Schuldspruch gegen Charles Taylor Das Gericht sieht über die Zweifel hinweg

Fünf Jahre Prozess und 100 Belastungszeugen haben es nicht geschafft, eine saubere Beweiskette gegen Liberias Ex-Präsidenten zu bilden. Es wurde nicht klar, ob Charles Taylor im Nachbarland Sierra Leone tatsächlich eine grausame Rebellenarmee befehligte. So hätte es auch für einen Freispruch gute Gründe gegeben.

Ein Kommentar von Stefan Klein

Die "Schweinehund-Theorie": Wenn Strafrechtler davon sprechen, dann meinen sie, dass es ein übel beleumdeter Angeklagter immer schwer hat, vor Gericht ungestraft davonzukommen. Er mag mit der Sache, die man ihm vorwirft, nichts zu tun haben, er mag so unschuldig sein wie ein frisch geborenes Baby, aber wenn er den Nachbarn als krummer Hund gilt, dem man schon immer alles Mögliche zugetraut hat, dann hat er wahrscheinlich auch bei den Richtern schlechte Karten.

Charles Taylor, der frühere Präsident von Liberia, hat seit langem einen denkbar schlechten Ruf. Er gilt vielen als Symbolfigur für all die Schrecken, die Afrika auch heute noch gelegentlich als das Herz der Finsternis erscheinen lassen. Warlord, skrupelloser Machtpolitiker, tückischer Manipulator, bedenkenloser Brandstifter, Anstifter zu Mord und Totschlag - die Medien, auch die SZ, haben sein Bild immer in grellsten Farben gemalt.

Als das Sondergericht für Sierra Leone vor knapp fünf Jahren damit begann, Taylor wegen schwerer Verbrechen gegen die Menschlichkeit den Prozess zu machen, da stand der Ausgang dieses Verfahrens eigentlich nie in Frage. Lange Haftstrafe, was denn sonst? Doch für ein Urteil braucht es Beweise, klare, eindeutige, über jeden Zweifel erhabene Beweise, und je länger der Prozess dauerte, desto deutlicher wurde, dass sich die Anklage genau damit eher schwertat. Hundert Belastungszeugen, aber zu einer sauberen Beweiskette wollten sich deren Aussagen nicht fügen.

Ob Taylor wirklich, wie behauptet, im benachbarten Sierra Leone eine besonders grausame Rebellenbewegung befehligt, finanziert, mit Waffen unterstützt und so unsägliches Leid über ein ganzes Land gebracht hat - es ist nicht wirklich klar geworden in diesem langen Verfahren. Zweifel sind geblieben, und Zweifel, das ist ein eherner Grundsatz, sollten sich immer zugunsten des Angeklagten auswirken. Somit hätte es durchaus Gründe gegeben für einen Freispruch. Doch das Sondergericht für Sierra Leone hat alle bisherigen Angeklagten für schuldig befunden und zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Keiner kam unter zwanzig Jahren weg, und Taylor soll offenbar keine Ausnahme sein.

Über die Zweifel hinweggelesen

Das Strafmaß steht noch nicht fest, aber der Schuldspruch ist am Donnerstag gefällt worden. Bei so ziemlich allem, was in Sierra Leones Bürgerkrieg an Verbrechen und Grausamkeiten geschehen ist, gab es nach Meinung der Richter einen entscheidenden Planer und Helfer: Charles Taylor. Dreizehn Monate haben sich die drei Richter für das Urteil Zeit gelassen. Mehr als 50.000 Seiten Zeugenaussagen waren zu lesen - und ganz offensichtlich hat man dabei über die Zweifel hinweggelesen.

Die Anklage hat gesiegt, nicht in allen Punkten, aber es wird reichen, um Taylor auf lange Zeit in einer Zelle in einem britischen Gefängnis verschwinden zu lassen. Es ist der Platz, an dem einer landet, wenn er der Schweinehund ist.