Streit um das Betreuungsgeld Forscher warnen vor negativen Effekten für Kinder

Sozial ungerecht, schlecht für das Sozialverhalten und für die motorischen Fähigkeiten der Kinder: Bonner Forscher haben die Folgen des Betreuungsgeldes bei Familien in Thüringen studiert, wo die umstrittene Prämie schon seit 2006 ausgezahlt wird. Mit einem verheerenden Ergebnis. Jene CDU-Abgeordneten, die von "Unfug" sprechen und das Gesetz blockieren wollen, dürften sich bestätigt fühlen.

Von Kathrin Haimerl

"Herdprämie! Gluckengehalt! Schnapsgeld!", ruft die Seite der Gegner. "Wahlfreiheit! Anerkennungsleistung!", schallt es von der anderen Seite zurück. Wenige Themen werden derzeit so emotional diskutiert wie das Betreuungsgeld. Noch vor Ostern wollte Familienministerin Kristina Schröder einen Gesetzesentwurf vorlegen, der droht nun am Widerstand in der Unionsfraktion zu scheitern. Kanzlerin Angela Merkel beeilte sich klarzustellen, sie halte am Betreuungsgeld fest.

Während die CSU das im Koalitionsvertrag festgeschriebene Betreuungsgeld einfordert, verkündeten 23 CDU-Abgeordnete in einem Brief an Unionsfraktionschef Volker Kauder, nicht mitziehen zu wollen. Damit wäre Schwarz-Gelb im Bundestag ohne Mehrheit. Jetzt tobt im Unionslager der Streit: "Völlig unnötig", findet CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt die Diskussion, während der Berliner CDU-Abgeordnete Karl-Georg Wellmann von einem "Unfug-Gesetz" spricht. CSU-Vizegeneralsekretärin Dorothee Bär sagte der SZ, sie könne den "Glaubenskrieg", der um das Betreuungsgeld geführt werde, nicht nachvollziehen.

Die abtrünnigen Unionsabgeordneten haben einen Vorteil: Sie können auf eine wissenschaftliche Beurteilung verweisen, die dem Betreuungsgeld eine verheerende Wirkung zuschreibt. Forscher der Universitäten Mannheim und Heidelberg haben sich Familien in Thüringen angesehen, wo schon seit 2006 ein Betreuungsgeld ausgezahlt wird (Die Ergebnisse wurden als Diskussionspapier vom Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit veröffentlicht; hier gibt es die Studie zum Betreuungsgeld als PDF-Datei.) Ihr Urteil ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was viele Unionspolitiker von moderner Familienpolitik erwarten.

Große Anziehungskraft auf Geringqualifzierte

Das Betreuungsgeld senke die Frauenerwerbsquote und wirke sich nachteilig auf die frühkindliche Entwicklung aus, sagen die Forscher. Vor allem Geringqualifzierte, Alleinerziehende und Familien mit niedrigen Einkommen blieben dem Arbeitsmarkt fern, um das Geld in Anspruch zu nehmen.

In Thüringen bekommen die Eltern von zweijährigen Kindern, die nicht in öffentlichen Einrichtungen betreut werden, eine Prämie in Höhe von 150 bis 300 Euro. Der schwarz-gelbe Koalitionsausschuss im Bund hatte im November vereinbart, Eltern von Kindern im zweiten Lebensjahr sollten von 2013 an zunächst 100 Euro monatlich bekommen. Von 2014 an sollen dann 150 Euro für Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr gezahlt werden. Immer vorausgesetzt, die Kinder werden nicht in einer staatlich geförderten Krippe betreut.

Für viele Familien ist das ein Grund, ihre Kinder von Kinderkrippen fernzuhalten. Die Bonner Forscher ermittelten, dass der Anteil der ausschließlich zu Hause betreuten Kinder nach der Einführung des Betreuungsgeldes in Thüringen um 20 Prozent anstieg. Eine besonders große Anziehungskraft habe das Geld auf Geringqualifizierte gehabt - sowie auf Familien, von denen ein Elternteil aus dem nichteuropäischen Ausland stamme.

Bis zu 20 Prozent des Einkommens

Genau das halten die Forscher für gefährlich - weil die Kinder von Bildungsbürgern in Kitas nun vermehrt unter sich seien. "Das Betreuungsgeld verstärkt die Ungleichheit über die Generationen hinweg", sagt Christina Gathmann, Wirtschaftsprofessorin in Heidelberg und Ko-Autorin der Studie, im Gespräch mit der SZ.

Vor allem bildungsferne Familien mit geringem Einkommen seien motiviert worden, ihren Nachwuchs zu Hause zu erziehen. Dabei würden genau diese Kinder von einem Kita-Besuch am meisten profitieren, mahnen die Forscher. Doch für die Eltern bedeute das Betreuungsgeld eine entscheidende Zusatzeinnahme: Es mache mindestens zehn Prozent ihres Einkommens aus, bei manchen Familien seien es bis zu 20 Prozent.

Die Leidtragenden sind die Kinder. Besonders bei zweijährigen Mädchen könne die Erziehung zu Hause Probleme bereiten. Hier hätten die Forscher einen negativen Effekt beim Sozialverhalten und bei den motorischen Fähigkeiten feststellen können.

Kaum ein Anreiz für Väter

Darüber hinaus belege die Studie aber auch Auswirkungen auf die gesamte Familie: Ältere Geschwister blieben dem Kindergarten häufiger fern, wenn die Jüngeren ohnehin zu Hause seien. Auch die "informelle Betreuung", wie die Forscher die Betreuung der Kinder durch Nachbarn und Freunde bezeichnen, sei bei den untersuchten Familien zurückgegangen.

Auch das Argument, Männer könnten durch das Betreuungsgeld motiviert werden, ihre Erwerbstätigkeit zugunsten der Kinderbetreuung einzuschränken, lassen die Forscher nicht gelten. Es seien die Frauen, die zu Hause blieben. Auf Väter übe ein Betreuungsgeld in Höhe von 150 Euro kaum Anreize aus.

Zwar konnten die Forscher auch hier einen kleinen Rückgang feststellen. Allerdings würde das Betreuungsgeld nicht dazu führen, dass "Väter in großem Stil ihren Job aufgeben", sagt Gathmann.

"Kitas haben einen positiven Einfluss"

Das Thüringer Familienministerium - seit 2009 SPD-geführt - kann die Ergebnisse der Studie nicht bestätigen, wonach das Geld vor allem Geringqualifiziertem, Alleinerziehende und Familien mit niedrigem Einkommen in Anspruch nehmen. Grund ist, dass dem Ministerium dazu keine statistischen Daten vorliegen, da das Landeseriehungsgeld nicht vom Einkommen abhängig sei. Die Thüringer Familienministerin Heike Taubert macht allerdings keinen Hehl aus ihrer Einstellung zu der Förderung: "Ich bin kein Fan des Erziehungsgelds", teilt sie auf SZ-Anfrage mit. Mehrere Studien hätten gezeigt, dass staatliche Förderung vor allem in Kitas und Ganztagesschulen fließen solle. Ganz anders die Reaktion des früheren thüringische CDU-Sozialminister Klaus Zeh wies die Ergebnisse in der Ostthüringer Zeitung zurück: Sie würden ein "verzerrtes Bild" der Situation wiedergeben.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder stellte unlängst eine andere Untersuchung vor, die ebenfalls nicht unbedingt für das Betreuungsgeld spricht. Sie kommt zu dem Schluss, dass Ganztagseinrichtungen einen positiven Einfluss auf das Wohlergehen der Kinder hätten.

Durch einen längeren Besuch einer Betreuungseinrichtung würden sich den Kindern bessere Bildungschancen eröffnen. Einen besonders positiven Effekt habe die frühkindliche Betreuung für Kinder von Alleinerziehenden. Denn ein solches Betreuungsangebot ermögliche es den Eltern, vollzeit tätig zu sein und mindere damit deren Armutsrisiko. "Kitas haben einen positiven Einfluss auf das Wohlergehen von Alleinerziehenden und ihren Kindern", sagte Schröder.

Warum dieser positive Einfluss durch eine Prämie, die Kinder von Kitas fernhalten könnte, sabotiert werden sollte, sagte Schröder nicht.