NS-Diktator Adolf Hitler Die Legende vom Charisma

Erst politisch nicht festgelegt, dann rechter Trommler, schließlich "deutscher Messias": Ludolf Herbst erzählt, wie Adolf Hitlers Nimbus aufgebaut wurde.

Von H. Mommsen

Die Deutschen meinen, Hitler zu kennen. Dass es den zahlreichen Monographien zum Trotz möglich ist, das festgefügte Hitlerbild zu modifizieren, zeigt Ludolf Herbst. Er weist nach, dass Hitlers Rolle als "deutscher Messias" auf einer Erfindung seiner frühen Gesinnungsgenossen beruht und mithin dessen Charisma auf eine Legende zurückgeht.

Begeisterung für den "Führer": Soldaten der Wehrmacht mit Diktator Adolf Hitler im Jahre 1940

(Foto: Foto: SZ Photo)

Herbst sucht - wie viele Interpreten vor ihm - den Widerspruch zwischen Hitlers intellektueller Mediokrität und seiner Unfähigkeit, soziale Kontakte zu knüpfen einerseits und seiner herausragenden propagandistischen Begabung, seiner Rolle als Parteiführer und als Reichskanzler andererseits, zu erklären.

Um plausibel zu machen, warum so viele Deutsche Hitler verehrten, wird dessen charismatische Begabung angeführt. Insbesondere Hans-Ulrich Wehler hat seiner Deutung das Charisma-Konzept Max Webers zugrunde gelegt.

Ähnlich wie Ian Kershaw entwirft Wehler eine bipolare Sicht der NS-Diktatur, wonach die Ausnützung der in Deutschland nach 1918 herrschenden "charismatischen Situation" durch Adolf Hitler mit einer mehr oder minder bedingungslosen Gefolgschaft der großen Mehrheit des deutschen Volkes korrespondiert. Dabei wird Hitler große politische Begabung und Zielstrebigkeit zugeschrieben.

Jede Meinung war ihm recht

Herbst wirft die Frage auf, warum sich Hitlers Charisma in dem durch bürokratische Herrschaft geprägten Umfeld seiner Zeit überhaupt hat entwickeln können. Er legt den Akzent auf den Prozess der "Veralltäglichung" des Charismas und damit auf die Wechselwirkung von charismatischer Mobilisierung und deren im Zuge der Machtakkumulation notwendig eintretender institutioneller Verfestigung.

Dabei stellt sich zunächst die Frage, von welchem Zeitpunkt an Hitler überhaupt als "Charismatiker" bezeichnet werden kann. Herbst gelangt zu der überraschenden Feststellung, dass bei Hitler für die Lebensphase bis 1919/20 alle Voraussetzungen dafür fehlen.

Zum Zeitpunkt seiner Entlassung aus dem Lazarett in Pasewalk und seines Eintritts in die Bayerische Reichswehr war Hitler in keiner Weise politisch festgelegt: Jeder Richtung, die ihm eine soziale Bindung verhieß, hätte er sich angeschlossen.

Hitlers Dienst beim Gruppenkommando 4 der Bayerischen Reichswehr, den er am 31. März 1920 beendete, besaß, so Herbst, "entscheidende Bedeutung für die Formierung des Politikers Hitler". Damals erhielt er wichtige ideologische Anregungen, die durch den Einfluss der Thule-Gesellschaft vertieft wurden. Er propagierte nun zum einen die "Kriegsschuldlüge" und zum anderen einen eliminatorischen Antisemitismus.

Hitlers psychologische Festigung als Person vollzog sich ausschließlich durch das Medium seiner rhetorischen Auftritte. Sie bahnten ihm den Weg zum politischen Erfolg. Doch erst nach dem Putschversuch vom 9. November 1923, nachdem das militärische Umsturzprojekt mit Erich Ludendorff als Galionsfigur gescheitert war, trat Hitler mit charismatischem Führungsanspruch auf.

Sein Engagement in der DAP und seine neue Rolle als deren Agitator erfolgte auf Betreiben der Reichswehr.

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