Serie: Albtraum Atombombe (1) Angst vor der Bombe

Vor 65 Jahren brannten Hiroshima und Nagasaki nach den Atom-Erstschlägen der Amerikaner. Seitdem prägt die Furcht vor der Bombe die internationale Politik.

Von Oliver Das Gupta

Im ersten Winter nach Ende des größten Gemetzels der Menschheit hat Albert Einstein seine Hoffnung auf eine bessere Welt zu Papier gebracht. Die Sätze des Jahrhundertgenies, die im November 1945 in der Zeitschrift The Atlantic Monthly erschienen, lesen sich 65 Jahre später so idealistisch wie naiv.

Unter dem Eindruck der Atombomben-Explosionen über Hiroshima und Nagasaki im August 1945 wollte Einstein die nukleare Gefahr bannen. Der Nobelpreisträger, der wenige Jahre vorher den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt dazu gedrängt hatte, die Bombe zu entwickeln, bevor die Nazis es tun könnten, grübelte nun darüber nach, wie die Büchse der Pandora wieder geschlossen werden könnte.

Seine Lösung: Eine Weltregierung. Sie sollte das tödliche Geheimnis der Bombe verwahren und verwalten.

"Da ich nicht übersehe, dass die Atomenergie auf lange Frist ein großer Segen sein wird, muss ich betonen, dass sie für den Augenblick eine Drohung ist", schrieb Einstein: "Vielleicht ist es gut, dass es sich so verhält. Es mag dies dem Menschengeschlecht so viel Furcht einjagen, dass es seine internationalen Beziehungen in Ordnung bringt - etwas, was ohne den Druck der Angst nicht zu erreichen sein wird."

Oppenheimers "teuflische" Erfindung

Als die Sprengkörper Little Boy und Fat Man die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki vernichteten, brach eine neue Ära an, das Atomzeitalter. Der "Druck der Angst", den Einstein benannte, bedeutete: Eine einzige Waffe kann eine ganze Metropole austilgen, ein paar Bomben mehr können ein ganzes Land auslöschen. Die Menschheit war 1945 auf einmal imstande sich selbst vernichten - binnen Sekunden.

Das Wissen über die bis dato nichtgekannte Zerstörungskraft mobilisierte Millionen friedensbewegter Menschen - und spornte die Mächtigen gleichzeitig an, sich die "teuflische" Erfindung (Bomben-Entwickler Robert Oppenheimer) zu eigen zu machen. Der Sowjetführer Stalin, Chinas Staatsführer Mao, aber auch der Präsident Frankreichs und der britische Premierminister machten ihre Länder bald zu Atommächten. Einsteins Plädoyer für einen atomaren Verzicht zugunsten einer Weltregierung dürfte den Staatenlenkern wie romantisches Gesäusel vorgekommen sein.

Und doch hatte der Physiker richtig gelegen: Die Sorge vor einem Atomkrieg sollte der Welt eine gewisse Ordnung verschaffen. Im Ost-West-Konflikt, der sich schon vor Ende des Zweiten Weltkrieges abzeichnete, sollte die Bombe zunächst den Amerikanern die Vormacht sichern.

US-Präsident Harry Truman setzte die fürchterlichen Waffen gegen das militärisch schon besiegte Japan als Zeichen der Macht ein, das gerade im Kreml wirken sollte. Die gewaltigen Detonationspilze über Hiroshima und Nagasaki sorgten für einen Paradigmenwechsel: Die Zeiten, in denen gewaltige Materialschlachten über Sieg und Niederlage entschieden, waren vorbei. Künftig sollte nicht mehr die Zahl der Soldaten, Panzer und Flugzeuge entscheiden, sondern die Substanz des Kernwaffenarsenals.

Schon 1949 zog die Sowjetunion mit einem erfolgreichen Atomtest nach: Auch Stalin verfügte über die Bombe. Damit war die nukleare Bewaffnung zum zentralen Instrument der Rivalität zwischen Kommunismus und westlicher Welt geworden - es wuchs sich ein Konflikt aus, den man bald Kalten Krieg nannte.

Eine Waffe, die nicht zum Einsatz taugt

Ein Wettrüsten begann: Hüben wie drüben wuchsen die atomaren Depots zu bizarrer Größe an, der Planet konnte per Knopfdruck theoretisch menschenfrei gemacht werden. Doch gerade das atomare Patt, diese Fähigkeit zur gegenseitigen atomaren Vernichtung, verhieß: Stabilität.

Die Atombombe in Zahlen

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