Nato-Gipfel Trump leistet sich eine Unverschämtheit zu viel

  • Das Verhältnis zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten hat beim Nato-Gipfel in Brüssel einen neuen Tiefpunkt erreicht.
  • US-Präsident Trump nutzt das Treffen am Mittwoch für heftige Attacken.
  • Merkel und Trump liefern sich beide öffentlich einen Zweikampf - und reden dann eine Stunde lang miteinander.
Von Daniel Brössler und Stefan Kornelius, Brüssel

Manchmal findet vermutlich auch Angela Merkel, dass es nicht einfach ist, Angela Merkel zu sein. Wie soll sie das jetzt machen? Donald Trump hat den Morgen mit einer Kriegserklärung begonnen, hat Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg schon zum Frühstück Hasstiraden über Deutschland mit solcher Inbrunst serviert, dass die Kanzlerin nicht so tun kann, als wäre alles ganz normal. Als sie nach einem Marsch in ihrem unglaublich blauen Jackett über einen unglaublich blauen Teppich vor den Kameras angekommen ist, sagt sie erst mal: "Ich freue mich auf den Nato-Gipfel und rechne allerdings auch mit kontroversen Diskussionen."

Kontroverse Diskussionen also. Merkel hat beschlossen, dass sie Trump diesmal nicht einfach ignorieren kann. Die Attacken des amerikanischen Präsidenten hat sie oft schon ausgesessen - im Weißen Haus, beim Treffen der G 7. Im Zweifel zog sie ihn zur Seite und bearbeitete ihn mit Fakten und Argumenten. Nach außen funktionierte diese kühle Sachlichkeit wie ein Schild. Das scheint Trump nun durch stetigen Beschuss durchlöchert zu haben.

Es kommt nicht nur schlimm, es kommt katastrophal

Kritik sind die Partner Donald Trumps bereits gewöhnt. Doch der Auftakt des Nato-Gipfels ist noch mal eine Steigerung. Das bekommen vor allem die deutschen Vertreter zu spüren. Von Daniel Brössler mehr ...

Von den Angriffen haben sie in Merkels Delegation noch in Berlin erfahren. Nach der Kabinettssitzung war Zeit, die Antwort vorzubereiten. Sie fällt merkelisch sachlich aus. "Der Gipfel ist gut vorbereitet, aber in den Diskussionen werden wir sicherlich auch unterschiedliche Positionen haben." Deutschland verdanke der Nato sehr viel, leiste aber auch "sehr viel für die Nato" - als zweitgrößter Truppensteller, als Land, das den größten Teil seiner militärischen Fähigkeiten in den Dienst der Nato stelle, und das "bis heute sehr stark" in Afghanistan engagiert sei. "Damit verteidigen wir auch die Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika", bemerkt die Kanzlerin geradezu spitz. Afghanistan war einst der Krieg, den die Nato auf Bitten der USA führte, gemäß der Beistandsgarantie nach Artikel 5. Zum ersten Mal in der Nato-Geschichte. Deutschland tue "dies sehr gerne und aus Überzeugung".

Die kurze Bemerkung Merkels ist Teil eines irren Zweikampfes, der diesen Brüsseler Nato-Gipfel bestimmt. Es sei "traurig, dass Deutschland einen riesigen Deal mit Russland schließt, während wir Deutschland verteidigen sollen", hatte Trump sich am Morgen bei Stoltenberg beschwert. Es ging ihm um die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2, deren Bau bereits begonnen hat. Da sitze ein früherer deutscher Kanzler - Gerhard Schröder - sogar im Aufsichtsrat, beklagte sich der Präsident. Deutschland werde zu fast 70 Prozent von russischem Gas abhängig sein. "Deutschland wird total von Russland kontrolliert", redete sich Trump in Rage. Und: "Deutschland ist ein Gefangener Russlands."

In diesen Worten steckt eine Unverschämtheit zu viel, die Merkel verbal zurückschlagen lässt - auf ihre Weise. "Ich möchte aus gegebenem Anlass hinzufügen, dass ich erlebt habe, dass ein Teil Deutschlands von der Sowjetunion kontrolliert wurde", sagt die Kanzlerin. Sie sei "sehr froh, dass wir heute in Freiheit vereint sind", und dass "wir unsere eigenständige Politik machen können und eigenständige Entscheidungen fällen können". Das sei sehr gut "gerade für die Menschen in den neuen Bundesländern". In Sachen Ost- und Russlandkompetenz will sich Merkel von Trump nicht belehren lassen.

Im Zentrum des Konflikts zwischen den beiden steht freilich nicht das Gas, sondern das Geld. "Wir verteidigen Deutschland, wir verteidigen Frankreich, wir verteidigen jeden, und wir zahlen viel Geld für diese Verteidigung. Das geht seit Jahrzehnten so", ätzt Trump. Deutschland gebe gerade einmal ein Prozent seiner Wirtschaftskraft für Verteidigung aus, die USA 4,2 Prozent, rechnet der US-Präsident vor.

Das stimmt zwar nicht, denn nach der Nato-Statistik sind es 3,5 Prozent und Deutschland liegt bei 1,24 Prozent. Doch Trump kommt gerade erst in Fahrt. "Das ist sehr unfair gegenüber unserem Land und sehr unfair gegenüber unseren Steuerzahlern", beschwert er sich. "Deutschland ist ein reiches Land", es könne schon "morgen" problemlos mehr zahlen.

Überhaupt will er, dass alle mehr Geld ausgeben. Vier Prozent der Wirtschaftsleistung sollen die Mitglieder künftig zahlen, findet er. Und am Abend kommt ihm noch eine andere Forderung in den Sinn: Zwei Prozent, hämmert er in sein Twitter-Konto, müssten die Nato-Staaten jeweils aufbringen, sofort.