Landtagswahlen Warum die AfD so erfolgreich ist

Anti-Flüchtlings-Partei, Protestpartei, Social-Media-Partei: Die Erklärungsansätze im Überblick.

Von Hannah Beitzer

1. Die Anti-Flüchtlings-Partei

Es gab ein Thema, das in diesem Wahlkampf, an diesem Wahlsonntag alle anderen überlagert hat: die Flüchtlinge. Die AfD ist gegen "Multikulti", prangert das "Asylchaos" an, ist stattdessen für "Mut zu Deutschland", für "kontrollierte Zuwanderung". Zwei Spitzenfrauen der Partei sorgten mit ihren Aussagen zum Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge für einen Skandal - aber halt nur unter Wählern, die es für unmoralisch und falsch halten, auf Flüchtlinge zu schießen. Daneben scheint es aber eine ganze Reihe von Menschen zu geben, die das nicht gestört hat und die der AfD in Sachsen-Anhalt ein neues Rekordergebnis bescherten. Der dortige Landesverband gilt als enger Verwandter der AfD in Thüringen, deren bekanntester Politiker Björn Höcke selbst manchem Parteifreund zu radikal ist.

Ist also die Flüchtlingspolitik schuld am Erfolg der AfD? Diese Erklärung bemühten fast alle politischen Gegner nach dem Schock der Wahlnacht. Bei manchen, vor allem in der CDU, schwingt hinter vorgehaltener Hand Bedauern und leise Kanzlerinnen-Kritik mit: Man könne halt nicht Politik gegen den Willen des Volkes machen. Rechts von der Union scheint auf einmal viel Platz zu sein - zu viel Platz, wie vor allem die CSU bemängelt. Doch als Erklärung allein reicht das nicht aus - immerhin verbuchte die AfD bereits Erfolge in Wahlen, als von einer "Flüchtlingskrise" noch nicht die Rede war, nämlich im Herbst 2014. Auch damals schürte sie zwar rechte Ressentiments - doch es steckt mehr hinter ihrem Erfolg.

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2. Die Protestpartei

Eine wesentliche Antriebskraft für den Erfolg der AfD ist der Hass auf die etablierten Parteien, "die Politiker" und die Medien. Die Alternative für Deutschland inszenierte sich von Anfang an als Protestpartei, gegen "die da oben". Das macht sie attraktiv für alle, die die Schnauze voll haben von Politik, die "den Politikern" mal einen Denkzettel verpassen wollen. "Merkel muss weg"-Rufe sind beliebt - so wie zum Beispiel auf der Wahlparty der AfD in Magdeburg. Vor diesem Hintergrund lassen sich auch die Ergebnisse des Wahlsonntags deuten.

In Sachsen-Anhalt, dem Bundesland mit dem besten AfD-Ergebnis, gibt es besonders viele Menschen, die sich eigentlich von der Politik abgewandt haben. Das Land hat die durchschnittlich niedrigste Wahlbeteiligung aller Bundesländer, zuletzt bildete es zur Bundestagswahl 2013 das Schlusslicht. Am gestrigen Sonntag war die Wahlbeteiligung dann ungewöhnlich hoch. Sie lag bei 62 Prozent. Das kam Schätzungen zufolge vor allem der AfD zugute. Einen interessanten Aspekt zu dieser Debatte steuerte neulich Malte Lehming vom Tagesspiegel bei: Womöglich profitiere die AfD auch von sogenanntem "pity voting". Also von Wählern, die das Gefühl haben, die Alternative für Deutschland werde von anderen Parteien und den Medien ungerecht behandelt - und die ihr deswegen quasi aus Mitleid ihre Stimme geben.

Nun haben Protestwähler unter Parteien keinen besonders guten Ruf. Sie gelten als launisch und passiv: so schnell wie sie da sind, sind sie wieder weg. Erst recht, wenn sie das Gefühl haben, sie werden auch von der neuen Partei, der sie ihre Stimme gegeben haben, nicht gehört. Doch da greift eine weitere Besonderheit der AfD.

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3. Die Social-Media-Partei

Die AfD ist wohl die am besten in sozialen Medien vernetzte Partei Deutschlands. 240 000 Fans hat sie auf Facebook, doppelt so viele wie die CDU. Die Alternative hat sich dort ein richtiges kleines Paralleluniversum aufgebaut - Sympathisanten tauschen sich aus, teilen politische Beiträge oder lästern einfach nur über "Gesinnungsterror", "Gender-Gaga", "Asylchaos" und was sonst für sie alles verwerflich ist. Der Zeit-Reporter Malte Henk hat sich für dieses lesenswerte Dossier unter falschem Namen tief hineinbegeben in diese Struktur. Sein Artikel zeigt, wie sich AfD-Anhänger eine eigene, abgeschottete Gedankenwelt schaffen - und die nicht gleichgesinnte Umwelt als feindlich empfinden.

Der Austausch mit Gleichgesinnten bringt ein Gefühl von Zusammenhalt, von politischer Aktivität, von gegenseitiger Bestätigung - alles unter dem Label "AfD". Was einzelne AfD-Politiker in einzelnen Landtagen machen, ist im Vergleich dazu vielleicht gar nicht so wichtig. Doch auch bei den Social-Media-Umtrieben bleibt es nicht.

4. Die Partei der donnernden Reden

Die AfD ist längst auch eine Partei, deren Spitzenpersonal donnernde Reden und das Einpeitschen ihrer Anhänger gut beherrscht. Die Codewörter, die wie von Malte Henk beschrieben in sozialen Medien durchexerziert werden, funktionieren auch im wahren Leben - auf Parteitagen, Versammlungen, in Gasthöfen und eben auf Wahlpartys.

Das zeigte zum Beispiel die Rede Björn Höckes auf der Wahlparty in Magdeburg. Die AfD-Anhänger stellte er als Löwen, als Kämpfer für das Gute dar. Wütend adressierte er (freilich folgenlose) Rücktrittsforderungen an Angela Merkel - und wie aus einem gut dirigierten Orchester erschallen als Antwort "Merkel muss weg"- Rufe. Die eigene Welt, die sich die AfD online kreiert hat, sie hat die Grenzen der sozialen Medien längst verlassen.

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