Parteien im Landtagswahlkampf Zur Sonne, zur Freizeit

Wahlkampf im Sand: Rico Gebhardt (links) und Bodo Ramelow posieren am Strand von Zinnowitz (Mecklenburg-Vorpommern) in einem Strandkorb.

(Foto: dpa)

Die Wähler sind verreist, der Wahlkampf für Sachsen und Thüringen fällt fast vollständig in die Ferien. Was machen die Politiker? Sie reisen ihnen hinterher. Eindrücke vom Strand auf Usedom.

Von Cornelius Pollmer, Zinnowitz/Ahlbeck

Es ist 16:36 Uhr, als Rico Gebhardt noch einmal allen Mut zusammennimmt, der einem Politiker im Wahlkampf so zur Verfügung steht. Am Morgen dieses Freitags ist Gebhardt in Dresden in einen Bus gestiegen, 450 Kilometer ist er gefahren, um hier, auf der Insel Usedom, für Sachsens Linke zu werben, als deren Spitzenkandidat er bei der Landtagswahl am 31. August antritt. Nur deswegen steht Gebhardt nun auf dieser Seebrücke, ein paar Flyer in der Hand und ein Ziel vor Augen: Die Ostseeküste soll für ein paar Stunden zur Costa Rico werden. Allein, wie stellt man das an?

Gebhardt schiebt sich einem Badebehosten in den Weg, Tschuldigung, woher kommen Sie denn? "Aus Bayern, hört man doch", sagt der Mann, Gebhardt lächelt verzagt. Die nächste Niederlage im Sachsenlotto folgt auf den nackten Fuß - gleiche Frage, neue Antwort: Niedersachsen. "Ahhhh", macht Rico Gebhardt da, im Unterton die Einsicht, dass er jetzt genauso gut versuchen könnte, am Flughafen in Dresden Kreditkarten zu verkaufen. Andererseits veranstaltet die Linke den Zirkus am Strand ohnehin eher in der Hoffnung auf großflächige Berichterstattung, und die Bild-Zeitung will jetzt mit Gebhardt noch einmal an den Strand gehen. Dort soll er ein bisschen Ball spielen, das macht sich bestimmt gut auf den Fotos. Gebhardt stapft also los, und als endlich ein Sommerkind fürs Bild gefunden ist, da beugt er sich ein bisschen onkelhaft zu ihm und setzt ein weiteres Lächeln auf. Offiziell tritt Rico Gebhardt hier als Politiker auf, doch aus der Ferne sieht er in seiner roten Hose und dem weißen Hemd eher aus wie ein Bademeister.

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Gleichwohl ist ihm einiges zugutezuhalten. Erstens gibt es die Sommertour der Linken seit 16 Jahren, das schwächt den Vorwurf des Opportunismus. Zweitens ist die Ausweitung der Wahlkampfzone in diesem Sommer eine überparteiliche Angelegenheit, wie die SPD später noch beweisen wird. Drittens sind die Umstände anzuführen, unter welchen die Parteien vor den Landtagswahlen heuer um Stimmen werben müssen. In Sachsen wird am letzten Sonntag der Sommerferien gewählt, in Thüringen nur zwei Wochen später, und die Menschen aus beiden Bundesländern verbringen diese Ferien traditionell vorzugsweise an der Ostsee. Das Dilemma liegt also genauso auf der Hand wie dessen Lösung: Politiker müssen dorthin gehen, wo die Wähler sind, da unterscheidet sich ein Erdoğan-Besuch in Köln gar nicht so sehr vom Auftritt einer gealterten Linken-Boygroup am Strand von Zinnowitz.

Möwen kreischen Beifall

Etwa 30 Menschen verlieren sich auf dem Platz vor der kleinen Muschelbühne, als Bundestagsfraktionsvize Dietmar Bartsch beginnt, fröhlich mit seiner Sandale zu wippen und die Chancen linken Personals und linker Politik in diesem Sommer abzufragen. Er tut dies bei Rico Gebhardt, der in Sachsen wohl Oppositionsführer bleiben wird, und er tut dies vor allem bei Bodo Ramelow, dem sich am 14. September in Erfurt die historische Möglichkeit bietet, Deutschlands erster linker Ministerpräsident zu werden. Während er hier Wahlkampf mache, sagt Ramelow, "sitzt mein Landesvorstand zu Hause und bereitet diesen inhaltlich vor." Möwen kreischen Beifall.

Das Ziel sei "ein heißer Wahlkampf, schwitzen für den Erfolg." Ramelow geht da mit gutem Beispiel voran, er hat sein Wechselhemd im Quartier gelassen, der Erfolg wächst minütlich und sichtbar. Irgendwann meint man sogar, auf seinem Hemd die Insel Usedom wiederzuerkennen, vermutlich sitzt man aber selbst schon zu lange in der Sonne. 38 Grad seien es dort, nur elf weniger im Schatten, vermeldet Dietmar Bartsch und versucht etwas glücklos, die Temperaturen in Wahlergebnisse umzurechnen.

Wie man sich einem Ferienpublikum besser nähert, führt hernach Gregor Gysi vor, der Pultheilige der Linkspartei. Wie der Zweitplatzierte eines Alfred-Biolek-Ähnlichkeitswettbewerbs steht er zunächst am Rand, auf der Bühne angekommen sagt er, ihm sei "empfohlen worden, einiges abzulegen. Ich habe die Grenzen gewahrt." Die Leute lachen, dann folgt das für Gysi wahlkampftypisch launig vorgetragene Rundum-sorgenvoll-Paket. Als er von der Eskalation der Weltkonflikte spricht, malt ein Junge im Schatten eines Baumes so etwas wie einen Atompilz in den Staub. "Und dann ist da ja noch NSA", fährt Gysi fort, vor inzwischen 150 Menschen. Die Welt ist während der 75-minütigen Rede ein paar Mal am Abgrund, einerseits. Andererseits sieht man doch sehr viele lachende Kinder, sandige Beine und satt gebräunte Oberkörper. Die Freiheit der Wahl besteht für das Publikum nun vor allem darin, entweder diese Distanz zwischen dem erlebten Urlaub hier und dem beschriebenen Elend anderswo zu überbrücken - oder doch lieber ein Eis essen zu gehen.

Man wolle niemanden belästigen, sagt Gysi

Die Schwierigkeiten einer solchen Reise lassen sich nicht ganz auflösen, das erfährt auch Martin Dulig am nächsten Morgen. Die sächsische SPD hat den Termin der Reise mit der Linken abgestimmt, um den Nachrichtenwert des Pakets zu erhöhen. Die Journalisten sind praktischerweise gleich da geblieben, am Samstag nun sitzen sie 25 Strandkilometer östlich in Ahlbeck. Dulig, der SPD-Spitzenkandidat, hat gerade ein Plakatmotiv vorgestellt, das von diesem Montag an 15-fach an küstennahen Ausfallstraßen die Urlauber an die SPD und auch an den Termin der Wahl erinnern soll. Dieser ist laut Umfragen der Hälfte der Sachsen eher unbekannt.

Man könnte es also als einen so demokratischen wie schlüssigen Akt verstehen, wenn Martin Dulig an die Ostsee reist, um dem MDR dort in einem Interview zu erklären, dass er die Sachsen im Urlaub nicht stören will. Man sieht darin aber dann doch eher die Widersprüchlichkeiten einer solchen Reise. Gregor Gysi hatte gesagt, man wolle niemanden belästigen, aber gerade im Urlaub habe man doch auch mal Zeit, "über einiges nachzudenken und sollte das vielleicht auch tun." Dagegen spricht erst mal nichts, dann aber doch die Vermutung, den Parteien gehe es weniger um die paar Kontakte am Strand als um die tausendfache Kunde davon im Heimatfernsehen und in der Heimatzeitung.

Dafür sind Trubel und Aufwand natürlich schon wieder gewaltig, und auch die Aufregung, die so ein Wahlkampftross am voll belegten Ostseestrand hinterlässt. Dort erzählt der Wahlkämpfer Rico Gebhardt übrigens dann noch die schöne Geschichte, dass er privat ja viel lieber im Winter an die Ostsee fahre. Nämlich dann, "wenn keine Leute da sind".