John-Brief. Gemeint ist damit das oft etwas peinliche Schreiben, wenn jemand in einer Beziehung Schluss machen will. Der Präsident der Vereinigten Staaten verschickte am Donnerstag einen Brief an den Diktator von Nordkorea, der sich in weiten Stellen genau so liest: "Dear John". Darin ist die Rede vom "wunderbaren Dialog, der sich zwischen uns entwickelt hat", und davon, dass sich Donald Trump "sehr gefreut" habe auf das Treffen mit Kim Jong-un. Auch die Freilassung von amerikanischen Gefangenen sei eine "schöne Geste" gewesen.

Aber dann, schreibt Trump, seien da diese "Feindseligkeiten" seitens Kim in den vergangenen Tagen gewesen. Darum sei der geplante Gipfel nun "unangebracht" und werde so nicht stattfinden. Das sei ein wahrhaft trauriger Moment, fügt der Präsident an. Ganz Schluss machen will er dann aber offenbar doch nicht: Sollte Kim seine Meinung ändern: "Zögern Sie bitte nicht, mich anzurufen oder mir zu schreiben."

"Unser Militär ist bereit"

Nach der Absage des Treffens mit Kim Jong-un legt US-Präsident Trump nach und kündigt an, seine Politik des "maximalen Drucks" fortzusetzen. Nordkorea verurteilt die Absage. mehr ...

An anderen Stellen entsteht dagegen der Eindruck, es handle sich um einen von Trumps Tweets - nur in Überlänge. Da waren die üblichen sprachlichen Übertreibungen ("enorm", "massiv") und auch wieder die apokalyptischen Drohungen an Kim, die von Trump mehrfach zu hören waren: "Sie reden über Ihre nuklearen Fähigkeiten, aber unsere eigenen sind derart gewaltig und mächtig, dass ich zu Gott bete, dass sie nie zum Einsatz kommen müssen." In einem Handbuch für angehende Diplomaten könnte dieser Brief wahrscheinlich mal als abschreckendes Beispiel erscheinen, ein historisches Dokument ist er allemal.

Historisch hätte auch der auf den 12. Juni anberaumte Gipfel in Singapur werden sollen, auf dem die beiden Politiker den langjährigen Konflikt um Nordkoreas Atomwaffenprogramm beenden wollten. Es wäre das erste Treffen eines US-Präsidenten mit einem Staatschef Nordkoreas gewesen. Die Entscheidung von Trump, den Gipfel abzusagen, kam für alle überraschend. In Washington versuchten sie nach der Veröffentlichung des Schreibens, Erklärungen zu finden. Dabei zeichneten sich zwei ganz unterschiedliche Sichtweisen ab.

Die einen sehen in Trumps Absage die logische Konsequenz daraus, dass er sich mit dem Gipfel verrannt hat. Amerikanische Medien berichteten in den vergangenen Wochen, dass sich der Präsident zwar für die Umstände des Gipfels interessiert habe, den Pomp und Prunk, dass er sich aber auf Briefings mit seinen Beratern zu den konkreten Zielen des Treffens sowie zu den schwierigen Details eines möglichen Abrüstungs­deals nicht einlassen wollte. Kein Interesse. Lieber redete Trump über den Friedensnobelpreis, den seine Anhänger schon vor Augen hatten. "Nobel, Nobel!", riefen sie ihm zuletzt auf einer Wahlkampfveranstaltung zu. "Jeder denkt, ich verdiene den Preis", sagte Trump selber.

US-Regierung war sich uneins über die Bedingungen

Zudem waren die Signale aus der US-Regierung bezüglich des Gipfels vieldeutig. Außenminister Mike Pompeo, der Kim zweimal getroffen hatte, erklärte, die USA würden nur eine einseitige, totale Denuklearisierung Nordkoreas akzeptieren. Trump hingegen sagte noch am Donnerstagmorgen in der Sendung "Fox and Friends", es sei auch denkbar, dass Nordkoreas Führung seine Atomwaffen schrittweise aufgibt.

In der US-Regierung wuchsen überdies zuletzt die Zweifel an der Ernsthaftigkeit Nordkoreas. "Es sieht so aus, als wollten sie überhaupt nicht denuklearisieren", sagte Anfang Woche ein namentlich nicht genannter Regierungsmitarbeiter in der Washington Post.

In den Augen vieler Beobachter hätte sich Trump unter diesen Voraussetzungen nie auf das Gesprächsangebot Kims einlassen sollen, als dieses im März eintraf. Der Gipfel sei von Anfang an zum Scheitern verdammt gewesen, sagte Richard Haass, früherer Spitzen­diplomat und Präsident des Council on Foreign Relations. Trump verfahre nach dem Motto: "Alles oder nichts." Damit riskiere er in Nordkorea wie auch in Iran, bestehende Konflikte noch zu verschärfen.

"His Excellency Kim Jong Un ..."

Per Brief sagt der US-Präsident das Gipfeltreffen mit dem nordkoreanischen Machthaber ab. Der Ton ist typisch Trump - inklusive kaum versteckter Drohung. Das Dokument im Wortlaut. mehr ...

In der anderen, für Trump positiveren Lesart ist die Absage Teil der Strategie des Präsidenten, der sich als ultimativen Dealmaker sieht. Er wisse, dass Kim ein viel größeres Interesse an einem Treffen habe, als Trump. Sein Absage-Schreiben sei ein möglicherweise geschickter Versuch, die Bedingungen eines zukünftigen Treffens zu verhandeln. "Ich habe schon so viele Deals gemacht, ich verstehe davon mehr als alle anderen", sagte er diese Woche vor einem Treffen mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in.

Tatsächlich schien sich in Washington bis vor wenigen Tagen ein Konsens entwickelt zu haben, wonach Trump mit seiner völlig unkonventionellen Diplomatie in der Nordkorea-Frage mehr erreicht habe als die meisten seiner Vorgänger. Trump kann auch darauf verweisen, dass er mit der Freilassung der US-Gefangenen sowie mit der vorgeblichen Zerstörung eines Atomtestgeländes in Nordkorea immerhin schon einmal etwas Zählbares in der Hand hat. Und noch besteht auch die Chance, dass der Gipfel nachgeholt wird.

Das zumindest legt Kims erste Reaktion auf Trumps Schreiben nahe. "Wir sind bereit, uns von Angesicht zu Angesicht mit den USA zusammenzusetzen und Fragen jederzeit und in jedem Format anzusprechen", zitierte die südkoreanische Agentur Yonhap in der Nacht auf Freitag aus einer Mitteilung des nordkoreanischen Vize-Außenministers Kim Kye-gwan. Es entspreche "nicht den Wünschen der Welt", das Treffen ganz abzusagen. Ein Gipfel mit den USA sei vielmehr dringend nötig, um "schwerwiegende feindliche Beziehungen" auszuräumen.

Wenn das stimmt, ist noch vieles möglich. Vielleicht könnte Trump dann doch noch die Gedenkmünze brauchen, die eine US-Regierungsstelle für das Treffen vorsorglich prägen ließ (und dafür arg verspottet wurde). "Friedensgespräche" steht auf dem Rand der Münze, in der Mitte die Konterfeis von Trump und Kim und darunter die Jahreszahl "2018". Da bleiben noch ein paar Monate. Und wer weiß? Vielleicht ruft Kim ja auch noch persönlich an.

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