Protest-Kulturen "Ich ziehe den Betrug der Wähler vor"

Ganz Frankreich geht gegen gebrochene Wahlversprechen auf die Straße und in der Bundesrepublik schwankt man zwischen Fleiß und Hysterie. Warum reagieren einzelne Nationen so unterschiedlich auf die Sparpolitik ihrer Regierungen?

Von Andreas Zielcke

Als Don Draper, der Held der fabelhaften TV-Serie Mad Men, seiner allzu braven Assistentin kündigt, hält sie ihm mit tränenden Augen entgegen: "Aber ich regle doch ständig alle Ihre Dinge!" Don Drapers kühle Antwort: "Sie sollten nicht meine Dinge regeln, sie sollten die Erwartungen der Leute managen!"

Das ist der politische Satz des Jahres. Er zieht die Lehre aus dem Wahldebakel der Demokraten in Amerika, aus dem Konflikt um Frankreichs Rentenreform oder aus Stuttgart 21. Mag es auch die urdemokratische Binsenweisheit sein: Es nützt nichts, wenn Regierungen "richtig" handeln. Sie müssen zugleich die Erwartungen ihrer Bürger erfüllen, vor allem dadurch, dass sie ihnen Mitsprache und Realisierungsoptionen geben.

Aber es gibt noch einen zweiten Satz des Jahres. Er ergänzt den ersten: Alle Globalisierung hat den nationalen Mentalitäten nicht den Boden entzogen. In den USA, Frankreich, Großbritannien oder Deutschland haben die Mehrheiten auf die Krise und die fiskalische Not des Staates ziemlich genau so reagiert, wie es in ihrem historisch-kulturellen Drehbuch festgeschrieben zu sein scheint.

Fast mustergültig hielten sich Frankreich und Großbritannien an ihre klassischen Rollen. Beide müssen, um den Bankrott zu vermeiden, den Haushalt drastisch schrumpfen. Großbritannien wird eine Austerity-Politik von brutalstmöglichem Ausmaß auferlegt: Bürger und Medien nehmen es gefasst hin; nur die Studenten tanzen jetzt aus der Reihe und machen Randale wegen der Multiplikation der Studiengebühren. Frankreich steht vor einer überfälligen Rentenreform: Die Bürger legten das ganze Land durch Straßenproteste lahm. Was jenseits des Kanals eine schweigende, das ist diesseits eine streikende Mehrheit.

"Auf den ersten Blick", sinniert die britische Financial Times, "bekräftigen die unterschiedlichen Reaktionen jene nationalen Stereotypen, die beide Länder einander zuschreiben. Seit je vermuten die Briten, dass das Land des Marquis de Sade Dritten nur allzu gerne Schmerzen zufügt, aber selbst unfähig ist, Härten auszuhalten. Doch umgekehrt rätseln die Franzosen über den britischen Masochismus und die Neigung ihrer Nachbarn, selbst dann Verantwortung zu übernehmen, wenn keiner ihnen die Schuld anlastet. Wie erkennt man einen Engländer im Kino?, fragt ein französischer Witz. Es ist derjenige, der sich entschuldigt, wenn du ihm versehentlich auf den Fuß trittst."

Differenzen in Konstitution und Mentalität

Die Zeitung mutmaßt dann zwar, dass die Franzosen, im Unterschied zum Vereinigten Königreich, ihren Protest schon deshalb auf die Straße tragen müssen, weil ihre präsidiale Verfassung der parlamentarischen Opposition zu wenig Kraft verleiht. Doch diese konstitutionelle Differenz drückt natürlich ihrerseits konträre politische Mentalitäten aus.

Dem britischen Vertrauen in ihre politischen Organe steht der "traditionelle britische Mangel an zivilem Engagement" (John Thornhill) gegenüber. Aufstände wie gegen Margaret Thatchers "Poll Tax" (eine einkommensunabhängige Kopfsteuer) sind die eruptive Ausnahme, die diese Regel bestätigt. Und selbst jene Proteste waren eher dem britischen Sinn für Fairness geschuldet, die man durch die Kopfsteuer verletzt sah, als durch die finanzielle Last als solche.

Manchmal haben die Franzosen ja recht, wenn sie sich über die britische Leidenslust mokieren. Im Jahre 1989 erklärte der spätere Premierminister John Major: "Wenn Politik nicht schmerzt, wirkt sie nicht". Trotzdem steckt aus englischer Sicht etwas anderes hinter der Härte sich selbst gegenüber, nämlich die Fähigkeit, sich Katastrophen mutig zu stellen und Niederlagen mit spöttischem Lächeln zu begegnen. Wie Frankreich, so musste auch England den Verlust imperialer Größe hinnehmen. Doch statt der nicht tot zu kriegenden französischen Sehnsucht nach der einstigen "Grandeur" zeichnet die Briten ein heroischer Realismus aus. Besser, selbst als Unterlegene auf dem Boden der Tatsachen zu kämpfen als auf dem imaginären Fechtboden der Musketiere. So will man auch mit dem "budgetary blitz" fertig werden; die Metapher sagt alles.

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