Guttenberg unter Plagiatsverdacht Sein höchstes Gut

Nicht Guttenbergs Politik weckt Leidenschaften in der Bevölkerung, sondern das, was Sympathisanten und Guttenberg-Allergiker in seine Person projizieren. Darin liegt die Gefahr in der aktuellen Plagiats-Affäre. Es steht für Guttenberg auf dem Spiel, wovon er fast ausschließlich lebt: sein Ruf.

Ein Kommentar von Kurt Kister

Haben wir eigentlich keine anderen Probleme, als uns über eine zusammengeschusterte Doktorarbeit aufzuregen? Doch, natürlich haben wir die. Der Streit über Hartz IV ist wichtiger, die Bildungsarmut vieler Kinder bedrückender und der Aufruhr zwischen Algerien und Iran viel bedeutender. Und dennoch ist zurzeit das dominierende Thema in vielen Kantinen, in etlichen Kneipen und allemal an den digitalen Stammtischen Karl-Theodor zu Guttenbergs Unterschleif.

Nachdem die Süddeutsche Zeitung damit begonnen hat, findet man nun überall Dokumentenvergleiche, als ginge es um die Interpretation zweier Versionen des Zusatzprotokolls zum Hitler-Stalin-Abkommen. Es geht aber zunächst nur darum, dass der Doktorand Guttenberg an einigen Stellen nachlässig, an anderen offenbar mutwillig fremderleuts Texte ohne Autorenzuschreibung verwurstet hat. In diesem Sinne ist er Plagiator, auch wenn er den größten Teil seiner Arbeit vermutlich selbst geschrieben hat. Nicht das quantitative Ausmaß des Abschreibens definiert das Plagiat, sondern die Tatsache, dass einer überhaupt fremde Gedanken stiehlt. Allerdings bleibt dabei rätselhaft, warum er Texte auch aus FAZ und NZZ expropriiert hat. Weder hat es ihm die Arbeit erleichtert, noch ist die Dissertation so besser geworden.

Zwar müssen Akademiker, Schriftsteller, Künstler und durchaus auch Journalisten Interesse daran haben, dass in ihren Kreisen nicht plagiiert oder gefälscht wird. Es kommt trotzdem immer wieder vor - vom unbekannten Diplomanden über die Copy-und-paste-Pubertätsautorin bis zum Interview-Fälscher. Die meisten Fälle bleiben unerkannt, ein paar leben in der Branche fort, und kaum einer schafft es zu nationaler Aufmerksamkeit. Das ist in Ordnung so, weil sie zwar verwerflich sind, aber zumeist auf dem Niveau des Ladendiebstahls liegen.

Bei Guttenberg aber wird die Bedeutung des Delikts von der Wahrnehmung der Person bestimmt. Es gibt nicht viele Deutsche, die keine Meinung zu Guttenberg haben. Er steht immer noch als der populärste Politiker an der Spitze aller Meinungsumfragen. Viele seiner Fans, Unterstützer und Befürworter halten mittlerweile fast jede Kritik an ihm für eine gegen die Person gerichtete Kampagne. Sie setzen sich kaum mehr inhaltlich mit der Kritik auseinander, sondern greifen ihrerseits die Kritiker an - mal argumentativ, oft nur plump. Die Guttenberg-Verteidigung hat ein Zentralorgan, die Bild-Zeitung. Ihr Kolumnist Franz Josef Wagner fasste die Linie right or wrong, my Guttenberg in zwei schönen Sätzen zusammen: "Macht keinen guten Mann kaputt. Scheiß auf den Doktor."

Auf der anderen Seite aber gibt es nicht wenige, für die Guttenberg viele Vorurteile bestätigt, die man über die Schwarzen, den Adel, die Reichen, die Show-Politiker hegen kann. Auch unter diesen Guttenberg-Allergikern verfestigen sich mit jedem neuen Streit über den Baron Meinungen zu Gewissheiten. Dass sich "so einer" eine Doktorarbeit sowieso mit Geld oder Einfluss kauft, halten sie auch ohne Beweis ebenso für bewiesen, wie sie den Mann insgesamt als Verkörperung von vielem sehen, was in der Politik schlecht gelaufen ist. Und dann ist da noch dieser Neidreflex, weil es seit Willy Brandt keinen populären linken Politiker mehr gegeben hat.

Seins oder nicht seins?

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